Suchtexperten alarmiert: „Schädelfluten“ in der Eifel

Suchtexperten alarmiert: „Schädelfluten“ in der Eifel

Ohne Alkohol geht nicht viel an Silvester. Vor allem Jugendliche kennen dabei oft ihre Grenzen nicht. Während im Raum Trier die Zahl der Alkoholvergiftungen abnimmt, gehören Eifel und Mosel zu den Regionen mit besonders vielen stationären Behandlungen.

Die Formulierung der Suchtexperten ist deutlich: "Hier in der Eifel hat sich seit Jahren bei den jungen Leuten eine Freizeitkultur im Sinne des Schädelflutens entwickelt", sagen Willi Bauer und Franz Urfels von der Suchtberatung der Caritas Westeifel. Eine Entwicklung in so ausgeprägter Form habe es in anderen Gegenden nicht gegeben.

Anlass für die offenen Worte sind neue Zahlen des Statistischen Landesamtes. Demnach sind 6589 Menschen in Rheinland-Pfalz im Jahr 2015 wegen einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus behandelt worden. Gut ein Fünftel davon war jünger als 20 Jahre.

Insgesamt belegen die Daten zwar einen leichten Rückgang im Vergleich zum Vorjahr. Beunruhigt sind die Experten allerdings über die Zunahme bei den Jungen unter 15 Jahren und den weiblichen Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 19 Jahren. Zudem gehört der Eifelkreis Bitburg-Prüm zu den Landkreisen im Land mit den höchsten Behandlungsraten. Lediglich in Pirmasens und in den Kreisen Südwestpfalz und Birkenfeld sind die Zahlen noch alarmierender.

Auch der Kreis Bernkastel-Wittlich rangiert beim Thema Vollrausch junger Menschen im oberen Drittel der Auflistung. "Die Statistik signalisiert einen hohen Präventionsbedarf", sagt Manuel Follmann, Sprecher der Kreisverwaltung Bernkastel-Wittlich.

Allerdings seien nur stationäre Behandlungszahlen erfasst worden, was wegen der individuellen Behandlungs- und Aufnahmepraxis in den Kliniken einen Vergleich nur bedingt erlaube. "Bei der Gesamtzahl aller Behandlungen liegt der Kreis Bernkastel-Wittlich nahezu im Landesdurchschnitt", sagt Follmann.

Wie im Eifelkreis und an der Mosel sind auch in den laut Statistik unauffälligen Kreisen Vulkaneifel und Trier-Saarburg ausschließlich die Arbeitskreise Suchtprävention für das Thema Alkohol und Jugendliche zuständig. Nur der Stadtrat in Trier hat sich dafür entschieden, zusätzlich ein spezielles Präventionsprojekt zu fördern.

Wie in fünf anderen Kommunen im Land kümmert sich „HaLT“ (Hart am Limit) besonders um Jugendliche zwischen zwölf und 17 Jahren. Anscheinend mit Erfolg: In Trier wurden 2015 im Landesvergleich die wenigsten jungen Alkoholpatienten gezählt.

Meinung

Zu viele schlechte Vorbilder

Von Rainer Neubert

Zu viel Alkohol ist nicht gesund, schon gar nicht für Jugendliche. Das ist keine neue Erkenntnis. Es ist auch nicht neu, dass es in unserer Gesellschaft von jeher vor allem bei werdenden Männern toleriert wird, wenn sie ein erstes Mal erleben, was der Begriff Vollrausch bedeutet.

Natürlich - die damit verbundenen Nachwirkungen sind heilsam, zumindest für die Mehrzahl der jungen Menschen. Warum allerdings immer mehr Jugendliche beider Geschlechter dieses erste Mal derart exzessiv zelebrieren, dass sie zur Entgiftung ins Krankenhaus müssen, ist eine Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt.

Zu viel Toleranz der Eltern mag ein Grund sein. Zu viele schlechte Vorbilder sind ein weiterer. Wenn Erwachsene bei besonderen Anlässen wie Silvester, Karneval oder Festen vor allem den möglichst massenhaften Konsum von Alkohol zum unverzichtbaren Bestandteil der Feierkultur machen, ist es kein Wunder, wenn Jugendliche das kopieren.
Das war schon immer so? Ja und nein. Natürlich wurde auch früher getrunken. Die Unsitte, auf jeder Party auch harte Spirituosen großzügig bereitzustellen, ist aber eine neue Tendenz. Eine Flasche Wodka in 15 Minuten. So kann das Kampftrinken lebensgefährlich werden.

Das Statistische Landesamt hat mit seinen Daten zu alkoholbedingten Klinikeinweisungen sicher nur die Spitze des Eisbergs beleuchtet. Wie viele Vollräusche in den Jugendzimmern der Region ausgeschlafen werden, wird damit nicht erfasst. Dennoch zeigt es einen Zusammenhang auf: Dort, wo das Freizeitangebot für Jugendliche schlecht ist, wird der gemeinsame Alkoholkonsum zur Freizeitaktivität. Die Bushaltestelle wird zur Trinkhalle, die private Party zu einer Art Russisches Roulette: Wer schießt sich als Erster ab?

Zwar hat die Eifel laut Statistik ein großes Problem. Doch auch in der dort mit Bestnote ausgezeichneten Stadt Trier geht längst nicht alles kultiviert und vernünftig zu. Auch in Trier gilt es bei vielen Feten als Ziel, möglichst nicht den Notarzt rufen zu müssen. Viel zu oft wird das nicht erreicht. So rüsten sich die Teams in den Krankenhäusern der Region also wieder für die Silvesternacht. Alkohol gepaart mit Übermut und Silvesterfeuerwerk sind eine ungute Kombination.

Die Mitwirkenden der Arbeitskreise Suchtprävention, die in Stadt und Landkreisen gegen Rausch und Alkoholmissbrauch kämpfen, machen gute Arbeit. Ihr Engagement wird aber so lange ein Kampf gegen Windmühlen bleiben, solange wir Erwachsene jede Verantwortung für den Rausch unserer Kinder und Enkel abgeben.