Nachhaltige Agrarwirtschaft : Trotz Dürre: Warum die Wiesen einer Eifeler Landwirtin grün sind und nicht braun

Nachhaltige Agrarwirtschaft : Trotz Dürre: Warum die Wiesen einer Eifeler Landwirtin grün sind und nicht braun

Viele Landwirte kämpfen zurzeit mit vertrockneten Weiden, das Tierfutter wird knapp. Anders bei einer Bäuerin aus der Südeifel. Was macht sie anders?

Diese Wiese fällt auf. Trotz Hitze und Dürre in diesem Sommer ist sie nicht braun wie viele andere, sondern grün – und üppig mit Gras, Blumen und anderem Grünzeug bewachsen. „Alle beschweren sich, dass sie kein Gras und kein Futter mehr haben. Und wir haben die Scheune voll“, sagt Landwirtin Viviane Theby auf ihrem Hof bei Wittlich in der Südeifel. Sie führt das darauf zurück, dass sie und ihr Lebensgefährte Karl Reißner ihren Betrieb vor rund eineinhalb Jahren komplett umgestellt haben: auf nachhaltige Landwirtschaft und ganzheitliches Management, wie sie sagt.

„Was ich so spannend finde an der ganzen Geschichte, ist, dass wenn man wieder lernt, mit der Natur zu arbeiten, man dann im Prinzip alles in Hülle und Fülle hat“, sagt sie zwischen ihren rund 20 Glanrindern, die auf der Weide lautstark schmatzend grasen. A und O sei, dass man die Wiese anders als früher nicht mehr komplett abmähe oder abweiden lasse. „Wir denken jetzt, die Hälfte ist für die Kühe, die andere Hälfte ist für die Mikroorganismen im Boden“, sagt sie.

Die grünen Pflanzen seien wie „Solarpanels“, die den Kohlenstoff in die Erde brächten und so die Mikroorganismen fütterten. „Wenn es den Mikroorganismen gutgeht, machen sie den Boden gesünder.“ Pflanzen könnten tiefer wurzeln. „Wir merken heute schon, dass wir die Pfähle für die Zäune leichter als vorher in die Erde stecken können. Das zeigt, dass viel mehr Leben im Boden ist.“ Und: Ein stets bedeckter Boden verhindere, dass die Erde austrockne.

Anderswo hat die wochenlange Dürre Bauern schwer zugesetzt. Nach ersten Schätzungen aus den Ländern sollen sich bundesweite Schäden wegen Ernteausfällen bereits auf mehr als eine Milliarde Euro belaufen. Auf Länderebene gibt es laut Bundesagrarministerium schon eine Reihe von Hilfsmaßnahmen – wie Futterbörsen für Viehhalter. Der Bund will nach der für Ende August vorgesehenen amtlichen Erntebilanz über mögliche finanzielle Hilfen für Landwirte entscheiden.

Theby und Reißner hatten vor zwei Jahre ihren Milchkuhbetrieb mit rund 70 Tieren aufgegeben, auch aus finanziellen Gründen. „Die Milchpreise waren so schlecht, wir zahlten nur noch drauf.“ Sie schafften sich Glanrinder an, eine vom Aussterben bedrohte Rasse des Hausrinds, die vorwiegend in Rheinland-Pfalz beheimatet ist. „Diese robusten Tiere sind echte Persönlichkeiten“, meint Theby. Nach Angaben des Glanrind Züchterverbands in Ohmbach im Kreis Kusel gibt es heute noch rund 2000 Exemplare, vor allem zudem im Saarland und in Nordrhein-Westfalen. Zwei Mal pro Tag bekommen die Tiere bei Theby auf dem zehn Hektar großen Gelände ein neues Stück Weide.

Aber auch andere Gründe bewegten die studierte Landwirtin und Tierärztin bei der Umstellung: „Man sieht ja überall, dass es so wie es ist, nicht weitergehen kann. „Es gibt Theorien, dass wir vielleicht noch so 60 Ernten haben.“ Dies würde bedeuteten, dass schon die nächste Generation unter Umständen nichts zu essen habe. „Ich denke, deswegen ist es dringend Zeit, dass wir was ändern.“

Bei vielen Bauern findet zurzeit ein Umdenken statt: „Die deutsche Landwirtschaft befindet sich seit Jahren in einem Veränderungsprozess hin zu mehr Nachhaltigkeit und Artenschutz“, sagte der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied, in Berlin. Beispielsweise hätten sich Landwirte in einer Klimastrategie eigene Emissionsreduktionsziele gesetzt und in einer Ackerbaustrategie auch die Reduzierung von Pflanzenschutzmitteln im Blick. „Außerdem setzen wir auf Fruchtfolgen, eine schonende Bodenbearbeitung, wenden Mulchsaatverfahren an oder legen Blühstreifen für Insekten an.“

Christopher Cooke, der europaweit Landwirte beim Umstellen auf Nachhaltigkeit schult, sagt: „Der Wandel hat in vielen Köpfen schon angefangen. Viele Landwirte wissen nur noch nicht, wie sie den Wandel konkret umsetzen können.“ Dabei gebe er Unterstützung. Der Engländer aus dem Lake District bei Manchester hat gerade in Wittlich ein mehrtägiges Seminar gehalten.

Rund um den Globus würden bereits 60 Millionen Hektar ganzheitlich gemanagt. „Das Bewusstsein entwickelt sich.“ Farmer würden zunehmend gezwungen, neu zu denken. „Was wir derzeit tun, funktioniert nicht: Die Gesundheit der Menschen, der Tiere und der Böden wird schlechter. Wir müssen lernen, im Einklang mit der Natur zu arbeiten.“ Theby und Reißner sind seiner Kenntnis nach mit die Ersten in Deutschland, die ganzheitlich umgestellt haben.

Dazu gehört auch ein Wohnwagen voller Hühner, den man verschieben kann. „Er folgt der Kuhherde im Drei-Tages-Abstand und sorgt für eine größere Artenvielfalt“, sagt Theby. Die Hühner betrieben „Weidehygiene“: „Sie helfen, Parasiten zu bekämpfen.“ So könne man sich auch alle möglichen chemischen Mittel sparen. Auch Maschinen und Dünger seien auf dem Gelände passé. „Seit zwei Jahren wird hier nicht mehr gedüngt – und es wächst wie sonstwas.“

(dpa)
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