Stumme Schreie

Sexuelle Gewalt gegen Kinder bleibt häufig im Dunkeln verborgen. Wie können Schulen im Land das ändern?

Kerstin Claus schwieg und sendete trotzdem laute Hilfeschreie. 14 Jahre war die Frau jung, als sie erstmals von ihrem evangelischen Pfarrer und Religionslehrer in Bayern sexuell missbraucht worden sei, erzählt sie. Bis sie 17 war, habe der Mann sie nicht in Ruhe gelassen. Signale, dass mit der Schülerin etwas nicht stimmte, gab es. Doch niemand sah sie. Die spätere Abiturientin mit einem Schnitt von 1,9 schrieb in Tests plötzlich nur noch Fünfen und Sechsen.

Als eine Lehrerin sie fragte, ob der Pfarrer ihr geholfen habe, antwortete sie ,Ja, aber er hat immer Gegenleistungen dafür verlangt …'. Dann schwieg sie. Und hörte auch keine weiteren Fragen. Heute lebt die 48-Jährige in Rheinland-Pfalz, sitzt im bundesweiten Betroffenenrat - und nimmt Schulen in die Pflicht, bei versteckten Hilferufen von Schülern genau zu lauschen.

Das rheinland-pfälzische Bildungsministerium will genau darauf nun den Scheinwerfer richten. Das Land schließt sich einer bundesweiten Initiative an, um Schulen im Aufbau von Schutzkonzepten zu stärken. Denn: Mehr als 12.000 Fälle von Kindesmissbrauch gab es nach der polizeilichen Kriminalstatistik bundesweit im vergangenen Jahr, 697 in Rheinland-Pfalz. In 26 Fällen waren die Opfer im Land Schutzbefohlene, wie auch Schüler. Johannes-Wilhelm Rörig, unabhängiger Beauftragter der Bundesregierung, rechnet mit einer deutlich höheren Dunkelziffer. "Wir gehen davon aus, dass im Schnitt in jeder Klasse ein bis zwei Kinder von sexueller Gewalt betroffen sind." Die Gewalt könne überall passieren: in Familien, Sportvereinen, Schulen. Missbrauch sei oft noch ein Tabu-Thema, das viele abwiegelten, aus Sorge, Falsche zu verdächtigen.

Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) will Lehrer nun noch besser in die Lage versetzen, ein Gefühl für Betroffene zu entwickeln, richtig zu reagieren und kompetente Hilfe zu rufen. Die neue Initiative gibt Schulen zunächst Wegweiser an die Hand, wie sie ein Schutzkonzept erarbeiten und in den Alltag einbauen können. Rörig nennt auch als Ziel, Schüler besser aufzuklären. Kinder müssten im Unterricht lernen, dass bereits "miese Anmachen" oder "anzügliche Witze" ein Unrecht seien, an das sie sich im Leben nicht gewöhnen müssten. Gefahren berge auch die die digitale Welt. "Dort sind junge Menschen Exhibitionismus, Nacktbildern und Pornografie ausgesetzt, es gibt aber keinen Schutz", tadelt er. Altersschranken in den sozialen Netzwerken seien spielend leicht zu umgehen. Sein zwölfjähriger Sohn habe dies jüngst geschafft und dann gesagt: "Papa, jetzt werde ich Informatiker."

Hubig sagt, das Ministerium werde beobachten, wie die Bildungseinrichtungen die Initiative nutzen. Sie sagt: "Wir gehen davon aus, dass die Papiere nicht gelocht und abgeheftet werden, sondern Schulen sich mit dem Thema auseinandersetzen." Das Land werde die Offensive suchen, man stehe noch nicht da, wo man sein wolle.
Dennoch sieht die Ministerin in Rheinland-Pfalz große Schritte gemacht. Ihre Argumente: Schulen unterrichten Medienkompetenz, das pädagogische Landesinstitut arbeitetet mit 62 Schulpsychologen flächendeckend an 14 regionalen Standorten, berate Lehrer, vermittle Therapeuten, biete Fortbildungen. Mit dem Doppelhaushalt 2017/18 seien sieben zusätzliche Stellen geschaffen worden.

Der rheinland-pfälzische Philologenverband fordert dagegen, mehr Schulpsychologen einzustellen, um bei Bedarf jede Schule und jedes Kind dauerhaft zu betreuen. Die Landesvorsitzende Cornelia Schwartz sträubt sich dagegen, von Lehrern mehr zu erwarten. Sie seien keine Therapeuten. "Vorschläge wie die Einrichtung einer Wohlfühlecke mit Plüschsofa und kuscheligem Licht im Klassenzimmer, in der Schüler sich dann ihren Lehrern öffnen und über erste Erfahrungen reden‘ können, sind völlig abwegig", findet sie. Rörig erwartet vom Bund einen Schub: Seine Vorschläge: Jede zehnte Schule soll 5000 Euro für Konzepte bekommen, 25 Millionen Euro in Kinder- und Jugendschutz im Netz fließen.

Wege, die auch Kerstin Claus befürwortet, die ihren Missbrauch im Jahr 2010 öffentlich machte. Und schnell einen Anruf ihrer alten Lehrerin bekam, die sich entschuldigte. Sie habe die Signale ihrer alten Schülerin einfach nicht einordnen können.Links

Das neue Fachportal für Schulen findet sich unter unter www.schule-gegen-sexuelle-gewalt.de Die schulpsychologische Beratung im Land findet sich unter www.schulpsychologie.bildung-rp.de