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Umweltwissenschaftler Andreas Preußer berichtet von der Polarstern

Kostenpflichtiger Inhalt: Forschung : Trierer Forscher sitzt wegen Corona am Nordpol fest

Selbst Polarexpeditionen bringt die Pandemie durcheinander. Ein Trierer bleibt nun länger bei enormer Kälte auf rissigem Eis.  

„Viele Grüße von 86°27 N“, steht da am Ende der Mail. Eine Nachricht, geschrieben auf einer rissigen, immer kleiner werdenden Eisscholle, die knapp jenseits des 86. Breitengrades durch die Arktis treibt. Da, wo sich der Trierer Umweltwissenschaftler Dr. Andreas Preußer derzeit befindet, ist es bei Wind gefühlte minus 58 Grad kalt. So kalt, dass frische Lebensmittel in beheizten Containern transportiert werden müssen. So kalt, dass die Fahrtrinne des russischen Eisbrechers, der Preußer und andere Ende Februar zum Forschungsschiff Polarstern brachte, schon am folgenden Tag so dick zugefroren war, dass die Wissenschaftler sie betreten konnten. So kalt, dass Preußer das Wetter als größte Herausforderung seiner abenteuerlichen Reise bezeichnet.  

Wegen der Corona-Pandemie wird der Klimaforscher nun deutlich länger als geplant in dieser Kälte bleiben. Ursprünglich war der nächste Crew-Austausch per Flugzeug von Spitzbergen aus geplant. Die Insel ist nun allerdings abgeriegelt, niemand darf mehr nach Norwegen einreisen, so dass Preußer und andere wohl erst im Juni mit einem Eisbrecher ihre lange Rückreise antreten. Sechs Wochen später als geplant.

Der Trierer beteiligt sich an der größten Expedition in die Arktis aller Zeiten: Das deutsche Forschungsschiff Polarstern driftet eingefroren im Eis ein Jahr lang durch das Nordpolarmeer – dem Pol kam es dabei Ende Februar so nah wie kein anderes Schiff jemals zuvor: Nur 156 Kilometer war der nördlichste Punkt der Erde noch entfernt. An Bord sind Menschen aus 20 Nationen, die das Ziel verfolgen, mehr über das Klima der Arktis zu lernen. Um Daten zu sammeln, die dabei helfen werden, den Klimawandel besser einzuschätzen.

Preußer ist nun bereits zum zweiten Mal dabei: Weil er sich das Wadenbein gebrochen hatte, musste er im Oktober früher als geplant nach Trier zurückkehren. Seit dem 28. Februar ist er wieder an Bord. Nach einer mehr als vierwöchigen Anreise, die ebenfalls als Rekord in die Geschichte der Polarforschung eingeht: Noch nie hat ein Schiff es so früh im Jahr aus eigener Kraft so weit in den Norden geschafft wie der Eisbrecher Kapitan Dranitsyn. Die Fahrt dauerte allerdings auch zwei Wochen länger als geplant.

„Bisher erging es mir auf der Polarstern sehr gut“, schreibt Preußer auf TV-Anfrage in seiner Mail. Trotz sehr kalter Temperaturen bis zu minus 40 Grad Celsius habe er sich nach der langen Anreise sehr gut einarbeiten können. Der Umweltmeteorologe gehört zum „Atmosphärenteam“. Mit einem Laserinstrument misst er Windgeschwindigkeiten.

„Oft bin ich draußen zur Wartung von Instrumenten unterwegs“ – mal auf dem oberen Deck der Polarstern, mal in  der „Met City“, einer Forschungsstation auf der Eisscholle, schreibt der Trierer, der mehrere Schichten Wollkleidung trägt, um sich vor der extremen Kälte zu schützen. „Chemische Wärmepads in Handschuhen und Stiefeln helfen zusätzlich.“ Nicht nur die Menschen, auch viele Messgeräte, Fahrzeuge und Kräne hätten mit der Kälte zu kämpfen. Sorgen bereitete auch das Trierer Messgerät, das einige Aussetzer hatte. „Zum Glück ließen sich diese beheben, so dass wir weiter fleißig Wind- und Turbulenzdaten gewinnen können.“   An anderen Tagen arbeitet Preußer drinnen mit den gewonnenen Daten, startet Wetterballons oder hilft anderen Gruppen, indem er schwere Geräte trägt und Eisbärenwächter ist. Aktuell schauen allerdings nur selten Bären vorbei.

Eine große Herausforderung ist neben der Kälte der Zustand der Eisscholle, an der die Polarstern angedockt hat und auf der all die wertvollen Messinstrumente stehen: Sie kommt nicht zur Ruhe, zerbricht in Stücke und wird immer kleiner. Stürme und Gezeiten drücken das Eis an manchen Stellen zusammen, während an anderen Risse entstehen. Und so müssen sich die Forscher jeden Morgen aufs Neue fragen, ob sie das Eis betreten können, ob Geräte gesichert werden müssen oder ob die Stromverbindung zwischen Schiff und Scholle funktioniert.

„Im Moment ist es sehr spannend, die Auswirkungen (positiv wie negativ) der vielen Risse zu beobachten und darauf zu reagieren“, schreibt der Trierer Forscher.

Im Laufe seiner Reise hat er die Erkenntnis gewonnen, dass das Meer­eis nicht mehr so ist, wie die Fachliteratur es einst beschrieb: Es sei deutlich dünner. Zu Beginn der Expedition war es daher gar nicht einfach, eine Scholle zu finden, die groß und stabil genug schien. „Doch auch jetzt merken wir, dass das Meereis sehr dynamisch ist und schnell driftet.“ Dies sei per Satellit bereits beobachtet worden. „Dies allerdings nun selbst zu erleben und mit Messdaten zu erfassen, ist schon ein besonderes Gefühl“, schreibt Preußer, der den ewigen Winter inzwischen hinter sich gelassen hat. Die Sonne sei über dem Horizont „und wir konnten die ersten Sonnenstrahlen genießen“. Besonders beeindruckt ihn „der gefühlt wahnsinnig schnelle Übergang zwischen Dunkelheit und fast ausschließlicher Helligkeit“. Und auch „die sehr gute Stimmung innerhalb der wissenschaftlichen Besatzung und Crew“.

Aber ist es nicht hart, Wochen, vielleicht Monate länger in der Arktis bleiben zu müssen? „Natürlich gibt es auch welche, die darunter leiden und gerne bei ihren Familien wären“, sagte Expeditionsleiter Markus Rex auf Anfrage von dpa kürzlich. Deshalb werden Satellitentelefongespräche mit einem Coach angeboten, der sich auf Krisenbewältigung spezialisiert habe. „Bisher sehe ich aber nicht, dass das nötig ist“, sagt Rex.

Die Mannschaft auf dem Forschungsschiff sei nicht in Gefahr. „Sie ist gut mit Lebensmitteln und Treibstoff versorgt“, betont der Expeditionsleiter, der eigentlich längst wieder an Bord sein wollte. Die Forschungsflüge, die ihn zur Polarstern bringen sollten, fallen jedoch aus, weil ein Teilnehmer positiv auf das Coronavirus getestet worden war. Nun sitzt Rex in selbstauferlegter häuslicher Quarantäne.  

Den Forschern müsse überhaupt erst mal das dramatische Ausmaß der Corona-Pandemie verdeutlicht werden. „Sie können ja nicht im Internet surfen, dafür reicht die Bandbreite nicht.“ Per E-Mail hingegen können sie den Kontakt in ihre ferne Heimat pflegen. Und dann lautet der ungewöhnliche Abschiedsgruß schon Mal „Viele Grüße von 86°27 N“.