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Von der langen Suche nach einem atomaren Endlager - Kein geeigneter Standort in Rheinland-Pfalz

Von der langen Suche nach einem atomaren Endlager - Kein geeigneter Standort in Rheinland-Pfalz

Welche Kriterien muss eine Lagerstätte für hoch radioaktiven Müll erfüllen? Diese Frage soll die Endlagerkommission dem Bundestag bis Ende Juni in einem wissenschaftlich fundierten Bericht beantworten. Kommissionsmitglied Ulrich Kleemann, Geologe und Behördenleiter aus Koblenz, spricht im TV-Interview über Ausschlusskriterien, ambitionierte Zeitpläne und Fehler, die Frankreich im nahen Bure derzeit macht.

Schon 100, 1000 oder 10.000 Jahre sind aus Menschensicht eine sehr lange Zeit. Der hoch radioaktive Müll jedoch, der derzeit in den deutschen Atomkraftwerken produziert wird, soll so gelagert werden, dass er für einen Zeitraum von einer Million Jahre keine Gefahr mehr darstellt. Für niemanden.

Aber: Wie lässt sich so etwas garantieren? Antworten auf diese Frage erarbeitet aktuell die 33 Mitglieder starke Endlagerkommission. Bis Juni 2016 soll ihr Bericht vorliegen, der Grundlage für die neue Suche nach einem deutschen Endlagerstandort wird. Der Koblenzer Geologe Ulrich Kleemann, langjähriger Leiter der Abteilung Sicherheit nuklearer Entsorgung im Bundesamt für Strahlenschutz und derzeit Chef der rheinland-pfälzischen Umweltbehörde SGD Nord, beteiligt sich als Wissenschaftler daran, Kriterien für den Umgang mit den strahlenden Abfällen der Atomenergie zu definieren. Unsere Redakteurin Katharina de Mos hat mit ihm gesprochen.

Herr Kleemann, wie kommt Ihre Kommission voran?
Ulrich Kleemann: Wir werden bis zum Sommer unseren Bericht vorlegen und sind mit einer hohen Schlagzahl am Werk. Die geologischen Kriterien sind weitgehend festgelegt. Wir haben auch schon ein Ablaufschema diskutiert, wie die Standortsuche gestaltet werden soll, und wir haben einen Beschluss über die zukünftige Behördenstruktur gefasst.

Wie sehen die geologischen Kriterien für ein Endlager aus?
Kleemann: Es gibt Ausschlusskriterien: Es darf zum Beispiel nicht in geologischen Störungszonen liegen oder in einem Gebiet mit vulkanischer Aktivität. Es gibt auch Mindestanforderungen: So muss das Gestein mindestens 100 Meter mächtig sein, es muss in mindestens 300 Metern und maximal 1500 Metern Tiefe liegen, und es darf nicht zu wasserdurchlässig sein. Und dann gibt es noch Abwägungskriterien, die einen Vergleich verschiedener Standorte ermöglichen: Wie gut hält ein Gestein Radionuklide zurück? Wie reagiert es auf Hitze?

Welche Gesteine kommen denn infrage?
Kleemann: Salz-, Ton- und Kristallingesteine. Bei Kristallingesteinen kann es sinnvoll sein, das mit flach darüberlagernden Salz- oder Tongesteinen zu verbinden.

Wo findet man die?
Kleemann: Über ganz Deutschland verteilt. In Norddeutschland recht konzentriert, weil dort große Tonvorkommen sind, die sich von der holländischen Grenze bis Berlin ziehen. Aber auch in Baden-Württemberg gibt es Tongestein. Die Salzstöcke liegen ebenfalls in Norddeutschland. Kristallingesteine gibt es in Bayern und Sachsen. Kristallin mit Überlagerung in Bayern, Hessen und Thüringen.

Und hier in Rheinland-Pfalz kommt nichts infrage?
Kleemann: Grundsätzlich gehen wir von der weißen Deutschlandkarte aus. Aber die Gesteine in Rheinland-Pfalz verfügen nicht über die nötige Tiefe und Mächtigkeit.

Das wird die Rheinland-Pfälzer freuen. Niemand will ein Endlager vor seiner Haustüre. Wie geht man bei der Suche mit den Sorgen und Protesten der Bürger um?
Kleemann: Proteste wird man nicht vermeiden können. Entscheidend ist, dass die Menschen nachvollziehen können, dass der Standort nach objektiven, geologischen Kriterien ausgewählt wird. Das Problem war ja bisher - zum Beispiel in Gorleben - dass der Standort politisch festgelegt wurde. Das schafft Misstrauen. Für alle Orte, die in die engere Auswahl kommen, wird es Regionalkonferenzen geben, bei denen die betroffenen Regionen mitentscheiden können.

Und wie trifft man eine Auswahl?
Kleemann: In einer ersten Phase werden mögliche Standortregionen anhand von geowissenschaftlichen Kriterien identifiziert. Die zweite Phase schließt ab mit Standorten für die untertägige Erkundung. Es werden wahrscheinlich zwei bis drei sein, die man in engere Wahl nimmt. In der dritten Phase finden die untertägige Erkundung und der Standortvergleich statt. In jeder Phase wird es Regionalkonferenzen geben.

Auch wenn unsere Region kein deutsches Endlager fürchten muss, soll nur 230 Kilometer von Trier entfernt eines entstehen: im französischen Bure.
Kleemann: Frankreich ist ein Beispiel, wie man es nicht machen sollte. Die haben den Standort relativ früh politisch festgelegt und fangen jetzt erst an, die Öffentlichkeit zu beteiligen, um festzustellen, dass es Widerstand gibt. Das ist keine nachvollziehbare, objektive Entscheidung. Das derzeit größere Problem sind allerdings die laufenden Kraftwerke Cattenom und Tihange. Das bereitet einem schon Sorgen.

Allerdings. Nur bringen Proteste da bisher leider wenig. Wie lange wird die Endlagersuche dauern?
Kleemann: Laut Standortauswahlgesetz soll der Standort bis 2031 gefunden sein - also in nur 15 Jahren. Das ist sehr ambitioniert. In diesem Zeitraum muss ja auch die Erkundung über und unter Tage erfolgen. Aber wir müssen die radioaktiven Abfälle so schnell wie möglich unterbringen. Die Zwischenlagerung an den Kraftwerkstandorten ist von der Sicherheit her schlechter zu beurteilen als die Endlagerung.

Und wann verschwindet der Atommüll dann endlich im Untergrund?
Kleemann: Wir gehen davon aus, dass man 2050 mit der Einlagerung beginnen kann. Deshalb müssen wir uns auch über eine längere Zwischenlagerung Gedanken machen (Anmerkung der Redaktion: Die Castor-Behälter dürfen in den Zwischenlagern an den Atomkraftwerken jeweils maximal 40 Jahre lang liegen. Die Lager sind seit 2006 in Betrieb.)
Die Bundesregierung favorisiert ein zentrales Zwischenlager am Eingang des Endlagers. Das würde natürlich die Akzeptanz des Standortes nicht unbedingt verbessern. Deshalb plädieren wir dafür, die Zeit bis zur Einlagerung mit drei bis vier dezentralen Zwischenlagern zu überbrücken.

Laut Bundesumweltministerium wird die Standortsuche zwei Milliarden Euro kosten. Das Endlager bis zur Stilllegung dann noch mal 7,7 Milliarden Euro. Wer soll das zahlen?
Kleemann: Es ist ganz klar Zielsetzung der Kommission, dass die Verursacher der Abfälle - also die Energieversorger - die Kosten tragen. Es wird eine Fondslösung diskutiert oder eine sogenannte Bad Bank. Weil das strittig ist, hat das Bundeswirtschaftsministerium eine weitere Kommission ins Leben gerufen, die sich genau mit dieser Frage auseinandersetzt. Im Frühjahr müssten die Ergebnisse vorliegen, die wir dann in unseren Bericht integrieren.Extra

Da ein Endlager für hoch radioaktiven Müll bisher fehlt, muss dieser jahrzehntelang "zwischengelagert" werden. Deutschland hat drei zentrale Zwischenlager: In Ahaus (Nordrhein-Westfalen) und Gorleben (Niedersachsen) lagern die Transportbehälter in Hallen aus Stahlbeton. Zudem gibt es auf dem Gelände des ehemaligen Atomkraftwerks bei Lubmin das Zwischenlager Nord. Darüber hinaus wurden an den Standorten der Atomkraftwerke zwölf dezentrale Zwischenlager gebaut. Die abgebrannten Brennelemente sollen dort in Castor-Behältern maximal 40 Jahre trocken aufbewahrt werden. Für radioaktive Abfälle, die nur schwache Wärme produzieren, wird derzeit im Schacht Konrad bei Salzgitter ein Endlager errichtet. Ähnliche Abfälle finden sich im ehemaligen DDR-Endlager Morsleben, das stillgelegt werden soll. Ein großes Problem sind die radioaktiven Abfälle, die zwischen 1979 und 1995 im Versuchsendlager Asse II eingelagert wurden. Zweifel an der Standsicherheit gab es von Anfang an. 2008 fand man in dem ehemaligen Salzbergwerk radioaktiv kontaminierte Lauge und beschloss, sämtliche Abfälle zurückzuholen. Wo sie eingelagert werden sollen, ist ungewiss. Wegen des anhaftenden Salzes gelten sie als unkalkulierbares Risiko. MosExtra

Die 33 Mitglieder zählende "Kommission Lagerung hoch radioaktiver Abfallstoffe" bereitet die neue Suche nach einem Endlager für hoch radioaktiven Abfall vor. Der Standort soll "die bestmögliche Sicherheit" gewährleisten. Die Kommission entwickelt die dafür nötigen Regeln und Kriterien. Zu den Mitgliedern zählen acht Wissenschaftler, darunter Kleemann, sowie acht Vertreter der Gesellschaft (Gewerkschaften, Energieunternehmen, Volkswirte, Kirchenvertreter und Umweltverbände). Unter ihnen ist auch Gerd Jäger, der in Saarburg Abitur machte und der bei RWE als Vorstand für den Bereich Atomkraft zuständig war. Die übrigen 16 Mitglieder der Kommission sind je zur Hälfte Vertreter von Landesregierungen und der Bundestagsfraktionen. Die rheinland-pfälzische Wirtschaftsministerin Eveline Lemke ist stellvertretendes Mitglied. Die Ergebnisse fließen in einen Bericht an Bundestag, Bundesrat und Bundesregierung ein. Die Grundlage für die neue Suche ist das am 1. Januar 2014 in Kraft getretene Standortauswahlgesetz. MosExtra

Künftig soll es eine neue Betreiberstruktur für Atommülllager geben. "Wir brauchen eine klare Trennung zwischen Betreiber und Aufsichtsbehörde. Derzeit ist das nicht eindeutig geklärt", sagt Ulrich Kleemann, Mitglied der Endlagerkommission. Die Kommission hat daher beschlossen, dass es künftig eine Bundesgesellschaft geben soll, die das neue Endlager, perspektivisch aber auch alle anderen Atommülllager, betreibt. Das heißt: Sie übernimmt zentral Aufgaben, die nun die Deutsche Gesellschaft zum Bau und Betrieb von Endlagern für Abfallstoffe mbH (DBE), die Asse GmbH, aber auch das Bundesamt für Strahlenschutz innehaben. Kontrolliert werden soll die Bundesgesellschaft vom neuen Bundesamt für kerntechnische Entsorgung. MosExtra

Dr. Ulrich Kleemann (60) ist Präsident der Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord (SGD) in Koblenz. Der Geologe hat sich in seinem Berufsleben intensiv mit der Entsorgung radioaktiver Abfälle beschäftigt. Von 2004 bis 2010 leitete er den Fachbereich Sicherheit nuklearer Entsorgung im Bundesamt für Strahlenschutz. 2009 wechselte er als Technischer Geschäftsführer zur Asse GmbH, um ein Stilllegungskonzept zu koordinieren. Kurz zuvor war in der Schachtanlage radioaktiv kontaminierte Salzlauge gefunden worden. 2010 zog Kleemann nach eigenem Bekunden die Reißleine, als die damalige Bundesregierung die Laufzeiten der Kernkraftwerke verlängerte, und arbeitete freiberuflich als Geologe. 2012 wurde das Grünen-Mitglied Leiter der Umweltbehörde, die landesweit über 450 Menschen beschäftigt. Ob er dies bleibt, wird davon abhängen, ob die Grünen nach den Wahlen noch Teil der Landesregierung sind. Mos