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Arbeit
Studie: Rheinland-Pfalz nicht attraktiv für junge Akademiker

 Schon während des Studiums sucht die Wirtschaft nach geeigneten Nachwuchskräften. Bei zahlreichen Informationsmessen an Uni oder Hochschule werden die Studierenden gelockt.
Schon während des Studiums sucht die Wirtschaft nach geeigneten Nachwuchskräften. Bei zahlreichen Informationsmessen an Uni oder Hochschule werden die Studierenden gelockt. FOTO: picture alliance / dpa-tmn / Franziska Gabbert
Trier. Viele junge Menschen verlassen das Land, sobald sie ihren Abschluss in der Tasche haben. Von Katharina De Mos

Nach Bachelor oder Master entscheiden sich viele junge Leute, Rheinland-Pfalz zu verlassen. Das könnte auch daran liegen, dass es im Umkreis attraktive Ballungsgebiete gibt.

Ist Rheinland-Pfalz für Hochschul-Absolventen nicht attraktiv genug? Gibt es hier einfach nicht genügend passende Stellen? Eine repräsentative Befragung zeigt, dass rheinland-pfälzische Uni-Abgänger ihr Bundesland bei der Jobsuche deutlich häufiger verlassen, als dies in anderen Teilen Deutschlands der Fall ist.

So bescheinigt die Studie namens „Fachkraft 2030“ der Uni Maastricht und des Personaldienstleisters Studitemps dem Land Rheinland-Pfalz eine „schwierige Ausgangslage“, sei für Absolventen „wenig attraktiv“: Es verliere unterm Strich 40,1 Prozent seiner Hochschulabgänger. Unter allen westdeutschen Ländern schneidet Rheinland-Pfalz damit am schlechtesten ab. Noch größere Verluste verzeichnen nur Sachsen-Anhalt (minus 64 Prozent), Brandenburg (minus 57) und Thüringen (minus 49). Besonders beliebt sind dagegen Hamburg (plus 160 Prozent), wo statistisch gesehen auf 100 Studienplätze 260 Absolventen kommen, die in der Hansestadt einen Job haben wollen – aber auch Berlin (plus 78 Prozent), Bayern und Baden-Württemberg.

„Es ist tatsächlich so, dass sehr viele Studierende Rheinland-Pfalz verlassen und ins Ausland oder in andere Regionen gehen“, sagt Thomas Mares von der Arbeitsagentur Trier, der Absolventen von Uni und Hochschule beim Übergang in den Beruf unterstützt.

Die Ursachen sind vielfältig. Zum einen seien da starke wirtschaftliche Zentren rund um Rheinland-Pfalz, die Arbeitskräfte anlockten. Ohnehin könnte die ländlich geprägte Region Trier mit ihren vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen gar nicht allen Sprachwissenschaftlern, Juristen oder Psychologen einen Job bieten, die hier ihren Abschluss machen. Ebenso wenig können alle Ingenieure, die in Kaiserslautern ausgebildet werden, dort eine Arbeit finden. „Es gibt nicht genügend geeignete Arbeitsplätze“, sagt auch Isabell Juchem, Sprecherin der Arbeitsagentur.

Die Agentur bemühe sich einerseits, Absolventen deutlich zu machen, dass auch kleinere Unternehmen gute Perspektiven bieten und Unternehmen andererseits davon zu überzeugen, dass Geisteswissenschaftler eine gute Besetzung sein können. „Sie sind sehr gut in der Lage, sich in Themen einzuarbeiten und mit theoretischen Ansätzen zu befassen“, sagt Mares. Meist zähle nicht das Studienfach, sondern die Persönlichkeit des Jungakademikers.

Gute Chancen, Jobs in der Region – oder im nahen Luxemburg – zu finden, haben laut Mares Betriebs- oder Volkswirtschaftler, Sprachwissenschaftler, Ingenieure, Gestalter oder alle, die technische Fächer studieren. Daher gehe die Studienberatung inzwischen dazu über, jungen Leuten, die in der Region bleiben möchten, solche Fächer zu empfehlen.

Obwohl die Studie gut zu all diesen Aussagen passt, lässt sie einen Faktor außen vor: „Sie betrachtet nicht, dass wir in einer Grenzregion leben und viele Studierende, insbesondere der Universität Trier, in Luxemburg, Belgien oder Frankreich berufstätig sind und damit ihrer Region gar nicht untreu werden“, sagt Natalie Schramm von der Uni-Pressestelle.

Auch die Industrie- und Handelskammer verweist auf die Bedeutung, die Luxemburg für Akademiker hat. Die regionalen Unternehmen suchten hingegen überwiegend Beschäftigte mit dualer Ausbildung oder einer Aufstiegsfortbildung wie Meister, Techniker oder Fachwirte. Die „Fachkräftelücke“ falle bei Hochschulabsolventen deutlich geringer aus.

Nach dem Studium nix wie weg?

Von Katharina de Mos

Die Masterarbeit ist geschrieben. Das Zeugnis zum Greifen nah. Doch was nun in einer Welt voller Möglichkeiten? Was will ich arbeiten? Wo will ich leben? Da, wo Familie und Freunde sind? Oder da, wo gute Jobs in großen Unternehmen ebenso großes Geld bringen?

Fragen, die viele junge Menschen sich stellen, wenn sie ihr Studium beenden. Und in Rheinland-Pfalz scheinen sich besonders viele von ihnen dafür zu entscheiden, das Land zu verlassen. Der Wanderungsverlust liegt der aktuellen Studie „Fachkraft 2030“ zufolge bei über 40 Prozent. Eine repräsentative Befragung der Universität Maastricht und des Personaldienstleisters Studitemps von 18 700 Studenten und frischgebackenen Absolventen, deren Ergebnis der Landesregierung wenig gefallen dürfte.

Das Mainzer Wirtschaftsministerium kritisiert, dass die Studie selbst nicht nach den Gründen der Absolventen frage.

So könne man über Ursachen lediglich spekulieren: „Grundsätzlich gibt es einen Trend hin zu Großstädten“, sagt Ministeriumssprecherin Susanne Keeding. Das lasse sich auch an den guten Resultaten von Berlin und Hamburg ablesen. Hinzu komme die zentrale Lage von Rheinland-Pfalz: Es locken das Rhein-Main-Gebiet (Frankfurt, Wiesbaden, Darmstadt), die Rhein-Neckar-Region (Mannheim, Heidelberg, Stuttgart, Karlsruhe) und  im nördlichen Rheinland-Pfalz auch Bonn und Köln.

Die Studie lasse zudem nicht erkennen, ob es sich um Studierende handele, die sich bereits ernsthaft mit dem Eintritt ins Arbeitsleben beschäftigt haben. „Spontan gefragt, denken Studierende häufig zunächst an die international bekannten Großunternehmen als Arbeitgeber“, sagt Keeding. Rheinland-Pfalz sei ein Land des Mittelstands.

„Wir haben hier sehr viele, sehr erfolgreiche kleine und mittlere Unternehmen, darunter Hidden Champions, also Weltmarktführer auf ihrem Gebiet.“ Diese fielen Absolventen möglicherweise nicht während einer Online-Umfrage ein, dafür aber durchaus bei einer Recherche nach potenziellen Arbeitgebern, sagt die Ministeriumssprecherin.

Nach Erfahrung Thomas Mares’ von der Arbeitsagentur Trier, der Hochschulabgänger beim „Career Service“ der Hochschulen berät, spielt aber auch die persönliche Lebensplanung eine zentrale Rolle. Die einen wollen unbedingt raus in die große weite Welt, ab in die (große) Großstadt – andere wollen das auf gar keinen Fall. Nicht nur der passende Job, auch die Liebe spiele eine wichtige Rolle bei der Ortswahl. Zu den wenigen Mustern, die er erkennen kann, zählt, dass diejenigen, die aus der Region kommen und hier familiäre Bindungen haben, eher bleiben als andere, die von außerhalb kommen. Je nachdem, welchen Beruf sie wählen, müssen die jungen Leute ohnehin mobil sein, um Karriere zu machen.

Und was sagen angehende Absolventen selbst? Im Gespräch mit dem TV nennen Christoph Fischer und Rudy Bernard-Cruz vom Asta der Trierer Universität Trier folgende Gründe: „Rheinland-Pfalz ist vom ländlichen Raum geprägt. Für Hochschulabsolventen bedeutet das, dass die Jobsuche schwierig wird.“ Unter den Juristen gebe es viele Leute, die von Nordrhein-Westfalen nach Trier kommen und die nach dem Studium in die Heimat zurückkehrten. Auch seien die Chancen, in Ballungsgebieten einen gut bezahlten Job zu finden, wesentlich größer als in Trier.

Umgekehrt sei  aber ja auch zu beobachten, dass viele, die aus der Region Trier kommen, nach ihrem Studium in die Heimat zurückkehren. Das habe auch mit der Lebensqualität zu tun, sagen die beiden Studenten, die Trier schätzen – auch, wenn sie in manchen Punkten noch Verbesserungsbedarf sehen. Ihre zwei zentralen Kritikpunkte: Wer mit der Bahn Richtung Ballungsgebiete will, braucht Geduld. Und für Berufsanfänger, die womöglich noch Bafög zurückzahlen müssen, seien die Wohnungspreise in Trier schon sehr hoch.

Wenn auch nicht so hoch wie in Hamburg, das mit einem Wanderungsplus von 160 Prozent das beliebteste Ziel junger Akademiker ist. Dadurch kommt Hamburg auch finanziell sehr gut weg: Jeder Absolvent, der nicht am Ausbildungsort bleibt, sondern in ein anderes Bundesland wechselt, überträgt laut Studie die in ihn investierten Bildungskosten. Hamburg mache so ein Plus von 1,1 Milliarden Euro pro Jahr.

Hochschulen, Arbeitsagentur und Land tun einiges, um Menschen in der Region zu halten. Die Industrie- und Handelskammer ist beim Blick in die Zukunft zuversichtlich: Die stärkere Digitalisierung der Produktionsprozesse und die Kooperation der regionalen Akteure in Sachen Technologietransfer werde perspektivisch dazu führen, dass neue Arbeitsplätze entstehen – und zwar solche, die hohe Anforderungen stellen und mit Hochschulabsolventen besetzt werden.

Das Wirtschaftsministerium ist ohnehin optimistisch. Rheinland-Pfalz habe im Wettbewerb um die besten Köpfen gute Chancen: „Wir haben vielfältige Unternehmen, die auf den Weltmärkten erfolgreich sind“, sagt Keeding. Dazu biete Rheinland-Pfalz eine hohe Lebensqualität – von der Kinderbetreuung bis zur Freizeitgestaltung.