Suche nach der Linie

MAINZ. Neu sammeln muss sich die CDU nach dem Debakel bei der Landtagswahl im März. Trotz der frühen Vorentscheidung für Christian Baldauf als Fraktions- und Parteichef hat sich ein Machtvakuum in der Union breit gemacht. Der Hoffnungsträger, der am Wochenende die Partei übernehmen soll, muss sich noch die Lorbeeren verdienen, die er als Vorschuss erhalten hat.

Mal soll der kommissarische Schatzmeister Werner Wittlich im Amt bleiben und dann wieder nicht; mal soll es einen neuen politischen Generalsekretär für die Partei geben und dann wieder nicht: Noch tut sich Christian Baldauf schwer, seine politische Linie zu finden. Mit wachsender Aufmerksamkeit wird in der Landeshauptstadt verfolgt, ob sich der 38-jährige Frankenthaler mit dem gleichzeitig zu stemmenden Neubeginn als Fraktions- und als Parteivorsitzender nicht zu viel zutraut. Zumindest in einem ist die Marschrichtung des Aufsteigers und seiner Mitkämpfer jedoch klar: Nach dem Abgang von Christoph Böhr wird die Parteiführung ein anderes Gesicht erhalten.Weggefährten Böhrs im Abseits

Mit dem Rücktritt des Wahlverlierers hat auch die bisherige Machttroika, zu der die Bezirksvorsitzenden Michael Billen (Trier) und Adolf Weiland (Koblenz-Montabaur) gehörten, erst einmal ausgespielt. Angesichts einer breiten Stimmung für Baldaufs Neuanfang verfolgen die beiden Bezirkschefs missmutig, wie nach den Postenbesetzungen in der Fraktion auch die Weichenstellung für Parteiführung und Vorstand an Böhr-Weggefährten vorbei läuft. Die Änderung der Großwetterlage in der Landes-CDU verurteilt Billen und Weiland gleichwohl zum Stillhalten. Auf Zerreißproben können sie sich angesichts ihrer geschwächten Stellung und einer an der Basis ausgeprägten Sehnsucht nach Frieden in der Partei kaum einlassen. Dabei war es Billen selbst, der bei der Neuwahl der Fraktionsführung nach lautstarker Kampfansage am Ende beidrehte, ohne etwas erreicht zu haben. Den Posten des Fraktionsvize überließ er schließlich seinem alten Rivalen Alexander Licht (Kreis Bernkastel-Kues). Neues Machtzentrum noch nicht auszumachen

Kopfschütteln und Unverständnis fing sich der Eifeler für dieses Taktieren ein. Für die anstehende Wahl der neuen Parteispitze um Baldauf und die Vize-Kandidaten Günther Schartz (Trier-Saarburg) und Julia Klöckner (Bad Kreuznach) zeichnet sich ebenfalls ab, dass kein Gesicht aus dem früheren Böhr-Lager mehr in der ersten Reihe zu finden sein wird. Das alte Machtzentrum ist ausgehebelt, ein neues jedoch nicht auszumachen. Baldauf wird derzeit zwar von einer breiten Unterstützung getragen, die auf einen Neuanfang und bessere Zeiten für die seit 1991 darbende CDU setzt. Doch viele Mitkämpfer in Fraktion und Partei verbinden vor allem eigene Hoffnungen mit dem Wechsel. Wie lange diese Unterstützung hält, wird sich erst noch zeigen müssen. Über eine feste Machtbasis verfügt der neue Mann bei weitem noch nicht. Maßgeblichen Einfluss auf Baldauf wird unter anderem Alexander Licht zugeschrieben, der dem jugendlich wirkenden Juristen Charakter und charismatische Ausstrahlung attestiert und ihn für jung genug hält, "um noch aus Fehlern zu lernen." Waren Baldaufs erste Auftritte als Oppositionschef doch selbst in den eigenen Reihen als weitschweifig und wenig mitreißend kritisiert worden. Doch als Fraktionsvize, der über Jahre als heftiger Böhr-Kritiker aktiv war, hat auch Licht bisher nicht deutlich machen können, wofür er denn steht. Christoph Böhr hat sich inzwischen im Landtag in die letzte Reihe zurückgezogen. Nachdem er sich seit seinem Rücktritt jeglicher politischer Äußerungen enthalten hat, ist auch bei seiner Abschiedsrede beim Parteitag am Wochenende in Mülheim-Kärlich kaum mehr mit großen Worten zu rechnen. Unklar ist allerdings, wie lange der 52-Jährige dem Landtag noch als Abgeordneter angehören wird. Spekulationen um ein Engagement bei Bertelsmann-Stiftung oder Konrad-Adenauer-Stiftung verweist der frühere Oppositionsführer regelmäßig ins Reich der Fabel. Offen lässt Böhr dagegen, ob er sich ganz aus der Politik verabschiedet. Bereits klar ist lediglich, dass im Herbst Hessens Ministerpräsident Roland Koch sein Nachfolger als Bundespartei-Vize werden soll.

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