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Verderbliche Lebensmittel und Touristen aus Asien

Verderbliche Lebensmittel und Touristen aus Asien

Der Flughafen Hahn wird chinesisch: Das Land Rheinland-Pfalz will seinen 82,5-prozentigen Anteil an einen chinesischen Investor verkaufen. Der Kaufvertrag ist bereits unterschrieben. Der Landtag muss dem Verkauf aber noch zustimmen.

Lautzenhausen. Yu Tao Chou ist ein Tausendsassa. Jedenfalls nach eigenem Bekunden. Er ist Arzt, hat für Singapore Airlines und 14 andere Fluggesellschaften gearbeitet. Und er ist Pilot. Und als solcher habe er die erste Maschine des chinesischen Frachtflugunternehmens Yangtze River Express auf dem Hahn gelandet, verkündet der eloquente, smart wirkende Mann gestern auf dem Flughafen Hahn. Doch sein Name ist in Deutschland genauso unbekannt wie der Konzern, den er als Generalbevollmächtigter nun vertritt. Shanghai Yiqian Trading Co. Limited. Ein Baustoffhandel, der auch in der Luftfahrt tätig sei, wie es das Innenministerium gestern verkündete.Zurück auf den Hahn


Es ist durchaus eine Überraschung, dass der Konzern den Hahn kaufen soll. Genau genommen die Anteile des Landes Rheinland-Pfalz, 82,5 Prozent. Bis zuletzt galt der chinesische Luftfahrt- und Touristikkonzern HNA als aussichtsreichster Bieter für den finanziell angeschlagenen Hunsrückflughafen. Die einen sagen gestern, dass dieser in letzter Minute sein Angebot zurückgezogen habe. Die anderen, Innenstaatssekretär Randolf Stich, verkünden, dass der Konzern gar nicht zu den "mittelbaren" Bietern gehört habe.
Fakt ist: Zu HNA gehört eben jene Yangtze River, deren Pilot Chou einmal war und die er nun wieder zurück auf den Hahn bringen will. Im März vergangenen Jahres hatte Yangtze River Express den Abflug vom Hahn gemacht und ist nach München gegangen. Das hat zu einem Einbruch des Frachtgeschäftes auf dem Hunsrückflughafen von gut 38 Prozent geführt. Wie weit die Gespräche mit dem Frachtflieger sind, lässt Chou aber im Unklaren.Gespräche mit Frachtfirma


Man führe Diskussionen, sagt er nur, während der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD) neben ihm sitzt und lächelt. Auch wie das künftige Frachtgeschäft auf dem Hahn aussehe, bleibt nach 90 Minuten Pressekonferenz eher im Nebulösen.
Chou kündigt an, eine Lagerhalle für leicht verderbliche Lebensmitteln zu bauen, die von Asien in den Hunsrück geflogen werden sollen. Was er damit konkret meint, sagt er aber nicht.
Hahn soll zur Drehscheibe werden, lautet die ebenso wenig erhellende Antwort des Chinesen. Auch zu den weiteren geplanten Geschäftsfeldern, für die sich die Handelsorganisation die Kaufoption für Grundstücke außerhalb des eigentlichen Flughafens gesichert habe, sagte er wenig. Der Konzern will nicht nur alle Mitarbeiter des Flughafens übernehmen, die Belegschaft soll mittelfristig sogar aufgestockt werden. Dann, wenn etwa die Passagiermaschinen aus Asien landen und die Pauschaltouristen von dort in den Hunsrück bringen.
Er liebe den Flughafen, seit er das erste Mal dort gelandet sei, der Hahn sei großartig, habe Potenzial schwärmt Chou, während Lewentz zustimmend nickt. "Wir werden den großartigen Hahn noch größer machen", sagt der Sprecher des zukünftigen Besitzers. Er schließt nicht aus, dafür auch noch die restlichen Anteile des Flughafens, 17,5 Prozent, zu kaufen. Die gehören Hessen. Man wolle darüber mit dem Nachbarland reden, verkündet Chou.Weiter fließen Steuergelder



Seit Jahren schreibt der Hahn rote Zahlen, bis zu 18 Millionen Euro könnten es im vergangenen Jahr gewesen sein, 16 Millionen Euro in diesem Jahr. Doch auch künftig wird der Hahn nicht ohne Zuschüsse aus Steuergeldern auskommen. Bis zu 70 Millionen Euro könnten in den nächsten acht Jahren aus dem Landeshaushalt in den Hunsrückflughafen fließen, sagt Lewentz. Es handelt sich um Zuschüsse für Investitionen, Betriebskosten und etwa für die Flugsicherung
Lewentz weiß, dass der Verkauf des Hahn kritisch beäugt wird. Viele befürchten einen zweiten Nürburgring. Das Land ist beim Verkauf der Eifelrennstrecke auf einen dubiosen Geschäftsmann reingefallen, der einen US-Investor in Aussicht gestellt hat. Dessen Scheck hat sich als ungedeckt erwiesen.
Man habe das Kapital der Gesellschaft Shanghai Yiqian geprüft, eine Bestätigung der Bank of China, dass der Konzern über den Kaufpreis verfüge, liege vor, versichert Innenstaatssekretär Randolf Stich.
Man habe weitgehende Vorkehrungen getroffen, sagt er und spielt damit natürlich auf das Nürburgring-Desaster an. Das Geld fließt aber erst, wenn der Landtag dem Verkauf des Hahn zugestimmt hat. Die Abstimmung gilt als Formsache.
Die CDU hat jedoch Protest angekündigt. Parteichefin Julia Klöckner hat sich gestern per Brief bei Lewentz beschwert, dass er ihr am Sonntag um 16.20 Uhr lediglich auf den Anrufbeantworter gesprochen und ihr mitgeteilt habe, dass er heute eine Pressekonferenz zum Verkauf des Hahn geben werde. Da sei die Information bereits verbreitet worden. Das sei nicht die maximale Transparenz, die Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) vergangene Woche in ihrer Regierungserklärung in Sachen Hahn verkündet habe.
Kritik der CDU


Die CDU hat für diesen Donnerstag Sondersitzungen der zuständigen Landtagssitzungen beantragt. CDU-Fraktionsvize Licht kritisiert, der Hahn werde "wie eine heiße Kartoffel wohl für zehn Millionen Euro verscherbelt".Meinung

Viele offene Fragen
Man sollte dem neuen Besitzer eine Chance geben. Ideen scheinen die Chinesen viele zu haben. Und vielleicht gelingt es ihnen ja, den schwächelnden Flughafen in die Gewinnzone zu fliegen. Wichtig ist, dass zunächst alle Arbeitsplätze auf dem Hahn gesichert sind. Ein gutes, ein wichtiges Zeichen für die 320 Mitarbeiter. Die seit Monaten dauernde Hängepartie, in der nicht klar war, wie und ob es mit dem Hahn weitergeht, ist vorüber. Zumindest vorerst. Denn trotz aller Begeisterung, die dem Innenminister gestern anzumerken war, bleiben Zweifel. Viele Fragen sind trotz der wortreichen Ausführungen des Vertreters der Investoren noch unbeantwortet. Kommt der chinesische Frachtflieger Yangtze River Express tatsächlich wieder zurück in den Hunsrück oder ist das nur Wunschdenken und eine Beruhigungspille des neuen Flughafenchefs? Was sind die neuen Geschäftsfelder, die nebulös angekündigt worden sind? Und vor allem: Wann soll der Hahn wieder schwarze Zahlen schreiben? Eine Antwort darauf, ist der Investor gestern ebenso schuldig geblieben. Die Landesregierung muss mit offenen Karten spielen. Einen zweiten Nürburgring kann und darf sie sich nicht leisten. b.wientjes@volksfreund.deExtra

Der Hunsrück-Airport Hahn war einst ein US-Militärflughafen. 1993 begann die zivile Nutzung. Der irische Billigflieger Ryanair fliegt seit 1999 in den Hunsrück und baute den Airport zum Drehkreuz aus. Die Fluglinie ist der mit Abstand wichtigste Kunde. 2009 schied der Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport als Anteilseigner am Flughafen aus. Seitdem hielt das Land Rheinland-Pfalz 82,5 Prozent der Anteile an der Frankfurt-Hahn GmbH, Hessen besaß 17,5 Prozent. Der Flughafen steckt seit Jahren in den roten Zahlen. dpa