Streit über ein dunkles Kapitel

Streit über ein dunkles Kapitel

Der Anspruch war groß: Die Verstrickung der Ärzte in der Region mit den Nazis sollte aufgearbeitet werden. Doch der von der Bezirksärztekammer beauftragte Historiker wirft den Medizinern vor, seine Forschung zu blockieren.

Trier. Es ist eine düstere Zeit. Ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte: die Zeit des Nationalsozialismus. Vor allem die Verstrickung der Nazis etwa mit Medizin und Kirche. Eine Allianz, die Abertausende Menschen das Leben gekostet hat. Auch in der Region. Weil das Gesundheitssystem zwischen 1933 und 1945 eingebunden war in die Rassenideologie Hitlers. Den Ärzten sei als Wächtern der Rassenreinheit in der nationalsozialistischen Gesundheitspolitik eine zentrale Aufgabe zugekommen, sagt die saarländische Zahnärztin Gisela Tascher. Sie hat sich ausführlich mit der Entwicklung des Gesundheitswesens im Saarland in der Nazi-Zeit bis Mitte der 1950er Jahre beschäftigt. Die Ergebnisse ihrer Arbeit hat sie nun in der Trierer Bezirksärztekammer vorgestellt.Kind in Trier ermordet


Als Folge der Rassenideologie hätten die unter dem Hakenkreuz stehenden Mediziner Zwangssterilisationen zur "Verhütung erbkranken Nachwuchses" angeordnet, sagt die Ärztin. Zwangssterilisationen von Behinderten, wie es sie auch in Trier an kirchlichen Krankenhäusern gegeben hat. Genau wie die Ermordung von angeblich unwertem Leben, etwa geistig Behinderten. Selbst kleine Kinder sind nach Erkenntnissen des Trierer Historikers Thomas Schnitzler in kirchlichen Krankenhäusern in Trier aus Rassenwahn umgebracht worden.
Schnitzler ist von der Trierer Bezirksärztekammer im vergangenen Jahr beauftragt worden, diese unrühmliche Vergangenheit aufzuarbeiten. Der Historiker, der als Betroffener auch Sprecher des Aktionsbündnisses Opfer des sexuellen Missbrauchs im Bistum Trier ist, hat bereits zuvor die Schicksale von Menschen, die in Trier, Wittlich oder Saarburg zwangssterilisiert worden waren, erforscht, ebenso wie die Lebensläufe von Behinderten und psychisch Kranken, die vom Trierer Brüderkrankenhaus aus in Todeslager deportiert worden waren. Zu ihrer Erinnerung wurden im vergangenen Jahr Stolpersteine vor der Klinik verlegt. "Wir müssen wegkommen von dem Schweigen", sagte Ärztekammerchef Günther Matheis zu Beginn der von ihm initiierten Vortragsreihe Medizin unter dem Nationalsozialismus.
Geschwiegen wurde seitdem nicht. In Vorträgen, wie dem der Saarländerin Tascher, und einer Ausstellung über das Berufsverbot jüdischer Ärzte in Bayern, wurde die Verstrickung von Medizinern mit den Nazis dargestellt - welche Rolle Ärzte in Trier und Umgebung gespielt haben, das ist bislang allenfalls am Rande thematisiert worden. Schnitzler hatte zum Auftakt der Vortragsreihe im November die Namen zweier Mediziner genannt, die an Gräueltaten in der Region beteiligt waren. Theophil Hackethal, der als Arzt im Sonderlager Hinzert bei Hermeskeil von 1941 bis 1945 die Ermordung von 1000 dort Inhaftierten mitzuverantworten hatte. Und Herbert Schulzebeer, der als Operateur am Trierer Elisabeth-Krankenhaus für die Zwangssterilisation von 2000 Männern und Frauen zuständig gewesen sein soll. Schnitzler hatte angeboten, im Laufe der Reihe auch über die Ermordung eines angeblich als "idiotisch" diagnostizierten Kindes in Trier zu reden. Das sei abgelehnt worden. Der Historiker vermutet, dass Matheis, der Arzt am Trierer Brüderkrankenhaus ist, von dem Klinik-Träger "zurückgepfiffen" worden ist. Grund dafür ist nach Ansicht Schnitzlers, dass das Haus die Deportation der dort behandelten psychisch Kranken nicht aufarbeiten wolle. Es weigere sich, ihm die entsprechenden Akten auszuhändigen.
Kammer-Chef Matheis wehrt sich: "Es gibt keine Zensur." Allerdings gesteht Matheis ein, dass die anfangs geweckten Erwartungen einer Aufarbeitung der regionalen NS-Zeit bislang nicht erfüllt worden seien. Man habe sich vielleicht zu einseitig auf Schnitzler verlassen, sagt er und deutet an, dass er mit dessen Vortragsweise unzufrieden sei. Matheis hat Schnitzler zwischenzeitlich angeboten, seine Forschungsergebnisse in einem von der Kammer herausgegebenen Buch zu veröffentlichen. Das hat der Historiker mittlerweile jedoch abgelehnt.Kein Vertrauen mehr


Das Brüderkrankenhaus hat die Zusammenarbeit mit Schnitzler komplett eingestellt. Man respektiere und achte "das große Engagement" von Schnitzler, sagt der Hausobere des katholischen Brüderkrankenhauses, Markus Leineweber. Allerdings liege "aufgrund unterschiedlicher Erfahrungen in der bisherigen Zusammenarbeit ein Vertrauensverhältnis nicht mehr in der Weise vor, wie es für eine gute, den Themen angemessene Aufarbeitung notwendig wäre". Nicht ausgeschlossen das dahinter Schnitzlers Engagement gegen den Missbrauch in der katholischen Kirche stecken könnte. Das Brüderkrankenhaus habe einen Archivar eingestellt, der sich der Durchsicht der vorhandenen Akten widmen soll, "um damit weitere Forschungen vorzubereiten", sagt Leineweber.
Matheis will die regionale NS-Medizingeschichte durch Thomas Grotum, Historiker an der Uni Trier, aufarbeiten lassen. Grotum hat auch die Aktivitäten der Gestapo in Trier erforscht. Der hiesige Chef der Nazi-Polizei, das hat Tascher herausgefunden, wurde nach dem Krieg Gesundheitsminister im Saarland.

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