Trierer Klimaaktivisten von Extinction Rebellion erzählen, was sie bewegt

Kostenpflichtiger Inhalt: Klimaschutz : „Absurd, weiterzumachen wie bisher“

Was bringt Menschen dazu, für Klimaschutz auf die Straße zu gehen? Und alles zu tun, um CO2 zu sparen? Trierer Aktivisten erzählen, was sie bewegt.

Die meisten leben ihr Leben einfach weiter wie bisher. Fahren ihre Autos, essen ihre Schnitzel, fliegen in den Urlaub. Andere haben angefangen, Dinge da zu verändern, wo es nicht allzu weh tut. Sie nehmen das Rad, wechseln zu Ökostrom und essen öfter mal vegetarisch.

Für Marlena Bock (31) hingegen ist nichts mehr wie es war, seit sie anfing, über den Klimawandel zu lesen. Ein Wort, das sie und ihr Mitstreiter Christoph Muthers (42) viel zu harmlos finden für die „größte Katastrophe, die der Menschheit jemals bevorstand“. Marlena Bock war geschockt, als ihr bewusst wurde, wie weit fortgeschritten der Klimawandel bereits ist. Wie stark sich die Temperatur bereits erhöht hat. Und wie gefährlich die Prozesse sind, die die globale Erwärmung in Gang setzt: Dürre und Brände, Stürme und Starkregen, Eisschmelze, Hitzewellen, Flüchtlingswellen, Artensterben, Krankheiten, Tod. Immer wieder zückt die junge Frau während des Gesprächs ihr Smartphone, zeigt auf Klimadiagramme, Grafiken und Tabellen. Auf wissenschaftliche Daten, von denen sie wünschte, dass jeder sie kennt.

Als Psychologin weiß die Triererin, wie Verdrängungsmechanismen funktionieren. Also zwang sie sich, jeden Abend über den Klimawandel zu lesen. Über Gletscher, die verschwinden, den Meeresspiegel, der steigt, Korallen, die bleichen, über Ozeane, die versauern oder über Permafrostböden, die beim Auftauen Treibhausgase freisetzen und die Erderwärmung so noch verstärken ...

„Danach wäre es absurd gewesen, weiterzumachen wie bisher“, sagt sie. Nichts sei für die Menschheit jemals so bedrohlich gewesen. Noch nie habe es eine Hochkultur gegeben, „die wusste, dass sie untergeht, die wusste, was sie tun könnte und die nichts unternommen hat“.

Es sei schwer zu ertragen, wie die Politiker an der Macht sich am Status quo festklammerten. „Sie ziehen uns alle mit ins Verderben“, sagt Muthers, der nach eigenem Bekunden „als typischer Öko“ aufwuchs und sich daher schon sehr lange Gedanken über den Klimawandel macht. Zusammen mit anderen, die sich weigern, „Kindern und Enkeln einen sterbenden Planeten zu hinterlassen“, haben Muthers und Bock eine lokale Gruppe der Bewegung Extinction Rebellion gegründet. Mit drastischen, aber friedlichen Aktionen – darunter ein Trauermarsch durch die Trierer Innenstadt mit einem echten Sarg – versuchen die Aktivisten andere aufzurütteln.

Die Klimaschützer begrüßen es, dass die Folgen der Erwärmung inzwischen auch in Deutschland zu fühlen sind. „Es ist gut, dass es jetzt schlimm wird und wichtig, dass jeder das spürt.“ Erhöhe persönliche Betroffenheit doch die Bereitschaft, zu handeln. Genau genommen seien jetzt so schnelle Veränderungen nötig wie in Kriegszeiten – „alle Autos sofort stehen lassen, alle Flüge verbieten“, findet Marlena Bock.

Wie der Weltklimarat kürzlich berichtete, ist die Temperatur weltweit über den Landflächen bereits um 1,53 Grad gestiegen. Schon bei einer Erwärmung von höchstens zwei Grad rechnet der Weltklimarat mit 280 Millionen Flüchtlingen wegen steigender Meeresspiegel. Was, wenn daraus drei, vier, fünf oder sechs Grad werden? Dann sei die Erde nicht mehr die gleiche. „Wenn wir hier regelmäßig über 40 Grad haben, dann gehen uns die Wälder kaputt“, sagt Muthers, der Baumpfleger ist. „Die meisten Menschen wissen, bei 42 Grad Fieber ist Ende“, sagt Bock.

Große Sorgen bereiten ihnen die sich selbst verstärkenden Effekte und Kippelemente des komplexen Klimasystems: Meeresströmungen, die sich abrupt verändern könnten. Tauendes Eis, das dunkle Meeresflächen freilegt, die die Strahlung aufnehmen statt sie zu reflektieren, so dass das Meerwasser noch wärmer wird, wodurch noch mehr Eis schmilzt und so weiter. Brände, die den fürs Klima so wichtigen Urwald zerstören und dabei Unmengen CO2 freisetzen ...

Der zweifache Vater und die Psychologin haben Klimaschutz längst fest in ihr Leben integriert. Fahrrad und Zug statt Auto, Alpen statt Anden, Gemüse statt Fleisch, Videokonferenz statt Dienstreise, reparieren statt wegwerfen, Biolebensmittel, Ökostrom und wenig Plastik. Bock arbeitet einen Tag weniger, um sich mehr ums Klima kümmern zu können. Und Muthers, der Fahrradkonstrukteur war und nun als Baumpfleger arbeitet, will künftig Landwirt sein und in der Stadt für die Stadt Gemüse in Permakultur erzeugen.

Wieder zückt Marlena Bock ihr Handy. Um zu unterstreichen, warum privater Klimaschutz nicht reicht. Warum politische Entscheidungen so wichtig sind. Diesmal ist es eine Grafik des Umweltbundesamts, die zeigt, dass der bei weitem größte Teil der Treibhausgase von der Energiewirtschaft produziert wird, gefolgt vom Verkehr, von Feuerungsanlagen und Industrie.

Gespannt sind die Aktivisten auf die Entscheidungen des Klimakabinetts. Optimistisch ist Muthers allerdings nicht. Er sei bereit, jede Wette einzugehen, dass die Klimaziele am Ende wieder nicht erreicht würden. „Egal wo man sich hinwendet, sehr schnell merkt man, dass die Verantwortlichen die Situation nicht verstanden haben oder nicht verstehen wollen.“ Ihn stört es, dass immer wieder versucht werde, Wirtschaftlichkeit und Klimaschutz miteinander in Einklang zu bringen. Es sei nicht im Sinne eines Landes, „heute wirtschaftlich gut dazustehen, damit aber seine Zukunft zu verspielen“. Auch wirtschaftlich sei es günstiger, jetzt mit dem Klimaschutz zu beginnen. „Die Folgen werden sicher höhere Kosten verursachen, als wir jetzt für Prävention ausgeben müssten.“ Schon die Schadensbeseitigung nach einem einzigen Wirbelsturm könne horrende Summen verschlingen.

Am Ende geht es den Aktivisten um nichts Geringeres, als „die Zerstörung der Erde und allen menschlichen Lebens zu verhindern“.

Mit Todesengeln und Trauerzügen machen die Aktivisten von Extinction Rebellion auf die drohende Klimakatastrophe aufmerksam. Foto: Extinction Rebellion

Manchmal steigt Panik in Marlena Bock auf. Dann gönnt sie sich ein Wochenende in der Natur. Um zu spüren, wie schön diese Welt ist, die sie retten möchte.

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