Staatliches Tierwohllabel sorgt für Diskussionen.

Kostenpflichtiger Inhalt: Ernährung : Der Streit ums Tierwohl geht weiter

Während die Politik sich seit Jahren schwertut, eine von Bauern gefürchtete Tierwohlkennzeichnung einzuführen, gibt es im Handel bereits eine Vielzahl von Fleisch-Labels. Mit höchst unterschiedlichen Ansprüchen. Ein Überblick.

Einem 110-Kilo-Schwein garantiert der Gesetzgeber gerade mal 0,75 Quadratmeter Platz im Stall. Masthühner drängen sich zu Tausenden auf engstem Raum. Und Sauen werden nach wie vor in Kastenständen eingesperrt, die so eng sind, dass sie sich nicht mal richtig hinlegen können. Vielen Verbrauchern stinkt das.

Obwohl laut Landwirtschaftsministerium 90 Prozent der Käufer bereit sind, mehr Geld auszugeben, wenn Tiere besser gehalten werden, ist das Angebot überschaubar. Nur zehn Prozent des Fleischs in Supermärkten und Discountern stammt aus besserer Tierhaltung. Das zeigt ein Marktcheck der Verbraucherzentralen.

Michael Horper, Präsident des Bauern- und Winzerverbands Rheinland-Nassau, erklärt dies damit, dass sich die Mehrkosten für Tierschutz nicht rechnen. „Dafür sind die Fleischpreise viel zu niedrig“, sagt er. Beim Anblick der Angebote, mit denen Discounter für Hack oder Gulasch werben, werde ihm schlecht. „Wenn Verbraucher und Politik nicht bereit sind, mehr Geld in die Hand zu nehmen, dann werden wir hier Glyphosatfleisch aus Südamerika und Hormonfleisch aus den USA bekommen“, sagt er. Fürchtet er doch, dass es irgendwann „lauter tolle Label gibt, aber keine Bauern mehr“. 1949 gab es in Rheinland-Pfalz noch 211 000 landwirtschaftliche Betriebe, 1999 waren es nur noch 35 000, 2017 nur noch 17 000. Tendenz stark sinkend. Horper fordert finanzielle Unterstützung.

Investitionen in den Tierschutz gingen in die Milliarden. Das könnten Betriebe nicht alleine stemmen. Zumal viele ihre Ställe noch nicht abgezahlt hätten. Den Ruf nach verpflichtenden Tierwohlauflagen sieht er daher kritisch.

Die Kennzeichnung, die Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) vorbereitet, beruht auf Freiwilligkeit. Das Label, das zunächst nur für Schweinefleisch gilt, soll bis Ende 2020 auf dem Markt sein. Geplant sind drei Stufen, die klar über dem gesetzlichen Mindeststandard liegen. Vorgesehen sind Kontrollen und bei Verstößen Sanktionen bis hin zu Gefängnisstrafen. Das Label sei, ähnlich wie das Bio-Siegel, ein Positivkennzeichen. „Das ist ein entscheidender Schritt zu mehr Tierwohl“, sagt Klöckner und kündigt an, Bauern beim Umbau der Ställe fördern zu wollen.

Kritik an der Freiwilligkeit kommt nicht nur von Tierschützern, sondern auch vom Koalitionspartner. Ohne eine Verpflichtung werde es kein Label geben, sagte SPD-Fraktionsvize Matthias Miersch. Die SPD werde die „Hochglanzpolitik“ Klöckners nicht mitmachen. Der vom Kabinett verabschiedete Gesetzesentwurf muss das parlamentarische Verfahren noch durchlaufen – was also holprig  werden könnte. Nach anhaltender Kritik an der Freiwilligkeit ihres eigenen Siegels hat Klöckner inzwischen angekündigt, sich für ein europaweit verpflichtendes Tierwohllabel einzusetzen. Dies werde sie zum Thema der deutschen Ratspräsidentschaft 2020 machen.

Schon jetzt gibt es im Handel eine verwirrende Vielzahl von Siegeln. Hier ein Überblick:

Der Deutsche Tierschutzbund zeichnet Fleischprodukte mit dem zweistufigen, blauen Logo „Für mehr Tierschutz“ aus. Schon die Einstiegsstufe (ein gelber Stern) bietet deutlich mehr Tierschutz als der gesetzliche Standard: 40 bis 50 Prozent mehr Platz, eine abwechslungsreichere Umgebung, kürzere Transportwege und eine schonendere Schlachtung. Die Premiumstufe (zwei Sterne) kennzeichnet ein hohes Tierschutzniveau: Schweine haben doppelt so viel Platz, Stroh zum Wühlen und Auslauf.

Bei der „Initiative Tierwohl“ handelt es sich um ein Bündnis aus Verbänden, Produzenten und Handelsketten.  Ziel ist nicht ein möglichst hoher, sondern ein breiter Tierschutz. Tiere haben zehn Prozent mehr Platz. Pro Kilo verkauftem Fleisch zahlen die Handelsunternehmen 6,25 Cent in einen Fonds ein, der die Mehrkosten der Erzeuger deckt.

Haltungsform: Aldi, Edeka, Lidl, Netto, Kaufland, Penny und Rewe  ordnen Fleischprodukte seit April 2019 in vier Stufen ein.  Stufe 1, „Stallhaltung“  umfasst den gesetzlichen Mindeststandard. Schweine leben auf mindestens 0,75 Quadratmetern, Jungbullen auf 1,5 bis 1,8 und maximal etwa 25 Hühner dürfen auf einem Quadratmeter zusammenkommen.  Stufe 2 „Stallhaltung Plus“ deckt sich mit den Anforderungen der Initiative Tierwohl. Tiere bekommen zehn Prozent mehr Platz und Beschäftigungsmaterial. Rinder müssen zudem in einem Stall mit Tageslicht stehen und dürfen nicht angebunden sein.  Stufe 3 „Außenklima“ Die Tiere haben etwa 40 Prozent mehr Platz. Zudem muss der Stall für Schweine und Rinder offen sein und für Puten und Hühner einen „Außenklimabereich“ bieten. Stufe 4 „Premium“ steht für noch mehr Platz: bei Schweinen mindestens 100 Prozent mehr. Sie müssen auch ständig Zugang zu einem Außenklimabereich haben und Stroh, in dem sie wühlen können. Hähnchen und Puten müssen mindestens während eines Drittels ihrer Lebenszeit Zugang zum Freigelände haben, Rinder brauchen Weidegang. Sowohl Bioprodukte als auch die Premiumstufe des Labels „Für mehr Tierschutz“ fallen in diese Kategorie.

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