Viele Autofahrer fühlen sich durch Blitzer abgezockt

Viele Autofahrer fühlen sich durch Blitzer abgezockt

Tempokontrollen dienen der Abschreckung – sagt die Polizei. Blitzer haben kaum abschreckende Wirkung: Das sagt hingegen der Trierer Verkehrspsychologe Richard Tank. Noch mehr Kontrollen fordert die Verkehrswacht.

Über 2000 Mal krachte es im Jahr 2011 auf den Straßen der Region, weil gerast wurde. Zu schnelles Fahren ist die dritthäufigste Unfallursache im Bereich des Polizeipräsidiums Trier. Um die Zahl der Raser-Unfälle zu reduzieren, stellt die Polizei regelmäßig ihre "Blitzer" auf, meist versteckt in unauffällig anmutenden Zivil-Kombis.

Geblitzt werde dort, wo es häufig kracht, sagt Polizeisprecher Karl-Peter Jochem. "Die Auswahl der Messstellen erfolgt nach den Richtlinien für die Geschwindigkeitsüberwachung des Innenministeriums", erklärt er. Das bedeute: Grundlage für die Geschwindigkeitsüberwachung seien die Ergebnisse der Unfallauswertung und die Erkenntnisse über Gefahrenstellen, heißt es aus dem Polizeipräsidium. Vor allem an sogenannten Unfallhäufungsstellen werde regelmäßig kontrolliert, sagt Jochem. Solche Unfallhäufungsstellen sind laut Definition Stellen, an denen es innerhalb von drei Jahren fünf Mal aus dem gleichen Grund, also etwa wegen zu schnellen Fahrens, gekracht hat. Auch an Gefahrenstellen etwa vor Kindergärten oder Schulen werde häufig geblitzt.

Die Kontrollen dienten nicht der Abzocke, sondern der Abschreckung, sagt der Polizeisprecher. Immerhin drohen Rasern, die im Ort 25 Kilometer in der Stunde schneller unterwegs sind als erlaubt, neben einem Punkt in der Verkehrssünderdatei auch 80 Euro Bußgeld. Wer es noch eiliger hat und die erlaubte Geschwindigkeit innerorts um mehr als 70 km/h überschreitet, der muss mindestens 680 Euro zahlen, bekommt vier Punkte und muss den Führerschein abgeben.

Doch trotz solch drastischer Strafen hält der Trierer Verkehrspsychologe Richard Tank die abschreckende Wirkung von Radarfallen für gering. "Die präventive Wirkung reicht gerade mal bis einen Kilometer hinter der Kontrolle", meint der Experte. Menschen hätten nun mal die Tendenz, sich Regeln zu widersetzen. Dazu zählten auch Geschwindigkeitsbeschränkungen. Vor allem dann, wenn sie nicht nachzuvollziehen seien. Etwa nachts an gut ausgebauten Straßen. Wenn dann dort die Polizei blitze, habe das keine abschreckende Wirkung, es verärgere die Autofahrer, meint Tank.

Nach einer Umfrage des Automobilclubs Mobil in Deutschland ärgern sich 95 Prozent der Autofahrer über Radarkontrollen. Die meisten glauben, dass es bei den Kontrollen gar nicht um Sicherheit geht. Dem widerspricht nicht nur die Polizei sondern auch der ADAC. Man könne der Polizei nicht vorwerfen, die Autofahrer abzuzocken, auch wenn die eine oder andere Kontrollstelle nicht unbedingt nachvollziehbar sei, sagt Reinhard Moll vom ADAC Mittelrhein in Koblenz. "Überwachung ist kein Selbstzweck, sondern bietet Schutz für alle", sagte kürzlich der Präsident des Deutschen Verkehrssicherheitsrates, Walter Eichendorf. Rasen sei nach wie vor eine der Hauptunfallursachen. Daher sei auch nicht einzusehen, die Tempoüberwachung nur auf sogenannte "schutzwürdige Bereiche" wie Schulen zu beschränken. Laut Automobilclub Europa gehen 40 Prozent der Verkehrstoten auf das Konto von Rasern, 20?000 Menschen seien deswegen in den vergangenen Jahren gestorben. Daher müsste die Bevölkerung größtes Verständnis für Tempokontrollen haben, sagte Johann-Markus Hans von der Polizeihochschule in Münster gestern auf dem Verkehrsgerichtstag in Goslar.

Die Deutsche Verkehrswacht (DVW), die sich für mehr Sicherheit auf den Straßen einsetzt, fordert sogar, die Zahl der Geschwindigkeitskontrollen zu erhöhen. Besonders wirksam seien die Kontrollen, in denen die geblitzten Autofahrer noch an Ort und Stelle über ihren Verstoß aufgeklärt werden. "Wer erst nach Monaten einen Bußgeldbescheid per Post bekommt, hat den Vorfall oft schon vergessen", sagte der DVW-Präsident und ehemalige Bundesverkehrsminister Kurt Bodewig.

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Extra

Landet ein Bußgeldbescheid im Briefkasten, muss man nicht in jedem Fall bezahlen. Immer wieder werden Autofahrer zu Unrecht beschuldigt. Viele Messungen sind daher nach Einschätzung von Experten anfechtbar.
"Mit einem Einspruch hat man immer eine zweite Chance", sagt Frank-Roland Hillmann vom Deutschen Verkehrsgerichtstag. Denn die Bußgeldstellen hätten keinen großen Ermessensspielraum, das Gericht dagegen schon. "Der Richter kann gnädig sein oder milde." Oder er lasse mit sich handeln, etwa indem er das Bußgeld erhöhe und dafür auf das Fahrverbot verzichte.

Am höchsten sei die Fehlerwahrscheinlichkeit bei der Lasermessung, sagt Rechtsanwalt Christian Demuth. Bei der klassischen Laserpistole könnten Objekte zwischen Pistole und Fahrzeug den Messwert verfälschen.
Zu den klassischen Fehlbeschuldigungen zählen auch undeutliche Blitzerfotos. "Wir haben in Deutschland keine Halterhaftung, sondern eine Fahrerverantwortlichkeit", erläutert Demuth. Ist der Halter auf dem Foto nicht zu erkennen, müsse er auch nicht zahlen. Zwei Wochen hat man nach Zustellung des Bescheids Zeit, Einspruch einzulegen.

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