"Vom Agrar- zum High-Tech-Staat"

Überall im Land feiern die Menschen in diesen Tagen die Gründung des Staates Israel vor 60 Jahren. Am Dienstag wurde der freudige Anlass mit einem Festvortrag des Präsidenten der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Johannes Gerster, in Trier begangen.

Trier. Mehr als 100 Besucher, darunter hochrangige Vertreter aus Institutionen, Politik und Stadt, waren am Dienstagabend in die Volkshochschule Trier gekommen, um anlässlich der Geburtstagsfeier "60 Jahre Israel" dem Festvortrag von Johannes Gerster zu lauschen. Der 67-jährige Christdemokrat aus Mainz leitete neun Jahre die Konrad-Adenauer-Stiftung in Israel und kennt das Land deswegen in- und auswendig. Dr. Mark Indig, Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Trier, begrüßte die Gäste, die auf Einladung gleich mehrerer Partner gekommen waren: des Emil-Frank-Instituts, der Volkshochschule, der Jüdischen Kultusgemeinde Trier, der Trierer Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit und des Arye Maimon-Instituts. Oberbürgermeister Klaus Jensen mahnte, aufgrund der Vergangenheit nicht nachzulassen im Bemühen, aufeinander zuzugehen. Die Existenz Israels müsse gesichert, Jugendbegegnungen intensiviert werden. "Wir können und wollen die Verantwortung für Israel nicht leugnen und stehen dazu." Johannes Gerster stellte heraus, unter welchem Druck Israel von der ersten Stunde seines Bestehens steht. "Es gibt keinen Tag, an dem nicht Israelis oder Palästinenser gestorben sind. Das Land muss ständig um seine Existenz kämpfen, wurde immer angegriffen." Während nach dem Krieg niemand den Deutschen das Recht abgesprochen habe, sich in einem eigenen Staat zu organisieren, werde dieses Recht Israel bis heute abgesprochen. Trotz Kriege und Krisen habe Israel eine unglaubliche Entwicklung genommen, sich die Bevölkerung von 700 000 Einwohnern auf 7,3 Millionen mehr als verzehnfacht. TV-Mitarbeiterin Gabriela Böhm sprach am Rande der Veranstaltung mit Johannes Gerster:Herr Gerster, wie ließe sich das Wissen über jüdische Gemeinden in Deutschland verbessern?Johannes Gerster: Vor 20 Jahren lebten 30 000 Juden in Deutschland, jetzt sind es 110 000. Es gibt gehörige Integrationsprobleme untereinander, weil 70 Prozent der jüdischen Gemeinden in Deutschland Menschen sind, die in den letzten 20 Jahren aus dem Ostblock eingewandert sind. Da muss man Deutsch lernen, und es gibt erhebliche kulturelle Unterschiede. Man hat also genug mit sich selbst zu tun. Es muss Schritt für Schritt gegangen werden, schließlich haben Juden 2000 Jahre in der Diaspora gelebt und wurden oft ausgegrenzt. Demokratie und Pluralismus müssen erst gelernt werden.Wie denken junge Israelis über ihre Zukunft?Gerster: Sie sind ein Stück wund und empfindlich, täglich sterben Israelis und Palästinenser. Der Staat Israel stellt aber die letzte Chance für sie dar, und sie wissen, dass sie, wenn sie einen Krieg verlieren, weg sind. Andererseits sind sie stolz und selbstbewusst, weil sie viel erreicht haben: von einem bitterarmen Agrarstaat zu einem High-Tech-Staat. Das moderne Land steht an der Weltspitze, alle Industriestaaten stehen Schlange und wollen partizipieren an den technologischen Errungenschaften Israels. Allerdings haben die Israelis eine panische Angst vor dem Iran und seinen Atomwaffen.Wie ist denn ihr Verhältnis zu Deutschland und Europa?Gerster: Eine Umfrage hat ergeben, dass auf der Reisewunschliste junger Israelis an erster Stelle Berlin steht. Deutschland ist der wichtigste Freund nach den USA. Die Stimmung in Israel ist trotz der Vergangenheit heute besser als umgekehrt.Wie intensiv arbeiten israelische Schüler den Holocaust auf?Gerster: Vom Kindergarten über die Grundschule und weiterführende Schulen bis zum Militär besuchen alle das nationale Holocaust-Gedenkmal Yad-Vashem. Die Holocaust-Erziehung ist Bestandteil aller Bildungssysteme und Altersstufen und den Jugendlichen rundherum bewußt. Sie wissen aber auch viel über das heutige Deutschland.Wie bewältigt man in Israel den Alltag in Anbetracht von Selbstmordattentaten?Gerster: Ich kann nur von mir berichten. Ich habe neun Jahre in Jerusalem gelebt, an der Nahtstelle zwischen Israel und Palästinensern. Wir konnten überall hingehen, aber nicht immer. Da hat man ein Gefühl entwickelt. Wenn es geknallt hat, dann auf einem orientalischen Markt in der Nähe. Besonders Donnerstagnachmittags und Freitagmorgens, damit die Folgen noch in europäischen Medien erscheinen. Welche Veränderungen braucht die israelische Politik, um Frieden im Land herzustellen?Gerster: Fairerweise muss man sagen, dass das Haupthindernis die vom Iran finanzierte Hamas ist, die Israel zerstören will. 70 Prozent der Israelis akzeptieren einen Palästinenserstaat in den Grenzen von 1967. Die internationale Staatenwelt hat mit internationalen Garantien eine Zweistaatenlösung mit beiden Seiten ausgehandelt und dabei die gemäßigten arabischen Staaten beteiligt. Persönlich habe ich die Siedlungspolitik in der Vergangenheit für einen Fehler gehalten. Sie hat den Konflikt erschwert, war aber nicht die Ursache. Beide Seiten müssen mitmachen.