USA: Attentäter reißt sechs Menschen in den Tod

USA: Attentäter reißt sechs Menschen in den Tod

Seit Monaten wird das politische Klima in den USA immer rauer - jetzt erschüttert ein Mordanschlag auf eine Abgeordnete das Land. Sechs Menschen sterben, die Demokratin überlebt. Obama spricht von einer Tragödie - der Sheriff beklagt das vergiftete Klima.

Washington. Schock, Entsetzen, Ungläubigkeit. Und immer wieder die Frage: Haben möglicherweise das politische Klima im Land und die heftigen Grabenkämpfe in Washington zur Tat beigetragen? Das sind die Reaktionen in den USA, die dem Attentat auf die demokratische Abgeordnete Gabrielle Giffords (40) am Samstag in Tucson (Bundesstaat Arizona) folgten. Ein Verbrechen, bei dem die Parlamentarierin durch einen Kopfschuss lebensgefährlich verwundet und sechs Menschen - darunter auch der Bundesrichter John Roll - getötet wurden. Der Anschlag während der morgendlichen Bürgersprechstunde von Giffords vor einem Supermarkt ließ zwölf weitere Menschen verletzt zurück. Der Täter, der 22-jährige Jared Loughner, wurde von zwei beherzt eingreifenden Männern überwältigt.

Gegner markieren Giffords Wahlkreis mit Fadenkreuz



Als "Tragödie für das ganze Land" bezeichnete US-Präsident Barack Obama das Attentat auf die ihm politisch nahestehende Abgeordnete und persönliche Freundin, die vor allem sein Bemühen um die umstrittene Gesundheitsreform unterstützt und soeben ihre dritte Amtszeit angetreten hatte. Vor allem die konservative Politikerin Sarah Palin hatte darauf mit massiver Kritik reagiert und auf ihrer Facebook-Seite eine Landkarte der USA veröffentlicht, auf der bei 20 demokratischen Wahlbezirken das Fadenkreuz eines Gewehr-Zielfernrohrs eingeblendet war - darunter auch der Bezirk von Giffords. Palin bezeichnete dabei die Abwahl der Demokratin als eines der wichtigsten "Ziele" für die Kongress-Zwischenwahlen, doch die mit dem "Space Shuttle"-Piloten Mark Kelly verheiratete Giffords konnte ihr Mandat knapp verteidigen. Allerdings schien die Abgeordnete bereits böse Vorahnungen über mögliche Folgen der Palin-Kampagne zu haben: "Wir sind auf Palins Ziel-Liste," sagte sie im März vergangenen Jahres, "und wer so das Fadenkreuz eines Gewehrs platziert, muss sich klar sein, dass es Konsequenzen gibt". Die entsprechende Facebook-Seite Palins war wenige Stunden nach dem Attentat plötzlich nicht mehr abrufbar, Palin sprach den Angehörigen der Opfer ihr Beileid aus. Der republikanische Gegenkandidat von Giffords, Jesse Kelly, hatte im November bei einem Wahlkampf-Auftritt noch um Bürgerinteresse mit dem Hinweis geworben, diese könnten bei seiner Veranstaltung ein M 16-Gewehr abfeuern.

In Washington hielten am Samstagabend Bürger auf dem Kapitol eine Mahnwache mit Kerzen ab. Allen Kongress-Parlamentariern wurde von den Sicherheitsstellen des Kapitols empfohlen, bei öffentlichen Auftritten zunächst Polizeischutz anzufordern. Der demokratische Abgeordnete Raul Grijalva, wie Giffords aus Tucson, bezeichnete die Vorgänge "als Tat eines Verrückten." Doch man müsse nun auch die Folgen einer Atmosphäre diskutieren, in der politische Debatten von Hass und Bitterkeit geprägt seien. Nur wenige Stunden nach der Verabschiedung der Gesundheitsreform war im vergangenen Frühjahr das Büro von Giffords in Tucson beschädigt worden. Auch habe es Drohungen gegen die als moderat geltende Abgeordnete gegeben. Giffords unterstützt schärfere Grenzkontrollen gegen illegale Einwanderer und das Tragen von Schusswaffen.

Bei der Bürgersprechstunde stand ihr kein Polizeischutz zur Seite, so dass der Täter ungehindert bis auf einen Meter auf sie zugehen und das Feuer aus einer halbautomatischen Glock-19-Pistole eröffnen konnte, die er legal erworben hatte. Auch wartende Bürger wurden von dem Kugelhagel getroffen - darunter neben dem 63-jährigen Bundesrichter Roll ein neunjähriges Mädchen.

Giffords war von US-Medien kurz nach der Tat für tot erklärt worden, doch die Spekulationen erwiesen sich als falsch. Nach einer Notoperation äußerten sich Chirurgen vorsichtig optimistisch über Heilungschancen der Parlamentarierin. Zu den Motiven des Attentäters, den Sheriff Clarence Dupnik als "mental unstabil" bezeichnete, gibt es keine Erkenntnisse. Das FBI ermittelt.

Meinung

Tödliches Klima

Ein Attentäter, dessen Motive im Dunkeln liegen, schießt auf eine Abgeordnete der Demokraten, die zuvor bildhaft von der Republikanerin Sarah Palin ins Fadenkreuz eines Gewehrs genommen worden war. Auch wenn dies nur auf einer Facebook-Seite geschah: Die Konservative mit Ambitionen auf die nächste Präsidentschaft dürfte es schwer haben, sich dieser Bürde zu entledigen - selbst wenn die Ermittler keinen direkten Zusammenhang zur Bluttat von Arizona und den damit verbundenen Opfern herstellen sollten. Denn die Waffennärrin Palin hat eine Form von Wildwest-Symbolik gewählt, die in der politischen Debafte nichts verloren hat. Das Attentat kann aber auch als Indiz für die fortschreitende Radikalisierung der USA dienen: Wenn bei Demonstrationen Konservative offen ihre Schusswaffen zur Schau stellen und mit Blick auf "Hitler Obama" davon sprechen, das Land müsse "zurückerobert" werden, kann die kriegerische Semantik radikale Wirrköpfe wie den Todesschützen von Tucson bestärken. Barack Obama trägt Mitschuld an der Verschärfung der Tonart. Zuwenig hat er sich um einen Ausgleich mit den Republikanern bemüht. nachrichten.red@volksfreund.de Hintergrund Der Todesschütze: Ein unbeherrschter Einzelgänger mit Hass auf den Staat, politisch schwer einzuordnen und mit konfusen Weltuntergangs-fantasien. Dieses Bild zeichnet sich vom 22-jährigen Jared Loughner ab, dem Attentäter von Arizona. Der Mann, der bei seinen Eltern in Tucson lebte und gegenüber der Polizei die Aussage verweigert, gab sich zum einen auf Facebook als Unterstützer der konservativen "Tea Party"-Bewegung zu erkennen. Andererseits schildern ihn Schulfreunde als "politisch Radikalen". Ein früherer Mitschüler erinnert sich, dass Loughner die Abgeordnete Giffords nur ein einmal persönlich getroffen hatte: 2007, und er habe sie nach dem Gespräch als "dumm und kaum intelligent" bezeichnet.