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Versäumnisse, Schlampereien und Leichtsinn

Versäumnisse, Schlampereien und Leichtsinn

TRIER. Eineinhalb Jahre nach dem Todessturz einer 14-jährigen Dauner Schülerin aus einer Bungee-Kugel hat am Mittwoch vor dem Trierer Landgericht der Prozess gegen fünf Schausteller begonnen. Die vier Männer und eine Frau sollen mitverantwortlich sein für das tragische Unglück.

Als die 14-jährige Ramona und ihre zwei Jahre ältere Freundin Katharina sich an jenem Augustnachmittag auf der Dauner Laurentiuskirmes in die Bungee-Kugel setzen, bleiben den beiden Mädchen noch 40 Sekunden, bevor sie das "Slingshot" getaufte Gerät mit affenartiger Geschwindigkeit 65 Meter in den Himmel katapultieren wird. 40 Sekunden, in denen das Unglück hätte vermieden werden können, das Ramona schließlich mit dem Leben bezahlt und Katharina - fast schon ein Wunder - mit einer Platzwunde am Kinn und Prellungen an Schultern und Unterleib leicht verletzt überlebt.
In diesen 40 Sekunden machen die drei Schaustellergehilfen, die an jenem Tag an der laut Eigenwerbung "ultimativen Herausforderung" Dienst schieben, so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann. Eine Aneinanderreihung von Versäumnissen, Schlampereien und Leichtsinn, die darin mündet, dass das Katapult losgeht, obwohl die beiden Mädchen nicht angeschnallt sind und kein Bügel sie zusätzlich sichert.
Hätten sich die drei 25 und 33 Jahre alten Schaustellergehilfen an die Bedienungsanweisung der österreichischen Herstellerfirma gehalten, wäre alles glatt gegangen - wie bei hunderten Slingshot-Abschüssen zuvor: Einer hilft den Fahrgästen in die Kugel, schnallt sie an, drückt den Bügel herunter und gibt dem so genannten Operator am Bedienungspult nebenan ein Zeichen.

Spätes Anschnallen gehörte zum Programm

Der kontrolliert, ob die Sicherheitsbügel unten sind und drückt erst dann den Knopf für den Spannvorgang. Knapp 35 Sekunden benötigen danach die Federn, um das Katapult in Position zu bringen. Erst nach nochmaliger Sicherheitskontrolle drückt der Operator den Abschussknopf, und zwei bis drei Sekunden später wird die Kugel mit ihrer menschlichen Fracht in die Luft geschleudert. Alles in allem rund 40 Sekunden, in denen der Vorgang jederzeit abgebrochen werden kann.
An jenem Augustnachmittag aber denkt keiner der drei Schaustellergehilfen an Bedienungsanweisungen. Als die beiden Mädchen in der Kugel Platz genommen haben, albern Vorarbeiter Heiko und sein Kompagnon Slavomir herum, statt die Schülerinnen anzuschnallen. Derweil hat Jürgen schon den Spannknopf gedrückt. "Das späte Anschnallen gehörte auch zu unserem Programm", sagt der 25-Jährige im Prozess, "damit wollten wir den Fahrgästen schon mal ein bisschen Angst einjagen."
Eine Freundin, die die beiden Mädchen in der Bungee-Kugel fotografiert hat, hört beim Weggehen noch, wie einer der Schaustellergehilfen sagt: "Wie wär's, wenn wir euch unangeschnallt in die Luft jagen?" Dann zischt es auch schon, und der tödliche Leichtsinn nimmt seinen Lauf. Kurz zuvor hat Jürgen den Auslöser gedrückt. "Ich habe nicht auf die Kugel geachtet", sagt er gestern mit tränenerstickter Stimme.
Auch Katharina, die an jenem Nachmittag mit in der Bungee-Kugel gesessen und ihre beste Freundin verloren hat, muss weinen, als die sensibel verhandelnde Kammer die heute 17-Jährige befragt. Sie sei auch eineinhalb Jahre nach dem Kirmesunfall noch in Behandlung, sagt sie, "mir geht es nicht so gut": schlechtere Noten in der Schule, Depressionen, Schlaf- und Essstörungen. Auch der 13-jährige Bruder der ums Leben gekommenen Ramona leidet noch immer an den Spätfolgen des tragischen Geschehens, das er mitansah. Da hatte er die Tickets schon in der Hand, um sich mit einem Freund ebenfalls vom "Slingshot" in die Luft katapultieren zu lassen. Unter 18 Jahren ist die Erlaubnis eines Erziehungsberechtigten notwendig, steht in der Bedienungsanleitung. Doch nach ihrem Alter habe sie niemand gefragt, sagt Katharina.
Bevor die beiden Mädchen in die Kugel stiegen, hatte eine Freundin Ramona noch gewarnt: "Geh' da nicht drauf, ich habe ein schlechtes Gefühl." Es sollte sie nicht trügen.