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Strahlende Mikrokugeln gegen den Krebs

Strahlende Mikrokugeln gegen den Krebs

Bösartige Lebertumoren werden im Brüderkrankenhaus Trier mit einer neuen Therapie behandelt. Das weckt Hoffnungen.

Trier Beim Arzt war er in den vergangenen Jahrzehnten fast nie. Als die Schmerzen am Rand des Rippenbogens einfach nicht vergehen wollten und immer stärker wurden, hat sich Klaus Schnoor (Name von der Redaktion geändert) aber doch überwunden. "Als mein Hausarzt bei der Ultraschalluntersuchung Schatten an der Leber entdeckt hat, kam das wie aus heiterem Himmel", erinnert sich der 56-Jährige. Im Onkologischen Zentrum des Brüderkrankenhauses Trier wurde der Bankangestellte aus dem Saarland komplett unter die Lupe genommen. Nach Computertomografie und zwei Darmspiegelungen war die traurige Diagnose gestellt: Darmkrebs in fortgeschrittenem Stadium mit Metastasen in der Leber. Diagnose Das war im April 2016. "Wenn man gefragt wird, ob man sich schon überlegt hat, was in einem halben Jahr sein könnte und es besser wäre, seine Angelegenheiten zu klären, muss man schon dreimal schlucken", erinnert sich Schnoor, der seine Geschichte ruhig und sachlich erzählt. Dass er das kann, hat er vermutlich Professor Winfried Willinek zu verdanken, der Ende 2014 vom Universitätsklinikum Bonn als Chefarzt und neuer Leiter des Zentrums für Radiologie, Neuroradiologie, Sonografie und Nuklearmedizin ins Brüderkrankenhaus Trier gekommen war. Willinek, inzwischen auch ärztlicher Direktor der über die Region Trier hinaus bedeutenden Klinik, hatte in Bonn Erfahrungen für ein innovatives Behandlungsverfahren von Krebspatienten gewonnen. Die Selektive interne Radiotherapie, kurz Sirt genannt (siehe Info), sollte auch in Trier zur Anwendung kommen. Als ihm dann Dr. Kim Biermann, einer der beiden leitenden Ärzte im Bereich Nuklearmedizin, in die Klinik gefolgt war, fehlte nur noch der passende Patient für die Premiere. Therapie "Die neuartige Therapie mit radioaktiv geladenen Mikrokugeln ist zwar für die Patienten weitgehend nebenwirkungsfrei", erläutert Willinek. "Dennoch ist nicht jeder Krebspatient für das Verfahren geeignet."Zwar laufen nach Angaben der Firma Sirtex derzeit weltweit 21 Studien mit mehr als 2000 Patienten, um die Effektivität der Therapie mit "SIR-Spheres Y-90 Harz-Mikrosphären" zu belegen. Solange das nicht abgeschlossen ist, darf die Behandlungsmethode aber nur in ausgewählten Zentren mit hohen Fallzahlen als Primärtherapie für die Behandlung von Leberkrebs angewendet werden. Die Firma Sirtex hat ihren Hauptsitz in Australien und existiert seit elf Jahren. Nach eigenen Angaben sind seitdem in über 40 Ländern insgesamt 70 000 Patienten mit Tumoren oder Metastasen in der Leber behandelt worden. Bei Patienten wie Klaus Schnoor, der wegen zu starker Nebenwirkungen die Chemotherapie abbrechen musste, geht es vor allem darum, die Lebensqualität zu verbessern. "Ich bin froh, dass ich bei Professor Willinek und seinem Team gelandet bin", sagt Schnoor, gut vier Monate, nachdem ihm mehr als 40 Millionen mit dem Isotop Yttrium-90 versetzte winzige Harzkügelchen über die Blutbahn gezielt in die Metastasen in der Leber injiziert wurden. Die genaue Dosis wurde in komplizierten Berechnungen unter Berücksichtigung der Leberfunktion und der Ergebnisse der komplexen Voruntersuchungen ermittelt. Nebenwirkungen "Ich habe keine Nebenwirkungen gespürt und konnte schon am Behandlungstag essen. Nach drei Wochen hat der Druck im Bereich der Leber nachgelassen", sagt Schnoor. Ein Hinweis darauf, dass die radioaktiv verstrahlten Krebszellen vielleicht tatsächlich nicht mehr wachsen. "Die Erfahrung zeigt, dass mehr als die Hälfte der Patienten auf die Therapie anspricht", erläutert Winfried Willinek. Wichtig für den Erfolg sei wie bei allen Krebstherapien eine positive Grundeinstellung des Patienten. "Man sollte die Dinge hinterfragen, aber dennoch mitmachen und vertrauen."Mehr als 1000 Patienten sind bislang in der Uniklinik Bonn mit dem Sirt-Verfahren behandelt worden. Sie alle mussten sich davor einem komplexen Testverfahren unterziehen. Dabei wird sichergestellt, dass keine Blutgefäße, über die später die radioaktive Fracht eingebracht wird, in den Darm oder die Lunge abzweigen. Willinek: "Hier würde das Yttrium zu viel Schaden anrichten, der nicht wieder gutzumachen wäre. Die Leber dagegen ist in der Lage, sich auch nach dem Absterben von Gewebebereichen zu erholen."Die radioaktiven Kügelchen strahlen stark und zerstörerisch. Allerdings tun sie das im Gewebe nur etwa 2,5 Millimeter weit. So muss ein Sirt-Patient mit seiner radioaktiven Fracht, die einige Wochen in der Leber bleibt, nicht von anderen Patienten oder Familienangehörigen abgeschirmt werden. "Da besteht keinerlei Gefahr", versichert Nuklearmediziner Kim Biermann. Er würde das Verfahren lieber heute als morgen bei Leberkrebspatienten auch als Primärtherapie einsetzen. "Für viele der Patienten hat das derzeit angewendete Standardmedikament bleibende Nebenwirkungen. Das ist bei Sirt nicht der Fall."Kosten Zu den Kosten macht Winfried Willinek eine klare Rechnung auf. 15 000 Euro pro Sirt-Behandlung seien zwar nicht gering. "Neue Chemotherapien sind auf den Monat gerechnet allerdings ähnlich teuer und werden manchmal bis zu sechs Monate genommen. Bei Sirt reicht in der Regel eine Anwendung."An solchen Rechenspielen beteiligen sich Patienten wie Klaus Schnoor nicht. Für sie steht die Heilung im Vordergrund, zumindest aber die Verlängerung der Lebenszeit und die Reduzierung oder Vermeidung von Schmerzen. "Mir geht es einigermaßen gut", versichert der 56-Jährige. "Nicht wirklich gut, aber den Umständen entsprechend." Sein großes Ziel sei es gewesen, die Geburt des ersten Enkelkinds zu erleben. In drei Wochen soll es so weit sein. Klaus Schnoor lächelt beim Gedanken daran, dass er dieses Ziel mit sehr großer Wahrscheinlichkeit erreichen wird. Dann wird sein Gesicht wieder ernst: "Viele Patienten, die mit mir hier den Kampf gegen den Krebs begonnen haben, leben jetzt nicht mehr. Ich hoffe sehr, dass bei der nächsten Untersuchung nichts Neues entdeckt wird." Hoffnungen Der 4. August wird für den bis vor eineinhalb Jahren kerngesunden und aktiven Mann und seine Frau "zu einem ganz wichtigen Tag". Dann steht eine erneute Computertomografie-Untersuchung an. Und dabei wird sich zeigen, ob die 40 Millionen Mikrokugeln und ihre radioaktive Fracht den Effekt erzielt haben, den auch Professor Winfried Willinek für seinen Patienten erhofft. "Ich gebe nur ungern Prognosen ab, denn der Krebs passt sich manchmal der Behandlung an."Weitere vier Behandlungen mit der neuen Krebstherapie soll es noch in diesem Jahr im Brüderkrankenhaus Trier geben. Ob es dazu wirklich kommt, ist allerdings noch nicht sicher. "Wir brauchen dazu geeignete Patienten, bei denen zwei Standardtherapien ohne Erfolg geblieben sind." Extra: SO FUNKTIONIERT DIE THERAPIE

 In diesem Zylinder ist die Emulsion mit den radioaktiven Mikropartikeln zu erkennen, die dem Patienten das Leben verlängern sollen.
In diesem Zylinder ist die Emulsion mit den radioaktiven Mikropartikeln zu erkennen, die dem Patienten das Leben verlängern sollen. Foto: (g_pol3 )
 Die Computervisualisierung der Firma Sirtex zeigt, wie die radioaktiven Harzkügelchen über Blutgefäße gezielt bis in eine Metastase gelangen. Grafik: Sirtex
Die Computervisualisierung der Firma Sirtex zeigt, wie die radioaktiven Harzkügelchen über Blutgefäße gezielt bis in eine Metastase gelangen. Grafik: Sirtex Foto: (g_pol3 )

Die Selektive interne Radiotherapie (Sirt), die auch Radioemolisation genannt wird, ist eine besondere Form der Behandlung von bösartigen Tumoren in der Leber. Mit Hilfe von radioaktiv geladenen Mikrokügelchen wird das erkrankte Gewebe gezielt bestrahlt und das gesunde Gewebe weitestgehend geschont. Millionen winzige, mit dem Isotop Yttrium-90 geladene Harzkügelchen - ihre Dicke entspricht nur etwa der eines Drittels eines menschlichen Haares - werden in einer Emulsion über Blutgefäße bis in die Tumorzellen gebracht (siehe Grafik). Mit ihrer intensiven Beta-Strahlung, die im Gewebe etwa 2,5 Millimeter weit reicht, zerstören sie das krankhafte Gewebe. Angewendet wird dieses noch junge Verfahren derzeit nur bei besonders dafür geeigneten Patienten, bei denen eine Chemotherapie keine Wirkung oder zu starke Nebenwirkungen zeigt. Bei mehr als der Hälfte der Patienten kann so das Wachstum der Tumoren verlangsamt oder ganz gestoppt werden. Das Verfahren hat für die Patienten so gut wie keine Nebenwirkungen.