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Von der "Kathedrale der Toten" zur Reichsabtei

Von der "Kathedrale der Toten" zur Reichsabtei

Sie war der erste Monumentalbau in Trier seit der Römerzeit: Die im 10. Jahrhundert erbaute Abteikirche St. Maximin. Adolf Neyses hat als Bauingenieur die Geschichte des 1674 durch französische Truppen zerstörten und später neu errichteten Bauwerks erforscht.

Das Christentum dürfte in der 2. Hälfte des 3. Jhs. in Trier Einzug gehalten haben. Die ersten Trierer Bischöfe, Eucharius und Valerius, fanden ihre letzte Ruhestätte auf dem südlichen Teil der antiken Friedhöfe der Stadt. Mit dem Bischof Agricius (um 312-329) wechseln die bischöflichen Grablegen zum Nordfriedhof, wo sich bereits aufwändige Bauanlagen befanden, die dem Totenkult zugeschrieben werden können.
Sein Nachfolger Maximinus (um 329-346), dem man schon bald nach seinem Tod den Status der Heiligkeit zubilligte, wurde in einer Gruft beigesetzt, die sich zu einer besonderen Pilgerstätte entwickelte. Man hatte die Vorstellung gewonnen, der heilige Bischof könne vor dem göttlichen Richterstuhl Fürsprache für seine Gläubigen erwirken. Deshalb wollte man so nahe wie möglich beim Grab des Bischofs - ad sanctos - beigesetzt sein.Harren auf die Auferstehung


Aus diesem Gedanken heraus entstand in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts ein riesiger Bestattungsbau von über 100 Metern Länge. Wie in einer gewaltigen "Kathedrale der Toten" wollte man hier gemeinsam mit dem bischöflichen Oberhirten der Auferstehung entgegenharren.
Die in den 1980er Jahren durchgeführten Ausgrabungen des Landesmuseums haben zudem erbracht, dass es sich bei den oftmals auch in wiederverwendeten Sarkophagen beigesetzten, um Angehörige der sozialen Oberschicht handelt, das in Verbindung mit der westlichen Kaiserresidenz gesehen werden muss, zu der Trier ab 293 aufgestiegen war.
Im frühen Mittelalter, spätestens im 6. Jahrhundert, wird dann aus der "Kathedrale der Toten" eine Kirche, spätestens im 7. Jahrhundert entstand hier eine klösterliche Einrichtung, die älteste im gesamten deutschen Sprachraum, der reiche Güterschenkungen zuflossen, so dass auch ein gewisses Machtzentrum entstanden war, zum Ärgernis der Trierer Erzbischöfe.Ostern kamen die Normannen


Auch nach dem vernichtenden Normanneneinfall, der an den Ostertagen 882 über das Trierer Land hereinbrach (Wikinger, Flusspiraten), muss sich die bedeutende Benediktinerabtei auch wirtschaftlich bald wieder erholt haben: Von 934-1139 wird St. Maximin Reichsabtei, erhält wieder einen Regularabt, der auf dem nunmehr fast ganz einplanierten ehemaligen antiken Bestattungsbau bis 952 die bewundernswerte früheste ottonische Monumentalkirche zwischen Maas und Elbe errichtete - der erste Monumentalbau eigengeprägter Architektur in Trier seit der Römerzeit - seit über einem halben Jahrtausend.
Für die Abbildungen der Rekonstruktion geben auch die Baubefunde an der nordöstlichen Langhauswand der Kirche des 10. Jahrhunderts, teilweise noch bis zu neun Meter hoch erhalten, wichtige Hinweise. Hier konnten vier Rundbogenfenster nachgewiesen werden. Darüber vier Löcher von kräftigen Deckenbalken, mit denen die sichere Höhe der Seitenschiffe gegeben ist.
Das in sechs Joche unterteilte, etwa 75 Meter lange Langhaus, mit sehr wahrscheinlich einfachem Stützenwechsel der Arkaden (wie in Echternach, 1031, erhalten), endet sowohl im Osten wie im Westen mit je drei Parallelapsiden. Vier Treppentürme an den Außenseiten des Langhauses führten zu Obergeschosskapellen, die in den Endzügen der Seitenschiffe untergebracht waren. Diese Konzeption dürfte das Vorbild für St. Michael in Hildesheim (1010-1033) gewesen sein (En gels chöre). Vor dem Chorhaupt liegt die Außenkrypta, deren Untergeschoß eine fünfschiffige Gliederung erhält, im Kern jedoch noch die antiken Grufträume beinhaltet.
Das Obergeschoss ist dreischiffig. Zugang zu diesem erfolgt von den Chorflanken aus der Kirche. Unter dem Chorraum mit dem Johannes dem Evangelisten geweihten Hochaltar liegt die Innenkrypta, in der die drei Bischöfe, Maximin, Agricius und Nicetius 942 nebeneinander transferiert werden.
Durch eine mit Sicherheit anzunehmende Fenestella (eine fensterartige Öffnung) bestand für große Pilgerscharscharen Sichtkontakt aus dem Obergeschoss der Außenkrypta mit den Bischofsgräbern in der Innenkrypta.Fundamente ausgegraben



Der Holzschnitt von 1512 zeigt drei Rundtürme vom Westbau der Kirche, bei denen wir davon ausgehen, dass sie noch den Zustand des 10. Jahrhunderts. wiedergeben. Wären die Türme mit der Einwölbung der Kirche 1245 auch verändert worden, würde man sicherlich hier eine eindeutige gotische Formensprache erkennen können. Vor dem Westbau der Kirche lag das etwa 25 mal 30 Meter große Atrium mit Flankentürmen, deren Fundamente bei den Ausgrabungen nachgewiesen werden konnten. Das ottonische Quadrum des Klosters mit dem Kreuzgang, über das wir nur wenig wissen, lag an der Nordseite der Kirche.
Mit Ausnahme des Domes war um das Jahr 1000 in Trier und der gesamten Region keine Kirche eines höheren Anspruchs zu finden. Zur Zeit der Ottonen (919-1024) ist die Reichsabtei St. Maximin eines der einflussreichsten und fruchtbarsten monastischen Zentren des Abendlandes.
Der Text und die Abbildungen stammen aus dem Doppelband "Die Baugeschichte der ehemaligen Reichsabtei St. Maximin bei Trier", 2001, von Adolf Neyses, der (als Bauingenieur) die Ausgrabungen und Bauanalysen als örtlicher Grabungsleiter durchführte und dokumentierte.Extra

Der Legende nach stammte St. Maximinus aus der Gegend von Poitiers (Aquitanien, Südwestfrankreich), wurde in Trier zum Priester geweiht, und trat als Bischof die Nachfolge von Agricius an. War auch mit dem Bau des Trierer Domes befasst. Er geriet in die Auseinandersetzungen des Arius von Alexandrien hinein, der die Auffassung vertrat, Jesus Christus sei in der Gottheit dem Vater nicht gleich, sondern eines seiner Geschöpfe. Die Streitigkeiten führten bereits 325 zum 1. Allgemeinen Konzil zu Nizäa (bei Konstantinopel), bei dem das christliche Glaubensbekenntnis (Credo) festgeschrieben wurde. Arius gab sich damit aber nicht zufrieden. Sein Gegenspieler wurde der 328 in Alexandrien zum Bischof geweihte Athanasius. Kaiser Konstantin aber stand auf der Seite der Arianer und verbannte 335 Athanasius nach Trier, wo er bei seinem Mitbruder Maximin herzliche Aufnahme fand. Nach dem Tod Konstantins (337) konnte Athanasius zwar wieder in seine Heimat zurückkehren, musste diese 339 aber erneut verlassen. Um 342/43 finden wir ihn wieder bei seinem Mitbruder Maximin in Trier: Als kaiserliche Residenz und Bischofssitz war Trier während des Episkopats Maximins im Konflikt zwischen Arianern und Nizänern zu einem geistigen und politischen Brennpunkt geworden. (Quelle: Heinz Heinen ). Maximin, dessen Grab erstmals durch Gregor von Tours (538-594) auf dem Nordfriedhof schriftlich bezeugt wird, muss eine große prägende Persönlichkeit gewesen sein, dass an seinem Grab ein bedeutendes Kloster mit Pilgerstätte entstehen konnte, dessen Pforten 1802 durch Dekrete Napoleons für immer geschlossen wurden. Das Patrozinium (Hochfest) von St. Maximinus ist am 29. Mai.