Sternekoch Harald Rüssel verrät, warum er sich Klage gegen Dehoga anschließt

Interview Harald Rüssel : Sternekoch Harald Rüssel verrät, warum er sich Klage gegen Dehoga anschließt

Der bekannte regionale Sternekoch verrät, warum er sich der Klage gegen den Gastroverband Dehoga angeschlossen hat.

Herr Rüssel, warum haben Sie sich der Klage angeschlossen?

HARALD RÜSSEL Weil ich glaube, dass es Missstände gibt, gegen die man etwas unternehmen muss. Beim rheinland-pfälzischen Hotel- und Gaststättenverband habe ich den Eindruck, dass jemand immer mehr Kompetenzen an sich zieht und der Verband dabei in den Hintergrund gerät.

Aber Präsident Gereon Haumann hat sich ja nicht an die Spitze geputscht, er ist gewählt worden. Es war also eine demokratische Entscheidung ...

RÜSSEL Ich war an dieser demokratischen Entscheidung nicht beteiligt, da ich noch in anderen Berufsverbänden tätig war und weiter bin. Aber ich finde, dass es an der Zeit ist, einzugreifen. Deshalb habe ich mich der Gruppe der Kläger angeschlossen.

Wie waren denn die Reaktionen, als dies bekannt wurde?

RÜSSEL Ich habe sehr viele positive Reaktionen bekommen, auch von Leuten, die gar nichts mit der Gastronomie zu tun haben. Die meisten fanden es toll, dass jemand aufsteht, wenn es Missstände gibt. Wir Kläger hauen ja auch nicht drauf, wir hinterfragen. Das ist in diesem Verband offenbar nicht mehr üblich: Einer nimmt und nimmt, und alle anderen schweigen. Wir haben übrigens vor der Klage ein Gespräch gesucht, das nach Gutsherrenart abgebügelt worden ist. So kann man mit 20 ehrbaren Kollegen nicht umgehen, wenn die sich ans Dehoga-Präsidium wenden.

Hat man versucht, Sie von der Klage gegen die vorzeitige Amtszeitverlängerung Haumanns abzubringen?

RÜSSEL Mich nicht. Aber einige Kläger wurden aus Dehoga-Kreisen heraus kontaktiert, ob man nicht von der Klage Abstand nehmen wolle. In meinem Verband, den Jeunes Restaurateurs, ist es übrigens so, dass nach zwei jeweils dreijährigen Amtszeiten als Präsident automatisch Schluss ist. Das sorgt für frisches Blut. Und der Job ist wirklich ein Ehrenamt.

Zurück zum Dehoga: Die Kläger vertreten doch eine Minderheiten-Meinung. Über 80 Prozent haben Herrn Haumann gewählt.

RÜSSEL Leute, die ihn gut kennen, sagen: Gereon Haumann kann sich gut verkaufen. Deshalb ist er offenbar als Präsident gewählt worden. Jetzt geht es darum, dass er sehr viel vom Verband nimmt und sich mit den verschiedensten Vergütungen dafür überaus kräftig entlohnt. Und die kleinen Gastronomen müssen das dann zahlen. Ich appelliere an alle Kollegen, dass wir auch noch einmal Dinge infrage stellen dürfen und zurückkommen zu den eigentlichen Aufgaben eines Verbands: Er und sein Präsidium sollten für die Mitglieder da sein. Uns Gastonomen brennen beispielsweise Themen wie der anhaltende Fachkräftemangel, Betriebsübergaben oder die Touristikförderung  besonders auf den Nägeln.

Themen, die der Dehoga-Präsident in der Vergangenheit aber schon häufiger angesprochen hat ...

RÜSSEL Thematisieren reicht nicht, wir müssen immer wieder dranbleiben und das Problem an der Wurzel packen. Es reicht nicht, dass man eine Gruppe von 30 Spaniern an die Mosel holt. Es wäre auch zu hinterfragen, wie viele von ihnen einen Abschluss gemacht haben und noch hier sind. Damit ist das Problem noch immer nicht vom Tisch.

Gegen einen der Kläger, den Traben-Trarbacher Hotelier Matthias Ganter, läuft ein Ausschlussverfahren. Wie bewerten Sie dies?

RÜSSEL Das ist ein absolut unsägliches Verfahren. Matthias Ganter ist einer der integersten und qualifiziertesten Kollegen, die ich kenne. Und: Er gehört eher zu den stillen, bescheidenen Gastronomen. Er macht sehr viel für Traben-Trarbach und das Umland und ist mit seinen Betrieben ein Leuchtturm. Wenn so jemand jetzt derart niedergemetzelt wird, muss man dagegen seine Stimme erheben. Hinter Herrn Ganter stehen 19 weitere Kläger, die genau das Gleiche sagen wie er. Warum schließt man nicht alle 20 aus?

Noch läuft das Ausschlussverfahren ja. Wie werden denn die Reaktionen sein, sollte Ganter am Ende tatsächlich aus dem Dehoga ausgeschlossen werden?

RÜSSEL Dann wird das Rumoren auch derjenigen größer werden, die sich bislang nicht geäußert haben. Dafür werde ich mich persönlich einsetzen. Auf den Präsidentenstuhl gehört jemand, der sich selbst nicht so wichtig nimmt und den Verband ehrenamtlich führt. Und der mit seinem eigenen Betrieb anderen Kollegen ein Vorbild ist – so wie etwa Matthias Ganter.

Herr Haumann hat doch ein kleines Hotel in Bad Münster am Stein-Ebernburg.

RÜSSEL Ich kenne dieses Hotel leider nicht. Er ist jedenfalls mit einem Familienhotel in Horath, das übrigens gerade zwangsversteigert wird, gescheitert. Mit der jetzigen Honorierung beim Dehoga bewegt sich Herr Haumann übrigens auf einem extrem hohen Niveau. In meinem Verband ist es so, dass alle ehrenamtlich arbeiten. Es gibt eine Unkostenvergütung und einen Zuschuss für den Präsidenten, aber das war‘s. Niemand bekommt Zigtausende wie Herr Haumann. Das gilt übrigens auch für die anderen Dehoga-Landesverbände.

Wie sollte es Ihrer Meinung nach weitergehen?

RÜSSEL Mein Appell an die Kollegen ist: Wir sind alle auf einer Augenhöhe und sitzen im gleichen Boot. Die guten Dehoga-Projekte dürfen nicht gefährdet werden.  Wir sollten diesen Verband weiterhin demokratisch führen – zum Wohl der Mitglieder – und nicht überwiegend zum Wohl des Präsidenten.

Mit Harald Rüssel sprach TV-Redakteur Rolf Seydewitz

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