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Streit um Impfpflicht: “Nicht Geimpfte töten Kinder”

Streit um Impfpflicht: “Nicht Geimpfte töten Kinder”

Der Landesvorsitzende der Kinderärzte hält eine Impfpflicht für sinnvoll, aber nicht durchsetzbar. Das Land setzt weiter auf Freiwilligkeit. Ein Impfkritiker aus Trier bezweifelt, dass Masern so gefährlich sind, wie von Medizinern dargestellt

.Wenn impfkritische Eltern in die Praxis von Lothar Maurer kommen, dann zeigt er ihnen den Impfstatus seiner jüngsten, 1995 geborenen, Tochter. Mit sieben Monaten sei sie das erste Mal gegen Masern geimpft worden, "weil 1996 das letzte Mal hier eine richtige Masernepidemie und meine dritte Tochter zu der Zeit in den Kindergarten ging", erzählt der Kinder- und Jugendmediziner aus dem pfälzischen Frankenthal. Alle von der Ständigen Impfkommission (Stiko, siehe Info) empfohlenen und noch einige Impfungen mehr, habe seine Tochter bekommen. "Ich sage dann immer mit dem Wissen und den Krankheiten, die ich gesehen habe, habe ich meine Tochter so geimpft. Dasselbe empfehle ich ihnen auch."

Ärzte fordern Pflicht zur Masern-Impfung

Das zumeist von Impfkritikern genannte Argument, dass Impfungen mehr schaden, als nutzen, entgegnet Maurer, der Landesvorsitzender des Verbandes der Kinder- und Jugendärzte ist: "Bei allen empfohlenen Impfungen stellt das Risiko, einen Impfschaden zu bekommen, einen Bruchteil des Risikos der Krankheit dar." Wenn nur einzelne nicht geimpft seien, würden sie häufig durch die Geimpften mitgeschützt. "Werden zu viele nicht geimpft, treten die Krankheiten plötzlich wieder auf. Es werden aber nur die nicht Geimpften geschädigt." Der Kinderarzt greift zu einem drastischen, aber anschaulichen Beispiel: "Wenn Eltern ihr Kind im Auto nicht anschnallen weil von 1000 Unfällen nur einer gut überstanden wird, trotzdem wird man, wenn man nicht angeschnallt ist, bestraft, weil es eben bei den 999 anderen Unfällen es umgekehrt ist." Maurer hält eine Impfpflicht für sinnvoll, "aber wohl nicht durchsetzbar".

Die Landesregierung setzt trotz der nicht zuletzt von der Bundes-FDP losgetretenen Diskussion um eine Impfpflicht weiter auf Freiwilligkeit. "Eine gesetzliche Impfpflicht würde stark in die Selbstbestimmung eingreifen und bedarf daher einer besonderen Begründung", sagt Landesgesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD). "Die hohen Impfquoten im Einschulungsalter für eine Vielzahl von Impfungen belegen, dass es auch ohne Impfpflicht gelingen kann, einen ausreichenden Schutz durch Impfung bei Kindern zu gewährleisten", so die Ministerin. Nach Angaben des rheinland-pfälzischen Gesundheitsministeriums sind 97,7 Prozent Erstklässler gegen Masern geimpft. Damit liege Rheinland-Pfalz über dem Bundesdurchschnitt von 96,8 Prozent liegt. Auch die zweit Masern-Impfung hätten 93,7 Prozent der rheinland-pfälzischen Schulanfänger erhalten.

Trotzdem fordert Maurer eine Pflicht zur Masern-Impfung. Nicht zuletzt, weil er während seiner medizinischen Laufbahn erleben musste, wie ein 10-Jähriger, an der Infektionskrankheit gestorben ist. Bis zu drei Maserntote gebe es in Deutschland pro Jahr. "Nicht geimpfte Masernkinder töten also bis zu drei Kinder und die Politik schaut zu." Länder wie USA, wo es in den meisten Staaten eine Impfpflicht gibt, oder Südamerika seien Masern frei."Dort gibt es dieses Krankheitsbild nicht mehr."

Impfkritiker wie der Trierer Musiker und Autor Klauspeter Bungert bezweiflen jedoch die von den Befürwortern genannten Fakten: "Die Angaben, dass eines von tausend an Masern erkrankten Kindern an Komplikationsfolgen sterbe, aber ‚nur' eines von einer Million gegen Masern geimpften, ist eine bisher nicht überprüfbare
Schätzung." In einem Brief als Reaktion auf einen Fernsehsendung zum Thema Impfen schrieb Bungert 2013: "Sich gesund (vegan oder weitestgehend vegan) ernährende Menschen wissen aus eigener Erfahrung und aus der Beobachtung ihrer Kinder, dass die Gefahr, dauerhaft zu erkranken, sich ständig ‚anzustecken' oder gar an einer der normalen ‚Kinderkrankheiten' zu sterben, eine vernachlässigenswerte Größe wird. Die Mutter, die ihre Verweigerungshaltung gegenüber dem Impfen offensiv vertritt, weiß, dass sie richtig und verantwortungsvoll handelt." Bungerts Frau, die Naturheilkundlerin Sigrid Ertl, veranstaltet regelmäßig "impfkritische Stammtische" in Trier. Den nächsten am kommenden Samstag. "Wir wollen darüber sprechen, ob Impfungen wirklich so harmlos sind, wie sie propagiert werden. Nutzen oder gefährden sie sogar? Ist die immens geschürte Angst vor Infektionskrankheiten gerechtfertigt?" kündigt sie die Veranstaltung an.

Stiko - die ständige Impfkommission: In Deutschland gibt es keine Impfpflicht, sondern lediglich Impfempfehlungen. Diese werden von der Ständigen Impfkommission (Stiko) festgelegt. Die Stiko trifft sich zweimal im Jahr, um auf Grundlage der aktuellen gesundheitlichen Lage zu entscheiden, welche Impfungen empfehlenswert sind. Derzeit besteht sie aus 17 Mitgliedern, überwiegend Medizinern, die alle drei Jahre vom Bundesgesundheitsminister berufen werden. Die Stiko-Mitglieder berufen sich bei ihren Empfehlungen auf die Wirksamkeitsangaben der Hersteller und der Zulassungsbehörden. Derzeit umfasst der "Impfkalender" 14 empfohlene Schutzimpfungen. Eine Empfehlung bedeutet in der Regel, dass die Krankenkassen die Kosten für die Impfung generell oder für bestimmte Risikogruppen übernehmen. Kritiker werfen der Stiko vor, nicht unabhängig zu sein und die Empfehlungen im Sinne der Pharmaindustrie auszusprechen. (wie)