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Luftverkehr: Vieles spricht für einen Teil-Abflug

Luftverkehr : Vieles spricht für einen Teil-Abflug

Luftfahrtexperten halten es für möglich, dass Ryanair sich weiter vom Hahn zurückziehen wird. Auch ein kompletter Rückzug aus dem Hunsrück wird nicht ausgeschlossen.

Kurz nachdem die irische Fluggesellschaft Ryanair mitgeteilt hat, dass erstmals seit fünf Jahren der Gewinn im ersten Geschäftshalbjahr um sieben Prozent auf 1,20 Milliarden Euro zurückgegangen sei, sickerte durch, dass die Iren sich angeblich ab kommendem April komplett vom Flughafen Hahn zurückziehen werden. Als Grund für den Gewinneinbruch nennt Ryanair unter anderem gestiegene Kerosinpreise und auch die Streiks von Piloten und Flugbegleitern, die in den vergangenen Wochen mehrmals zu Hunderten von Flugausfällen geführt haben. Die Streiks hat Ryanair bereits Anfang Oktober als Begründung für die kurzfristige Schließung der Basis der Fluggesellschaft im niederländischen Eindhoven benutzt. Dort werden im Winter keine Flugzeuge der Iren stationiert, genau wie in Bremen.

Der Hamburger Luftfahrtexperte Cord Schellenberg vermutet, dass auch der angebliche Rückzug von Ryanair vom Hahn möglicherweise ein Druckmittel sei etwa auf die Piloten, damit diese in dem laufenden Konflikt zwischen der Fluggesellschaft und den Gewerkschaften einknicken. Auch auf die neuen Besitzer des Hahn, die chinesische HNA, könnte damit Druck ausgeübt werden, etwa bei Verhandlungen um Start- und Landegebühren. Er geht jedoch nicht davon aus, dass sich Ryanair tatsächlich komplett aus dem Hunsrück zurückziehe. Dagegen spreche, dass sich die Allgemeine Zeitung in Mainz, die als Erste darüber berichtet hat, nur auf ominöse Managementkreise der Fluggesellschaft berufe. Normalerweise werde ein solcher Schritt offen von einem hochrangigen Ryanair-Vertreter kommuniziert, sagt Schellenberg.

Das Internetfachportal airliners.de berichtet „aus dem Umfeld von Ryanair-Chef Michael O‘Leary“ dass solche Gedankenspiele wie ein Rückzug vom Hahn nicht bekannt seien. „Im Gegenteil: Wir haben einen Wartungshangar dort“, wird ein „hochrangiger Manager“ zitiert.

Schon einmal hat Ryanair mit einem Rückzug vom Hahn gedroht. Vor genau zehn Jahren nämlich, als die Betreiber des Flughafens Hahn den sogenannten Hahn-Taler einführen wollten. Damals gehörte der Airport zu großen Teilen noch der Fraport, dem Betreiber des Frankfurter Flughafens. Fraport wollte von jedem Passagier drei Euro zusätzlich verlangen, um den damals schon defizitären Flughafen irgendwann mal in die Gewinnzone zu bringen. Ryanair machte Druck, kündigte Streckenstreichungen bis hin zum totalen Rückzug an. Schließlich knickte das Land Rheinland-Pfalz ein, das zu der Zeit noch 17,5 Prozent am Hunsrückflughafen hielt. Es verhinderte den Hahn-Taler, provozierte damit den Ausstieg von Fraport, was Branchenkenner heute noch für einen großen Fehler halten. Ryanair blieb bekanntlich auf dem Hunsrück.

Laut Schellenberg spricht auch die Tatsache, dass ab April kommenden Jahres weiterhin Ryanair-Flüge vom Hahn buchbar seien, gegen den nun angeblich angekündigten Rückzug sprechen. Allerdings hat Ryanair, anders wie etwa für Flughäfen in Irland oder Italien, für den Hahn noch keinen verbindlichen Sommerflugplan bekanntgegeben. Ebenso wenig für andere deutsche Flughäfen.

Nach Ansicht von Schellenberg deutet einiges darauf hin, dass die Iren auch den Hahn als Basis aufgeben werden. Der Flughafen sei aber weiter wichtig für Ryanair. Er glaubt nicht, dass die stets weiter wachsende Flugzeugflotte der Iren ausschließlich an großen Flughäfen wie Frankfurt starten und landen werde, da dort die Kosten viel höher seien. Ryanair brauche kleine Flughäfen wie den Hahn.

 „Es kann gut sein, dass man dort zukünftig keine Flugzeuge mehr stationieren wird, sondern den Hahn nur aus starken Zielgebietsdestinationen, zum Beispiel Mallorca anfliegt, um in dem extrem harten Wettbewerb den Gebühren in Frankfurt auszuweichen und billigste Preise bieten zu können“, vermutet Christoph Brützel, Luftfahrtexperte aus Bad Honnef. Passagierflüge haben seiner Ansicht nach am Hahn keine große Zukunft. „Für Ryanair hat der Standort durch die Alternativen Frankfurt und Luxemburg an Attraktivität verloren.“ Seit zwei Jahren fliegt die Fluggesellschaft von den jeweils rund 100 Kilometer vom Hahn entfernten Flughäfen und hat von diesem Zeitpunkt an stets seine Präsenz im Hunsrück reduziert. Während des Sommerflugplans waren noch vier Ryanair-Maschinen auf dem Hahn stationiert. Wie viele es im Winter sind, ist unklar. Allerdings wird es rund 20 Prozent weniger Ryanair-Flüge vom Hahn aus geben. Auch in Frankfurt reduziert die Fluggesellschaft im Winter ihr Angebot.

Der Hahn hat durch den stückweisen Abzug von Ryanair deutlich an Passagieren verloren. Im September wurden 21 Prozent weniger abgefertigt als im gleichen Monat vor einem Jahr. Die Zahl der Starts und Landungen ging um 18,5 Prozent zurück. Einzig die Fracht boomt weiter auf dem Hahn, deren Umschlag nahm um drei Prozent zu.

Brützel vermutet daher, dass Passagierflüge am Hahn keine Priorität mehr haben. „Die Umsätze mit den Fluggesellschaften decken sicherlich nicht die Betriebskosten, und die Umsätze, die die Passagiere bringen, gehen mit Ausnahme von Parkgebühren und einigen Einzelhandelsumsätzen im Terminal nicht in die Kassen des Flughafens.“ Rheinland-Pfalz hat im vergangenen Jahr seine Anteile von 82,5 Prozent am Hahn für rund 15 Millionen Euro an HNA verkauft. Brützel vermutet: „Die Chinesen scheinen eher langfristig zu denken und auf die Unterhaltung eines Brückenkopfes in eigener Regie für chinesische Logistikaktivitäten in Europa zu setzen.“

Offenbar will HNA auch tatsächlich auf dem Hahn investieren. Wie das rheinland-pfälzische Innenministerium gestern mitteilte, hat das Unternehmen Mitte September drei Investitionsbeihilfeanträge gestellt. Die Anträge würden derzeit geprüft. Das Land hatte beim Verkauf zugesichert, bis 2024 Investitionsbeihilfen von bis zu 22,6 Millionen Euro zu zahlen. Ab dann verbietet die EU solche Subventionen von Regionalflughäfen. Laut Ministerium müssen die Betreiber des Hahn mindestens die Hälfte der Investitionen selbst tragen.

Auch bei den Betriebskosten greift das Land HNA unter die Arme. Bis 2024 werden bis zu 25,3 Millionen Euro gezahlt. Eine Auszahlung für 2017 werde derzeit nach Prüfung der vorgelegten Unterlagen vorbereitet, heißt es aus dem Ministerium. Gezahlt hat das Land bereits 2,3 Millionen Euro sogenannter Sicherheitskosten, also Kosten für Feuerwehr und Rettungsdienst auf dem Hahn. Insgesamt bis zu 27 Millionen Euro, bis zu drei Millionen Euro pro Jahr, bis 2025, stehen dafür bereit.

Doch wie geht es weiter am Hahn? Der Luftfahrtjournalist Andreas Spaeth ist da eher pessimistisch: „In der gegenwärtigen Lage würde ich einen kompletten Rückzug von Ryanair vom Hahn nicht ausschließen. Dann spätestens würde es sich rächen, dass die Betreiber immer sehr einseitig auf Ryanair gesetzt haben“, sagte er unserer Zeitung. Die gegenwärtige Lage bei Ryanair und vor allem die Tatsache, dass sie in Frankfurt immer stärker werden, spreche klar dafür, „dass der Hahn für Ryanair keine allzu große Bedeutung mehr hat“.