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Steht die Landes-AfD vor der Zerreißprobe?

Trier. Ungewöhnlicher Appell: Stellvertretende Parteichefin Christiane Christen fordert Mitglieder zum Widerstand auf. Rolf Seydewitz

Droht der rheinland-pfälzischen AfD auf dem bevorstehenden Parteitag ein neuer Machtkampf? Das schon lange bestehende Zerwürfnis zwischen Parteichef Uwe Junge und seiner Stellvertreterin Christiane Christen spitzt sich jedenfalls weiter zu. Grund ist ein Aufruf Christens, in dem sie die Mitglieder unter Verweis auf den Landesparteitag in Bingen auffordert: "Hol dir deine Partei zurück!"

Unter der laut Christen bewusst in Anlehnung an das AfD-Wahlkampfmotto ("Hol dir dein Land zurück") gewählten Überschrift fordert die 44-Jährige dazu auf, sich auf die Gründungsideale der Partei zu besinnen. Dazu zählt die aus dem Rhein-Pfalz-Kreis kommende Inhaberin einer Werbeagentur beispielsweise, dass es in der AfD weder Ämterhäufung noch Ämterpatronage geben dürfe. Zudem dürften Vorstandsmitglieder nicht gleichzeitig eine bezahlte Beschäftigung im Umfeld der Partei wahrnehmen, fordert Christen unter Verweis auf die Satzung der Partei.

Die Vize-Landeschefin hat dabei nach eigenen Angaben nicht den Vorsitzenden Uwe Junge im Visier, "sondern Leute, die Junge angestellt hat". Die könne er nicht in den Vorstand holen, sagte Christen unserer Zeitung. Junge selbst hat mit einem zweiseitigen Schreiben an die "Mitglieder, Freunde und Förderer" der AfD auf die Vorwürfe reagiert. "Lassen wir uns nicht von den Unverstandenen und Verlierern unsere gute Arbeit kaputtreden", heißt es darin wörtlich, und: "Schenken Sie Gerüchten und Böswilligkeiten keinen Glauben."

Glaubt man der Adressatin von Junges verbalem Konter, hat Christiane Christens Aufruf Kreise gezogen. Er sei bereits von mehreren Hundert Leuten unterzeichnet worden, zudem habe sie viel Zuspruch und viele Anrufe bekommen, sagt die 44-Jährige. Christens Rückhalt in der Partei sei "gering bis sehr gering", meint der Trierer AfD-Landtagsabgeordnete Michael Frisch, der die Vorwürfe seiner Parteifreundin für "haltlos" hält. Nach Frischs Einschätzung wird sich der Zoff zwischen der stellvertretenden Parteivorsitzenden und dem AfD-Vorsitzenden auf dem Parteitag in Bingen klären. Da werde Christen keine Mehrheit mehr für ein Vorstandsamt bekommen - "und damit sind die Dinge geklärt", sagt Frisch.

Im Moment sieht es allerdings so aus, als würde es zu einer Abstimmung in Sachen Christen auf dem Binger Parteitag gar nicht erst kommen. Getreu ihrer eigenen Forderungen, die Satzung einzuhalten, will sich die 44-Jährige auf dem Landesparteitag nicht erneut zur Wahl stellen. "Ich sehe dafür derzeit keine rechtliche Grundlage", sagte Christen unserer Zeitung.

Der parteiinterne Zoff beschäftigt inzwischen auch die Justiz. Weil ihre Unterschrift auf eine an die AfD-Mitglieder verschickten Einladung zum Parteitag gedruckt worden sei, ohne dass sie ihr Einverständnis dazu gegeben habe, hat Christiane Christen nach eigenen Angaben Anzeige gegen unbekannt gestellt. Für den Konzer AfD-Parlamentarier Jens Ahnemüller ist der parteiinterne Knatsch in erster Linie eine Streitigkeit zwischen den beiden rheinland-pfälzischen Vorständen Junge und Christen. "Ich heiße das von beiden Seiten nicht gut", meint der Landtagsabgeordnete und fügt hinzu: "Die sollten sich zusammensetzen und ihre Differenzen klären." So etwas gehöre nicht in die Öffentlichkeit.

Dort ist der Streit allerdings nicht erst seit gestern angelangt. Schon im Vorfeld des AfD-Parteitags zur Aufstellung der Landesliste für die Bundestagswahl im März hatte Christen beklagt, dass sie im Vorstand geschnitten werde und wichtige E-Mails nicht bekomme.

Auf dem Parteitag selbst unterlag Christiane Christen im Duell um die Spitzenkandidatur gegen AfD-Fraktionsgeschäftsführer Sebastian Münzenmaier. In Interviews kritisierte sie anschließend den Führungsstil von Landeschef Uwe Junge. Ein Berufssoldat und eine selbstständige Unternehmerin - "das passt einfach nicht miteinander". Später verzichtete die selbstständige Unternehmerin auch auf ihre Direktkandidatur.

Parteiinterne Niederlagen musste Christiane Christen schon häufiger einstecken. Vor zwei Jahren kandidierte sie gegen den damals noch amtierenden Landesvorsitzenden Uwe Zimmermann. Dem Hochschulprofessor aus Saarburg warf die Herausforderin vor, er habe es nicht geschafft, den Landesverband zu befrieden und die Flügelkämpfe zu beenden. Zimmermann konnte sich gegen seine dem nationalkonservativen Flügel zugerechnete Kontrahentin seinerzeit durchsetzen.

Der Triumph war allerdings nur von kurzer Dauer: Wenige Wochen später - nach der Niederlage von AfD-Gründer Bernd Lucke auf dem Essener Bundesparteitag - erklärte der AfD-Landesvorsitzende Uwe Zimmermann gemeinsam mit weiteren rheinland-pfälzischen Mitgliedern seinen Austritt aus der Partei.

Sieht sich im AfD-Landesvorstand isoliert: Christiane Christen. Foto: privat
Sieht sich im AfD-Landesvorstand isoliert: Christiane Christen. Foto: privat FOTO: Gabi Mirgeler (g_pol3 )