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Tote Nerze und unhörbare Schallwellen

Tote Nerze und unhörbare Schallwellen

In vielen Gemeinden der Region wird heftig darüber gestritten, wo Windräder stehen sollen. Immer öfter taucht das Argument auf, der Infraschall, den die Anlagen aussenden, sei gefährlich. Studien gibt es zu dem Thema bisher nur wenige. Das soll sich ändern.

Weithin sichtbar ragen sie aus grünen Hügeln hinaus in den Himmel. Drehen sich. Erzeugen Strom. Und erhitzen die Gemüter. Fast 1500 Windräder rotierten Ende 2014 in Rheinland-Pfalz. 300 davon stehen im Wald, weitab von Siedlungen. Viele andere jedoch drehen sich in der Nähe von Dörfern. Manche Kommunen weisen Mindestabstände von 1000 Metern aus. Andere bloß 700 oder 800 Meter. Bei Einzelgehöften und Splittersiedlungen können es auch mal 450 Meter sein.

So mancher stört sich am Anblick der Stahlgiganten und fürchtet, die Touristen könnten wegbleiben. Andere sorgen sich wegen der Geräusche oder der Schatten, die Windräder verursachen. Immer öfter warnen Windkraftgegner allerdings auch vor dem unhörbaren Infraschall. In Neuerburg ebenso wie in Thalfang, in Zemmer oder Riol. Immer wieder wird der Infraschall als Argument gegen die weißen Riesen ins Feld geführt.
Was ist überhaupt Infraschall?

Das, was wir hören können - wie Sprache oder Musik - hat Schallwellen mit Frequenzen zwischen 20 und 20 000 Hertz. Infraschall hingegen hat tiefere Frequenzen unterhalb von 20 Hertz. Tonhöhen sind in diesem Bereich nicht mehr zu unterscheiden. Meist ist diese Form von Schall gar nicht zu hören. Es sei denn, der Schalldruckpegel (also die Lautstärke) ist sehr hoch. Dann kann man manchmal ein tiefes Wummern wahrnehmen.

Was produziert diesen Schall?
Natürliche Quellen sind Vulkanausbrüche, Meeresbrandung, Lawinen, starker Wind oder Donner. Es gibt aber auch zahlreiche künstliche Lärmquellen: Gasturbinen, Rüttler, Kompressoren, Pumpen, LKW, Hubschrauber, Überschallexplosionen, Sprengungen, Lautsprecher aber auch Kühlschränke oder Autos.

Erzeugen Windräder Infraschall?
Ja, sowohl bei der Rotorbewegung als auch durch Vibrationen in den Flügeln und im Turm entstehen tieffrequente Wellen. Aktuelle Messergebnisse aus Baden-Würtemberg zeigen allerdings, dass der Pegel auch im direkten Umfeld moderner Anlagen (bis 3,2 Megawatt) mit 40 bis 80 Dezibel deutlich unterhalb der menschlichen Wahrnehmungsschwelle liegt. Das hessische Energieministerium verweist in einem Faktenpapier zum Thema auf Untersuchungen, denen zufolge die Infraschallpegel im Inneren eines Mittelklassewagens bei Tempo 130 viel höher seien als in der Umgebung von Windrädern.

Kann Infraschall krank machen?
Ja. Das Umweltbundesamt hat 2014 die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien über Infraschall in einer "Machbarkeitsstudie zu den Wirkungen von Infraschall" zusammengetragen. Demnach ist es unstrittig, dass Infraschall bei hohen Schalldruckpegeln (die Windräder jedoch nicht erreichen) Auswirkungen auf die Gesundheit haben kann: Probanden klagten häufig über Schwindel und Unwohlsein. Auch Müdigkeit, Auswirkungen auf das Herz-Kreislaufsystem, die Konzentration und Reaktionszeit, sowie Gleichgewichtsorgane wurden beobachtet. Ab 140 Dezibel kann Infraschall zu Gehörschäden führen, ab 185 Dezibel gar zu Schäden am Trommelfell.

Und wie gefährlich ist der Windradschall?
"Für eine negative Auswirkung von Infraschall unterhalb der Wahrnehmungsschwelle konnten bislang keine wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse gefunden werden, auch wenn zahlreiche Forschungsbeiträge entsprechende Hypothesen postulieren", heißt es in der Machbarkeitsstudie des Umweltbundesamtes. "Nach heutigem Stand der Wissenschaft sind schädliche Wirkungen demnach nicht zu erwarten", heißt es aus dem Mainzer Umweltministerium.
Allerdings zeigt die genauere Lektüre der Studienergebnisse, dass genau diese Frage bisher so gut wie gar nicht untersucht wurde. Die Probanden der verschiedenen Studien zum Thema Infraschall wurden nämlich meist viel höheren Schalldruckpegeln ausgesetzt, als sie bei Windrädern zu erwarten sind.

Und ganz so beruhigend, wie von verschiedenen Landesregierungen dargestellt, sind die Ergebnisse bei genauerer Betrachtung auch nicht. Heißt es in der Wissenssammlung des Umweltbundesamtes doch auch: "Vergleicht man die Untersuchungsergebnisse, wird deutlich, dass negative Auswirkungen von Infraschall im Frequenzbereich unter zehn Hertz auch bei Schalldruckpegeln unterhalb der Hörschwelle nicht ausgeschlossen sind. Die ersten negativen Auswirkungen wurden bei einer Untersuchung bereits bei Schalldruckpegeln von etwa 75 Dezibel festgestellt." Allerdings könne dies auch auf eine Beimischung von hörbarem Schall zurückzuführen sein. Kurz: Es gibt großen Forschungsbedarf. Das Umweltbundesamt hat daher eine weitere Studie beauftragt, die die Wirkungen von Infraschall - auch jenem von Windrädern - näher untersuchen soll.

Wie wird in Deutschland auf die Bedenken reagiert?
Verhalten. Die meisten Bundesländer sehen aktuell keinen Handlungsbedarf. Bayern hat schon Ende 2014 die Mindestabstände zur Wohnbebauung drastisch erhöht. Seitdem muss der Abstand zum nächsten Wohnhaus das Zehnfache der Anlagenhöhe betragen.
Gingen alle Länder so vor, wäre dies wohl das Ende der deutschen Energiewende. Blieben doch dann nur relativ wenige Standorte übrig. Maria Krautzberger, Präsidentin des Umweltbundesamts warnt: "Die Bundesländer sollten nicht den Fehler machen, durch überzogene Abstandsregeln den Ausbau der Windenergie als wichtige Säule der Energiewende zu gefährden. Verbindliche Mindestabstände zur Wohnbebauung schränken den Spielraum der Regionen und Kommunen schnell zu stark ein."

Was sagt die Landesregierung?
Das rheinland-pfälzische Umweltministerium sieht keinen Handlungsbedarf. Es verweist auf das Umweltbundesamt, welches davon abrät, ohne fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse Mindestabstände für Windräder festzulegen.

Was ist in Dänemark los?
Berichte über eine Nerzfarm, deren Tiere sich gegenseitig attackierten und ihre Jungen totbissen, nachdem in der Nachbarschaft Windräder angeschaltet worden waren, haben viele Menschen in Dänemark - und nicht nur dort - beunruhigt. Die führende Windenergie-Nation hat daher Wissenschaftler damit beauftragt, den Zusammenhang zwischen Windrad-Geräuschen und Gesundheitsrisiken zu erforschen. Manche Kommunen wollen abwarten, bis die Ergebnisse vorliegen. Das dänische Energie-Ministerium hat allerdings darauf hingewiesen, dass Windrad-Planungen fortgesetzt werden können.Meinung

Bitte keine Panikmache!Es ist dringend erforderlich, die Wirkungen von Windrad-Infraschall besser zu erforschen. Denn gesundheitliche Risiken können nach aktuellem Wissensstand nicht ausgeschlossen werden. Belegt sind sie allerdings auch nicht. Panikmache ist daher völlig fehl am Platz. Zum Vergleich: Wer mit 130 über die Autobahn fährt, bekommt Studien zufolge mehr Infraschall ab als jemand, der 300 Meter neben einem Windrad wohnt. Wer aus Angst vor unhörbarem Schall größere Abstände für Windräder fordert, müsste konsequenterweise also sein Auto stehen lassen, den Kühlschrank ausschalten und auf Musik und Meeresrauschen verzichten. Man kann natürlich darüber streiten, ob es angemessen ist, die Riesen bis auf 450 Meter an Gehöfte und Kleinstsiedlungen heranzubauen. Die Abstands-Regelung, die Bayern eingeführt hat, ist allerdings maßlos übertrieben - und wissenschaftlich durch nichts zu begründen. Nur mal kurz zur Erinnerung: Die Alternative zur Energiewende heißt Atomkraft. Und die wollte hier keiner mehr, nachdem Fukushima ins Gedächtnis gerufen hat, wie gefährlich Radioaktivität ist. Und zwar erwiesenermaßen. Apropos, Monsieur Hollande: Cattenom abschalten! k.hammermann@volksfreund.de