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Über 50 und unverzichtbar

Über 50 und unverzichtbar

HORATH. Ein Drittel der Belegschaft beim Drahtwerk Horath DWH ist über 50 Jahre alt. Eine Ausnahme bei Industrie-Belegschaften. Doch gerade für diese Klientel hat es der Betrieb nach seiner Insolvenz geschafft, dauerhaft Motivation zu erzeugen und die Zukunft des Unternehmens zu sichern.

Ob beim Europa-Parlament in Straßburg, beim U-Bahn-Bau in Sydney oder der ICE-Neubaustrecke Köln-Frankfurt: Überall hat das Horather Drahtwerk DWH seine Handschrift hinterlassen - mit Stahlbetonmatten und Bewehrungsdraht. Dass das Hunsrücker Werk im Kreis Bernkastel-Wittlich inzwischen so erfolgreich auf dem Weltmarkt arbeitet, verdankt es auch einer Personalpolitik, die lange Firmentreue honoriert und auf Erfahrungen älterer Mitarbeiter vertraut.Dabei lag die Motivation aller Mitarbeiter noch vor gut drei Jahren völlig am Boden: Das Drahtwerk als Tochterfirma der Trierer Rass AG musste Insolvenz-Antrag stellen. Ein Horror für den 400-Einwohner-Ort und die strukturschwache Gegend. "Alle Leute hatten Angst um ihren Arbeitsplatz, aber seit 2003 wird alles dafür getan, dass soziale Verantwortung gelebt wird", sagt Karl Burkardt, einer von zwei Geschäftsführern des DWH mit Stammsitz im lothringischen Drulingen. Damals übernahm nach zähen Verhandlungen die französische Sotralentz-Gruppe das Horather Werk - mit Arbeitsplatzgarantie für noch rund 30 Beschäftigte von einst 75.

"Wir-Gefühl" auch ohne Schulungen

"Natürlich ist auch heute nicht alles Friede-Freude-Eierkuchen, und wir unterliegen den Zwänge der Nachfrage aus dem Markt heraus", sagt er. Doch Burkardt ist seit 31 Jahren im Team und weiß: "Wir haben durch die Entwicklungen der letzten Jahre ein Wir-Gefühl entwickelt, das wir den Menschen nicht erst in Schulungen beibringen mussten." Keine Entwicklung innerhalb eines Tages, sondern ein Ergebnis von langjähriger Teamarbeit. Es sei alles eine Frage, wie man mit den Menschen umgehe. Denn Probleme entstünden nie innerhalb einer Belegschaft, sondern immer an der Unternehmensspitze.

"Wir brauchen Produktivität über Leistungsbereitschaft", erklärt Burkardt die Charakteristik der Stahlbranche. Man sei abhängig von der Bauindustrie, die im Verdrängungswettbewerb stecke. Und um auf den Markt reagieren zu können (Exportanteil: rund 75 Prozent), habe man sich bislang zusammen mit den Mitarbeitern sowohl auf Überstunden und Samstagsschichten als auch auf einen flexiblen Drei-Schicht-Betrieb einigen können. Denn Horath wird autark von den Franzosen im Hunsrück mit Betriebsleiter Raimund Lorscheter an der Spitze geführt.

Die Strategie hat bislang Erfolg: Ende 2005 machte das Unternehmen laut Geschäftsführer Karl Burkardt mit 130 000 Tonnen Stahl-Produkten einen Umsatz von 60 Millionen Euro, ein Plus von rund 13 Prozent - und rund 50 000 Tonnen mehr als noch vor der Insolvenz. Die Mitarbeiterzahl ist kontinuierlich auf jetzt 106 gestiegen. Auffallend dabei: Der Altersdurchschnitt liegt mit 45 Jahren recht hoch, über 30 Beschäftigte sind über 50. "Wir suchen permanent neue Mitarbeiter und legen unser Augenmerk auf eine langfristige Bindung", sagt Personal-Leiterin Helma Blatt, die selbst seit 38 Jahren im Drahtwerk arbeitet. Allein für 2006 sollen rund 20 neue Leute eingestellt werden. Es wird ein Produktionszuwachs von 15 Prozent angepeilt. Bei der Suche habe sich inzwischen herausgestellt: "Vor allem die Altersgruppe "50plus" ist sehr loyal, sozial gefestigt und strebt kaum einen Arbeitsplatzwechsel an", sagt Blatt. "Wir haben keine Vorurteile, wenn sich jemand mit 52 bewirbt - sofern er die Leistung bringt", sagt Blatt. Und Betriebsleiter Lorscheter fügt hinzu: "Wir stellen die Älteren nicht einfach an Maschinen, sondern machen sie auch zu Maschinenführern. Auch das macht Zufriedenheit aus", sagt er. Dafür fordert das DWH Qualität und Zuverlässigkeit. Personalleiterin Helma Blatt formuliert das so: "Druck und Hilfestellung." Der direkte Draht zwischen Führung und Mitarbeitern sorge nicht nur für klare Verhältnisse, auch Verbesserungsvorschläge und Kritikpunkte würden so schnell umgesetzt. "Wir brauchen ruhige, besonnene Mitarbeiter. Und unsere Philosophie ist eine offene Kommunikation", sagt Geschäftsführer Burkardt.