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Trierer Schülerin steht bei Entführung Todesängste aus

Trierer Schülerin steht bei Entführung Todesängste aus

Neun Monate nach der Entführung durch einen 32-jährigen Mann leidet das damalige Opfer, eine Trierer Schülerin, noch immer. Im Prozess gegen ihn schilderte sie die Folgen. Der Mann muss sechseinhalb Jahre ins Gefängnis.

Trier. Es fällt ihr schwer, über ihre Gefühle zu reden. Darüber, wie sich ihr Leben seit dem 30. September vergangenen Jahres verändert hat. Der Tag, an dem sie von dem Mann entführt worden war, dem sie an diesem Montag im Gerichtssaal des Trierer Landgerichts nun wieder begegnet. Im Glauben, der Mann suche zusammen mit seiner Frau eine Babysitterin für sein acht Monate altes Baby, war die damals 17-jährige Schülerin an dem Septemberfreitag im vergangenen Jahr in das Auto des Mannes gestiegen. "Suche liebevolle, zuverlässige Babysitter für meinen Schatz" hatte es in der Internetanzeige geheißen, auf die die junge Frau damals antwortete. Misstrauisch geworden war sie nicht. Immerhin saß das Baby auf dem Rücksitz des Autos. Doch kaum saß auch sie im Fahrzeug, hielt der damals 32-Jährige ihr ein Messer an den Hals und drohte ihr: "Mach einfach alles, was ich dir sage, sonst schneide ich dir die Kehle durch." Als die Schülerin schrie, stopfte ihr der Mann eine Socke in den Mund und zog ihr eine Plastiktüte über den Kopf und fesselte sie an den Händen. Der Mann fuhr dann mit der völlig verstörten 17-Jährigen zu dem Gartenhaus seiner Mutter in den Trierer Stadtteil Zewen. Dort fesselte er die Füße des Mädchens mit Klebeband an einen Stuhl und richtete eine Videokamera auf es. Die junge Frau konnte schließlich fliehen. Sie habe nicht gewusst, ob sie überhaupt noch da herauskomme, sagt sie weinend vor Gericht.
Die mittlerweile 18-Jährige leidet noch immer unter den Folgen. Sie habe ständig Alpträume und Angst vor Kontakten zu Männern. Und ihre schulischen Leistungen seien nicht mehr so wie vorher. Einmal in der Woche geht sie zu einer Therapeutin, die ihr helfen soll, das Erlebte zu verarbeiten. Vor Gericht bleibt ihr erspart, darüber zu berichten. Der Angeklagte lässt seinen Verteidiger Ralph Schira ein Geständnis verlesen. Auch, dass er Kinderpornos hatte und sie im Internet mit anderen tauschte. Wegen des Besitzes von Kinderpornos ist der heute 33-Jährige, der in einem Dorf an der luxemburgischen Grenze mit seiner Freundin und dem gemeinsamen Baby wohnte, bereits vor zwei Jahren zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden.
Zu der Tat im vergangenen September sagt der blass und kränklich wirkende Mann auf der Anklagebank nichts. Sein Verteidiger hat ihm geraten, dazu zu schweigen. Eine Aussage könnte die psychiatrische Gutachterin dazu veranlassen, dem Gericht eine lebenslange Sicherungsverwahrung zu empfehlen.
Einen Tag nach der Entführung der Schülerin war der Mann verhaftet worden. Seitdem sitzt er die zweijährige Freiheitsstrafe wegen der Kinderpornos ab. Die Bewährung wurde nach der Verhaftung aufgehoben. Aus dem Gefängnis heraus hat der Mann seinem Opfer einen Entschuldigungsbrief geschrieben.
Doch der Anwältin der jungen Frau, Ruth Streit, ist das zu wenig. Auch das Geständnis ist für sie halbherzig. Er sei ein Feigling, weil er nichts zu der Tat gesagt habe, ereifert sich die Anwältin in ihrem emotionalen Plädoyer. Staatsanwalt Arnold Schomer wirft dem Mann vor, die Tat von langer Hand geplant zu haben und systematisch vorgegangen zu sein. Die Schülerin habe Todesängste ausgestanden. Schomer spricht von "Fluch und Segen" neuer Medien, die, wie in diesem Fall, zu neuer Form der Kriminalität führten. Er fordert eine Freiheitsstrafe von sechseinhalb Jahren. Dem schließt sich das Gericht an. "Wenn das Opfer nicht abgehauen wäre, wäre mehr passiert", ist Richter Armin Hardt überzeugt. Er legt dem Angeklagten nahe, während der Haft eine Sexualtherapie zu machen. Wenn er wegen einer solchen Tat noch einmal vor Gericht erscheine, drohe ihm wirklich Sicherungsverwahrung, macht der Richter dem Mann unmissverständlich klar. Und dem Opfer gibt er mit auf dem Weg: "Kopf nicht hängenlassen, nach vorne schauen." Das Urteil ist rechtskräftig.