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Terrorangst: Mehr Sicherheit sorgt für Verunsicherung - Trierer Soziologie-Professor im TV-Interview

Terrorangst: Mehr Sicherheit sorgt für Verunsicherung - Trierer Soziologie-Professor im TV-Interview

Was macht die Angst vor Terror mit der Gesellschaft? Martin Endreß, Soziologe an der Trierer Universität, analysiert die momentane Lage.

Herr Endreß, am Wochenende musste ein Flugzeug der britischen Easyjet in Köln zwischenlanden. Passagiere hatten geglaubt, sie hätten ein verdächtiges Gespräch von Terroristen an Bord gehört. Das stellte sich aber als falsch heraus. Szenenwechsel: Vergangene Woche wurde für Stunden eine Autobahn bei Kaiserslautern gesperrt, weil ein Kanister am Rand stand. Darin befand sich, wie später zum Vorschein kam, Wasser. Wie erklären Sie sich diese offenbar allgegenwärtige Bedrohungsangst? Kann man von einer Hysterie sprechen?
Martin Endreß: Durch diese Ereignisse und die anhaltende Berichterstattung darüber auch außerhalb von Deutschland verschieben sich Aufmerksamkeiten. Das gilt für den Alltag, das gilt für die Presse - und auch für die Politik. In der Konsequenz führt dies dazu, dass Alltägliches mit Angstszenarien verbunden wird. Einer Angst, die zugleich schützen soll. So hat sich eine Achtsamkeitskultur entwickelt, die Menschen sind aufmerksamer geworden auf sehr bestimmte Details des Alltagslebens - und damit ist immer auch die Gefahr einer Hysterie verbunden.

Also ist Angst zunächst einmal nichts Schlechtes?
Endreß: Ängste sind ein menschliches Grundphänomen; es hat sie bereits vor dieser allgegenwärtigen Terrorbedrohung gegeben. Denken Sie etwa an Endzeiterwartungen, an die Angst vor der Klimakatastrophe oder an die Angst vor sozialem Abstieg. Die Bedrohung, der die deutsche Bevölkerung etwa während der Kriege ausgesetzt war, war jedoch fraglos höher als dies für die heutige Situation gilt. Wir nehmen das aufgrund der ständigen Nachrichten von Terror nur anders wahr. Damit will ich natürlich die aktuelle Bedrohungssituation keineswegs kleinreden, sondern lediglich historisch in ein Verhältnis setzen.

Ist die Angst auch medial angeheizt, etwa durch Live-Berichterstattungen von potenziell terroristischen Ereignissen?
Endreß: Ich würde ‚den‘ Medien hier nicht einseitig ‚Schuld‘ zurechnen. Vielmehr spielt hier die etwa durch soziale Netzwerke und Smartphones ebenso zeitnahe wie alltägliche Dauer-Übermittlung von Nachrichten - und das in einem unglaublichen Tempo - eine besondere Rolle. Daher stellt sich sehr schnell der Eindruck einer unmittelbar bedrückenden Gegenwart ein. Ein Prozess, der zu einer kurzfristigen hohen Aufwallung führen kann. Doch das soziale Vergessen setzt ganz ebenso sehr schnell ein. Wenige Wochen später kehrt in der Regel wieder alltägliche Normalität ein. Was letztlich unabdingbar ist - denn wir können nicht ständig im Angstmodus leben.

Kann man sich vor der Terrorangst schützen?
Endreß: Man kann sich nicht ständig vor derartig bedrückende Szenarien abkapseln. Es wäre unplausibel anzunehmen, dass in der deutschen Gesellschaft, die ja vergleichsweise wenig von Terroranschlägen betroffen ist, das Lebensgefühl angesichts der aktuellen Lage in der Welt unberührt bleiben würde. Negative Nachrichten haben dabei vor allem Auswirkungen auf den Umgang mit unseren Mitmenschen und die Wahrnehmung des Alltags.

Aber stehen die gezeigten Reaktionen, seien es Ängste oder auch politische Entscheidungen, in Relation zu der tatsächlichen Bedrohungslage?
Endreß: Es gibt auf der einen Seite die objektive Bedrohungslage und auf der anderen Seite das Gefühl, dass jederzeit und überall etwas passieren kann. Dabei wird das persönliche Bedrohungsgefühl immer auch vom eigenen Erleben geprägt sein. Diejenigen, die zum Beispiel bei Rock am Ring waren und wegen einer potenziellen Terrordrohung das Gelände verlassen mussten, werden beklemmende Gefühle haben und die Bedrohung anders wahrnehmen als diejenigen, die dies nur aus den Nachrichten erfahren haben. Genau aber das ist, was mit den fortgesetzten Terrorakten offenkundig erreicht werden soll: Es sollen das westliche Lebensgefühl und unsere Lebensweise als dauerhaft und immerzu bedroht erscheinen.

Haben die Terroristen Ihrer Ansicht nach Erfolg damit?
Endreß: Teilweise schon. Bestimmte Reiseziele werden aus Angst nicht angesteuert, öffentliche Räume werden gemieden. Wir erleben die Diskussion über eine vermehrte Video-Überwachung und sehen, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen stärker unter Beobachtung stehen. Mit entsprechenden Maßnahmen, so unausweichlich sie auch sein mögen, wird aber das Bedrohungsgefühl letztlich verstärkt. Jede Maßnahme für mehr Sicherheit sorgt dafür, dass unsere Aufmerksamkeit auf die potenziellen Unsicherheiten gelenkt wird, und das trägt wiederum zur Steigerung von Verunsicherung bei.

Was macht diese Angst mit der Gesellschaft? Verändert sie die Gesellschaft?
Endreß: Die Eingriffe in den Alltag sind bereits jetzt offenkundig massiv. Dieser Alarmmodus wird so lange anhalten, wie es nicht gelingt, die Terrorgefahr einzudämmen. Solange die von den unterschiedlichen Ausrichtungen des Islam geprägten Gesellschaften hier nicht deutlich Stellung beziehen und sozusagen von innen heraus Reformprozesse anstoßen, wird es kaum eine Chance geben, diesen Nährboden auszutrocknen.
Bernd Wientjes Zur Person

PROFESSOR FÜR SOZIOLOGIE AN DER UNIVERSITÄT TRIER
Martin Endreß, Jahrgang 1960, wurde in Bochum geboren, Seit 2010 ist er Professor für allgemeine Soziologie an der Uni Trier. Davor hatte er eine Professur für Soziologie und Gesellschaftstheorie an der Bergischen Universität Wuppertal. Enndreß hat neben Soziologie auch Philosophei studiert.