Unendlich schwerer Gang

TRIER. Im Prozess um die Tötung der 31-jährigen Martina K. haben die Eltern des Opfers ausgesagt. Auch Freunde und Bekannte der jungen Frau schilderten ihre Lebensumstände. Das Gericht geht derweil Aussagen des Angeklagten nach, die nicht zur Faktenlage passen.

Es muss ein unendlich schwerer Gang für das Rentner-Ehepaar aus der Nähe von Trier sein. Die Mutter von Martina K., blass, schmal, zerbrechlich, kauert auf dem Zeugenstuhl. Ihr Mann kommt im schwarzen Anzug mit schwarzer Krawatte, wie zu einer Beerdigung. Die Mutter bricht in Tränen aus, als sie von ihrer Tochter erzählen soll. Die Vorsitzende Richterin sorgt mit behutsamen Fragen dafür, dass sie die Fassung langsam wieder findet. Das Bild, das von Martina K. entsteht, ist das eines fröhlichen Kindes, einer guten Schülerin, einer erfolgreichen Studentin, kontaktfreudig, unbeschwert. Bis zu dem Tag, an dem sie die Diagnose Multiple Sklerose erhält. Alles ändert sich, auch die Beziehung zu den Eltern wird belastet. Später findet man wieder zueinander, aber es wird kein Verhältnis von der seltenen Sorte, wo erwachsene Kinder mit ihren Eltern über Details des eigenen Lebens reden. So können die Zeugen in ihrer Fassungslosigkeit wenig zur Klärung der Umstände des Verbrechens beitragen. Und doch ist ihre Aussage wichtig, weil sie vor Augen führt, was durch das Verbrechen an Martina K. unwiederbringlich zerstört wurde. Das wird auch noch einmal deutlich, als der Vater eine Entschuldigung des Angeklagten kategorisch abweist. Zwei Freundinnen des Opfers sagen aus, die in den letzten Jahren näher an dem Menschen Martina K. waren. Als "komischen Typen" habe sie ihren Nachbarn empfunden, der den Fernseher und die Stereo-Anlage zu laut stellte, das Haus mit Zigarettenrauch verpestete und nachts geräuschvoll Türen und Rollläden bewegte. Er habe Martina mal gesagt, dass er sie für arrogant halte, wird berichtet. Anfangs gab's Ärger wegen der Wäsche in der gemeinsamen Waschküche, wobei die genauen Umstände schwer zu klären sind.Heiratsantrag an das Lehrmädchen

Aber auch wenn der Beisitzende Richter Hermann Josef Weber immer wieder nachbohrt wie ein Zahnarzt auf der Suche nach dem kariösen Fleck: Für Anmache, Bedrohung oder gar Übergriffe durch Detlef L. liefern die Zeuginnen keine Anhaltspunkte. Die Aussage einer früheren Kollegin von L. trägt wenig zur Erhellung bei. Er sei in sie verliebt gewesen, habe ihr als damals 20-jährigem Lehrmädchen sogar einen Heiratsantrag gemacht, erzählt die junge Frau. Nach ihren Aussagen bei der Polizei sah es so aus, als könne sie als Kronzeugin für gewaltsame Anwandlungen des Angeklagten gelten. Aber in der Hauptverhandlung bleibt der Eindruck diffus. Die "Beziehung" endete damit, dass L. ihre Tür eintrat. Danach, so sagt die Zeugin wortgleich mit dem Angeklagten, sei es zu einer "Rangelei" gekommen, weil sie Detlef L. nachgelaufen sei und ihn aus dem Hausflur geschubst habe, worauf dieser ihr einen Schlag versetzte habe. Später habe L. sie bedroht, behauptet die Zeugin, räumt aber gleichzeitig ein, dass sie ihn danach gebeten habe, ihr beim Umzug zu helfen. Da macht sich bei den Prozessbeteiligten Ratlosigkeit breit. Viel problematischer für den Angeklagten könnten indes die wenigen handfesten Indizien werden, die dem Gericht zur Verfügung stehen. Die letzten Verhandlungstage haben deutlich werden lassen, dass die Kammer Zweifel an der Schilderung des Tatablaufs durch den Angeklagten hegt. Immer und immer wieder wird nach den Essgewohnheiten des Opfers gefragt, fast bei jedem Zeugen. Das legt den Schluss nahe, dass der Mageninhalt, den der Gerichtsmediziner festgestellt hat, nicht zur Tatzeit am frühen Samstagmorgen passt, die Detlef L. angegeben hat. Und dann gibt es da noch benutzte Tesafilm-Streifen, die in L.s Keller gefunden wurden. Die DNA-Analyse hat darauf eindeutig Gewebe-Spuren von Martina K. nachgewiesen. Laut Aussage des Angeklagten war seine Tat spontan, und das Opfer bereits im Keller leblos. Warum hätte er dann aber eine Art Knebel gebraucht? Die Vorsitzende Richterin Irmtrud Finkelgruen fragt eindringlich nach einer Erklärung, aber Detlef L. kann keine liefern.