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Totes Baby: Überforderte Eltern bekommen Bewährung

Totes Baby: Überforderte Eltern bekommen Bewährung

Sie wussten nicht, was sie tun sollten - und taten lange nichts: Das Amtsgericht Bitburg hat ein junges Paar wegen der fahrlässigen Tötung seines Babys zu einer Jugend- beziehungsweise Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung verurteilt. Sein acht Wochen alter Sohn war im Oktober 2010 an Unterernährung gestorben.

Bitburg. Sie waren 19 und 25 Jahre alt, als sie Eltern wurden. Sie waren 19 und 26 Jahre alt, als sie es nicht mehr waren. In den acht Wochen dazwischen waren sie ihrem kleinen Sohn keine guten Eltern: Der Junge starb Mitte Oktober 2010 an Multiorganversagen - Folgen einer akuten Unterernährung, die das junge Paar offenbar lange nicht bemerkte. Und als ihm endlich dämmerte, dass etwas nicht in Ordnung war, reagierte es vollkommen falsch.
Warum sich das Paar, das erst seit Februar 2010 in Fließem wohnte und keine sozialen Kontakte hatte, nicht früher Hilfe holte, ist eine der zentalen Fragen am Montag im Prozess um den Vorwurf der fahrlässigen Tötung vor dem Bitburger Amtsgericht. Denn Gelegenheiten, sich die Unterstützung von Außenstehenden zu sichern, hätte es für die heute 21-Jährige und den heute 27-Jährigen durchaus gegeben. Doch die frischgebackenen Eltern verließen im August 2010 so schnell wie möglich nach der Geburt die Bitburger Klinik, weil die junge Frau "Angst vor Krankenhäusern, Ärzten und Spritzen" hatte. Auf eine Betreuung durch eine Hebamme nach der Geburt verzichteten sie, weil in ihrer Wohnung der Putz von den Wänden bröckelte und sich Schimmel ausbreitete. "Mir war\'s peinlich, jemanden reinzulassen", sagt die Angeklagte.
Die U3-Untersuchung für ihren Sohn verpassten sie, weil seine Versichertenkarte noch nicht da war. Als sie Anfang Oktober bemerkten, dass ihr Baby nicht richtig trank und an Gewicht verlor, ließen sie sich durch Erklärungen in Internetforen wieder beruhigen. Als der Junge weiter zu wenig zu sich nahm, ging die junge Mutter - ohne ihr Kind - ins Krankenhaus und fragte bei einer Hebamme nach. Doch statt der empfohlenen "Pre Nahrung" kaufte die junge Frau Nahrung für deutlich ältere Kinder.
900 Gramm Gewicht verloren


Als das Paar seinen Sohn schließlich ins Bitburger Krankenhaus brachte, wog dieser noch 2685 Gramm - und hatte damit seit seiner Geburt mehr als 900 Gramm verloren. Laut dem Gutachten des Rechtsmediziners hätte selbst einem medizinischen Laien die akute Unterernährung früher auffallen müssen. "Man hat schlicht und einfach zu spät auf den desolaten Zustand des Kindes reagiert", sagt der Verteidiger des 27-Jährigen, Roderich Schmitz. Der Anwalt der jungen Frau, Wolfgang Simon, formuliert es drastischer: "Es gab wohl einen Zeitpunkt, wo selbst der Naivste, Dümmste und Unerfahrenste darauf hätte kommen können, zu reagieren - doch es passierte nichts."
Die Angeklagten seien von Anfang an überfordert gewesen, sagt Staatsanwalt Wolfgang Spies. Er konstatiert beiden eine deutliche "Reifeverzögerung". Doch nur bei der jungen Frau kann noch das Jugendstrafrecht angewandt werden. Spies fordert für die heute 21-Jährige eine Jugendstrafe von einem Jahr auf Bewährung, für ihren Freund eine ebenfalls einjährige Freiheitsstrafe auf Bewährung. Ein Antrag, dem das Gericht unter dem Vorsitz von Udo May folgt: Es verurteilt beide Angeklagten wegen fahrlässiger Tötung ihres Sohnes. Zudem müssen sie jeweils 150 gemeinnützige Stunden ableisten. So traurig das Schicksal des Jungen auch gewesen sei, betont May in seiner Urteilsbegründung, könne es dazu beitragen, "das so etwas nicht noch mal passiert". Der Tod des Jungen war Anlass für eine engere Vernetzung des Bitburger Krankenhauses mit Hebammen sowie dem Jugendamt. Das Ziel: Risikoeltern früher zu erkennen und ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen zu können.