Unbequeme Wahrheit

Es sind erschütternde Erkenntnisse, die der Heidelberger Historiker Götz Aly einem teils fassungslosen Publikum in Trier präsentiert: Die systematische Ermordung Behinderter durch die Nazis war ein öffentliches Geheimnis, Ärzte und selbst die Verwandten der Opfer haben diese widerstandslos hingenommen.

Trier. Es sei zu einfach, Ärzte des Dritten Reiches als Kriminelle, als Mörder abzustempeln. Sie seien Teil eines Systems gewesen, Mitläufer und Handlanger, sagt der Heidelberger Historiker Götz Aly. Ziel dieses System war es, das in den Augen der Nazis unwerte Leben - Behinderte, geistig Kranke - zu vernichten. Zu vernichten, um in den Krankenhäusern Platz für Kriegsopfer zu schaffen. Und dazu hätten die Ärzte beigetragen, belegt Aly eindrucksvoll bei seinem Vortrag in der Trierer Ärztekammer anhand von Vermerken in Hunderten von Patientenakten, die er ausgewertet hat. Es sei das erste Mal, dass er auf Einladung von Ärzten spreche, sagt der streitbare Wissenschaftler.
Kein Wunder. Es sind unbequeme Wahrheiten, die er dem sprach- und teils fassungslosen Publikum mitteilt. Diagnosen wie unheilbar, nicht therapierbar, asozial hätten für viele der geistig Kranken in Krankenhäusern und Nervenheilanstalten des Dritten Reiches das Todesurteil bedeutet. 200 000 Menschen, die nach der Nazi-Lesart der Gesellschaft nur zur Last gefallen sind und gesunden Menschen das Essen weggenommen haben, sind so zwischen 1939 und 1945 ermordet worden.
Auch aus dem Trierer Brüderkrankenhaus wurden 1939 über 500 Psychiatriepatienten abtransportiert. Zunächst in die Heil- und Pflegeanstalt nach Andernach. Und von dort habe der Weg für die meisten Patienten direkt in die Gaskammer geführt, sagt Aly. Viele Ärzte hätten das gewusst, "einige wollten es nicht wissen". Trotzdem: "Die meisten waren keine hemmungslosen Mörder. Sie waren gute Ärzte." Die wenigsten hätten Widerstand geleistet. Genau wie die meisten Angehörigen der Opfer. Viele hätten gewusst, was mit ihren Kindern oder Geschwistern geschah, etwa durch Briefe. Nur wenige hätten gegen den Abtransport ihrer Angehörigen protestiert - aber dann auch mit Erfolg. "Von den Stahltüren vor den Gaskammern sind Menschen wieder zurückgeschickt worden in die Heilanstalten", sagt Aly. Es sei ein öffentliches Geheimnis gewesen, dass die Nazis Behinderte und geistig Kranke auslöschen wollten. 1940 sei auf einer Versammlung aller Bürgermeister, darunter auch der damalige Trierer Oberbürgermeister, darüber gesprochen worden.
Es habe auch "wissenschaftlich" motivierte Morde gegeben. Etwa an epilepsiekranken Kindern. Skrupellose Ärzte hätten zunächst medizinische Versuche mit ihnen gemacht, um die Kinder dann systematisch vergasen zu lassen und anschließend deren Gehirne zu untersuchen, schildert Aly. Die präparierten Hirne seien sogar bis Anfang der 1990-er Jahre von Forschungsinstituten in Deutschland verwendet worden.

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