Unverbraucht: Bild vom guten Hirten

TRIER. Priestertag bei den Heilig-Rock-Tagen in Trier. Im Mittelpunkt der Veranstaltungen für katholische Geistliche standen ein Pontifikalamt im Dom und ein Vortrag des Innsbrucker Bischofs Manfred Scheuer in der Liebfrauenkirche. Thema: Aufgaben der Priester im 21. Jahrhundert.

"Führung" hat sich zum Modewort entwickelt. Jedes ambitionierte Unternehmen schickt die Führungskräfte auf Seminare, schult den Umgang mit Mitarbeitern. Und die Priester? Werden sie jetzt zu Verwaltern, Seelenbetreuern, zu leitenden Angestellten einer "Kirchen-AG"? "Kolonisierung" nennt das Manfred Scheuer - Besetzung von Begriffen, von Sprache, Riten und Kommunikation in der Kirche durch Ökonomie, Psychologie und Unterhaltung. Fremdbestimmt durch den Zeitgeist, so dürfe die Führung der Gemeinde nicht aussehen. Und dann begann der Innsbrucker Bischof in der Liebfrauenkirche, das Thema "Führen und Leiten" einzukreisen, mit Begriffen, Abgrenzungen, Reflexionen. Immer wieder kam er zurück auf Gottes Wort, auf das Vorbild Jesu, auf die Tatsache, dass geistliche Führung anders als alle anderen Führungsaufgaben durch Transzendenz bestimmt wird. "Leitung", sagte er, "ist biblisch besonders durch das Bild des guten Hirten geprägt". Ein Jahrtausende altes Motiv aus einer Agrar- und Nomadengesellschaft als Orientierungshilfe für den Priester im globalisierten Industrie- und Computerzeitalter? Aber was die Bibel dieser Denkfigur mitgibt, erweist sich als unverbraucht und bleibt frei von allen Kolonisierungen. Der Priester, so Scheuer, solle uneigennütziges Vorbild sein, jemand, der seine Gemeinde wachsen, sich entwickeln, blühen lässt, der bescheiden mittun darf am Werk der Erlösung, der die Menschen gut leiden mag und sie nicht zu ihrem Glück zwingt. "Priester sind Mitarbeiter Gottes, und das ist eine hohe Ehrenbezeigung. Sie sind aber auch nur Mitarbeiter". Das ist ein Balanceakt. Unfähig für den Priesterberuf nannte Scheuer alle vom Zeitgeist Getriebenen, alle Verlierertypen und alle die sich sämtliche Optionen offen halten wollen. Dagegen gehöre dreierlei zur geistlichen Führung: eine Vision, eine Mission und ein Ziel. Sebstverständlich spiele im Priesteramt auch Macht mit. Aber Macht sei kein Selbstzweck. "Endlösungen, Vergatterungen und Gewalt gehören nicht zum Vokabular Jesu." Wohl aber eine biblische Gelassenheit, die wachsen und reifen lässt - "Dienst an der Hoffnung in einer Atmosphäre der Resignation". Rund 200 Besucher darunter die meisten Priester, hörten konzentriert zu, applaudierten und sangen dann gemeinsam mit voller Stimme das "Regina Coeli". Ein bewegender, ein glaubensstarker Abschluss.