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Von Trier aus werden Flüchtlinge in ganz Rheinland-Pfalz versorgt – Landesregierung setzt auf die Vernetzung der freiwilligen Helfer

Von Trier aus werden Flüchtlinge in ganz Rheinland-Pfalz versorgt – Landesregierung setzt auf die Vernetzung der freiwilligen Helfer

Während an der Grenze zu Österreich auch die freiwilligen Helfer an die Belastungsgrenzen kommen, ist in Rheinland-Pfalz die Stimmung noch gut. Es gelingt immer besser, die vielen privaten Initiativen zu vernetzen.

"Halleluja!" Zu den Klängen der Hymne von Leonard Cohen geht es in der riesigen Halle der ehemaligen Holzbaufirma an der Diedenhofener Straße in Trier emsig zu. 30 Frauen und Männer sind dabei, die zahllosen Kleiderspenden zu sortieren, die Flüchtlinge nach ihrer Ankunft in den Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes erhalten werden. "Am Anfang waren da viele unbrauchbare und schmutzige Sachen dabei", sagt Sylvia Theis. "Inzwischen ist es aber viel besser geworden, wir müssen nicht mehr so viel ausmustern."

Die 41-jährige Frau aus dem Ruwertal organisiert die Abläufe in der Sortierhalle. Wie die mehr als 110 Menschen, die im Schichtbetrieb am Aufbau dieses zentralen Verteilzentrums für die Aufnahmeeinrichtungen in ganz Rheinland beteiligt sind, arbeitet sie ehrenamtlich. "Das ist fast ein Vollzeitjob", sagt sie und schmunzelt. Nein, auf die Idee, etwas für ihr Engagement zu verlangen, sei sie noch nicht gekommen. Diese Idee hat der ehemalige CDU-Kanzleramtschef und Bundesinnenminister Rudolf Seiters ins Gespräch gebracht.

Als DRK-Bundesvorsitzender fordert er vom Gesetzgeber, die ausgebildeten ehrenamtlichen DRK-Helfer und die Helfer befreundeter Hilfsorganisationen bei nationalen Großeinsätzen wie der Flüchtlingsbetreuung mit denen der freiwilligen Feuerwehr gleichzustellen. Sowohl die Freistellung durch den jeweiligen Arbeitgeber als auch die Lohnfortzahlung müssten gesichert werden. "Viele Helfer sind mittlerweile an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gekommen", sagt Seiters. Diese Einschätzung wird auch von anderen Hilfsorganisationen geteilt.

So nimmt bei der 3. Flüchtlingskonferenz von Bistum Trier und Diözesan-Caritasverband am Mittwoch nicht nur die derzeitige Situation in den Aufnahmeeinrichtungen und in den Kommunen eine wichtige Rolle ein. Ein Schwerpunkt der Tagung wird auch dem Thema gewidmet sein, wie sich die Helfer selbst in belastenden Situationen schützen können. Wie wichtig das ehrenamtliche Engagement für die Bewältigung des Flüchtlingsthemas ist, weiß auch die Landesregierung. 200000 Euro sind laut Integrationsministerin Irene Alt in diesem Jahr vom Land zusätzlich für die Unterstützung des Ehrenamtes in der Flüchtlingsarbeit bereitgestellt worden. Eine Koordinierungsstelle Ehrenamt im Flüchtlingsbereich wurde beim Ausländerpfarramt in Bad Kreuznach eingerichtet. Die Entwicklung von Qualifizierungsmaßnahmen für ehrenamtlich tätige Menschen ist eines der wichtigsten Themen. Aber zunächst müssen Pfarrer Siggi Pick und seine Mitarbeiter die weißen Flecken auf der Karte der zentralen Homepage beseitigen, auf der die Koordinierungsstelle die Initiativen im Land vernetzen will. Vor allem zum Raum Trier fehlen noch Informationen, obwohl Caritasverband, Ehrenamtsagentur und Rotes Kreuz bereits ein eigenes Hilfenetz aufgebaut haben.

Nicht zu vergessen sind auch die privaten Initiativen, von denen sich viele unter dem Namen Refugium Trier unter dem Dach des freien Jugendzentrums Exzellenzhaus zusammengefunden haben. Nach Absprachen der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) Trier und der Entwicklungsagentur Rheinland-Pfalz ist im September auch Jörg Bruch als Ehrenamtskoordinator aktiv, der ein Büro bei der ADD bezogen hat. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt besonders bei der Organisation und Vernetzung der Hilfe für die Menschen in den Erstaufnahmeeinrichtungen. "Fast alles passiert im Schulterschluss mit dem Ehrenamt", sagt auch er und verweist auf die neue Sortierhalle in Trier-Euren, in der ab Ende November auch Spenden angenommen werden. Ein ähnliches Logistikzentrum mit integriertem Hochlager soll auch bei Mainz entstehen. "Wir arbeiten inzwischen mit den meisten Freiwilligengruppen zielführend zusammen", sagt Bruch.

Vorschläge wie ein mehrsprachiges Handbuch mit den wichtigsten Informationen für die neu ankommenden Flüchtlinge sollen nun als Modellprojekt in Trier ebenso umgesetzt werden wie eine bessere Wegführung in dem ehemaligen Kasernenareal im Norden der Stadt. Auch ein Wegweiser vom Hauptbahnhof dorthin sei ein konkretes Projekt.

In der Halle der ehemaligen Holzbaufirma auf der anderen Seite der Mosel läuft die Sortierarbeit derweil wie am Schnürchen - auch ohne Halleluja. Vollzeit-Ehrenamtlerin Sylvia Theis ist begeistert. "Es macht einfach Spaß! Das Engagement hier ist nach wie vor groß, die Stimmung ist super, aber wir brauchen trotzdem immer noch mehr Leute." Eine Gegenleistung für ihr Engagement will sie nicht. Dessen Wert schätzt sie aber selbstbewusst ein: "Ohne die ganzen Ehrenamtler läuft hier gar nichts."EXTRA


Angesichts der großen Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung gilt nach wie vor ein Spendenstopp für die Kleiderkammern der Erstaufnahmeeinrichtungen. Zunächst müssen vorhandene Spenden gesichtet und sortiert werden. Künftig soll es gezielte Aufrufe geben zu Dingen, die gebraucht werden. Ab Ende November soll der Donnerstag zudem der Tag sein, an dem Spenden in der Sortierhalle in der Diedenhofener Straße abgegeben werden können. In den Aufnahmeeinrichtungen selbst sollen keine Sach- und Kleiderspenden abgegeben werden! Dringend benötigt werden weitere ehrenamtliche Helfer für die Sortierhalle.

Links und Ansprechpartner:

Ehrenamtsagentur Trier: www.ehrenamtsagentur-trier.de olga.herrmann@ehrenamtsagentur-trier.de; Telefon 0651/9120702 Ehrenamtskoordinator Jörg Bruch: rlp-hilft@add.rlp.de (Betreff Kleiderkammer) www.facebook.com/hilfe.rlp Telefon 0651/9494-900 (telefonische Kontaktaufnahme bitte nur in Ausnahmefällen).

Ökumenische Beratungsstelle für Flüchtlinge: www.jmd-trier.de Telefon 0651/23022 oder 9910600

Refugium Trier: www.facebook.com (Refugium Sachspendenvernetzung) www.refugees-trier.de

Sortierhalle/Kleiderkammer: www.facebook.com (Sortierhalle) refugium.sachspenden@gmail.com Weitere Links: www.willkommensnetz.de www.aktiv-für-flüchtlinge-rlp.de Meinung


Ohne das Ehrenamt geht es nicht

Von Rainer Neubert

Gäbe es die Tausenden ehrenamtlichen Helfer nicht, dann hätte Deutschland keine Chance, die Krise zu bewältigen. Freiwilliges Engagement muss bei der Versorgung und Integration der Flüchtlinge die Lücken schließen, die noch immer durch behäbiges und bürokratisches Agieren auf politischer Ebene gerissen werden.
Aber zumindest in Rheinland-Pfalz hat sich in den vergangenen Monaten vieles geändert. Zwar wird sich vor der Landtagswahl im kommenden Frühjahr der Wunsch nach einer unvoreingenommenen Zusammenarbeit aller demokratischen politischen Akteure nicht erfüllen. Von der noch vor einem Jahr vorherrschenden Behäbigkeit in den Ministerien ist aber nicht viel geblieben. Immer mehr Asylbewerber und veränderte Bundesgesetze zwingen zum Handeln. Zumindest ein Teil dieser neuen Vorgaben sind auch von der rot-grünen Landesregierung initiiert worden.
Ohne Zweifel wird ehrenamtliches Engagement für Flüchtlinge wird auch in den kommenden Jahren unverzichtbar sein, selbst dann, wenn es gelingt, den Menschen in Syrien, im Irak oder in Afghanistan so viel Hoffnung auf eine Perspektive im eigenen Land zu geben, dass sie nicht mehr in Massen nach Europa ziehen. Denn die Integration ist keine Sache von drei oder sechs Monaten. Vor allem in den Kommunen werden die meisten Neubürger beim Erwerb von Sprache, Ausbildungs- oder Arbeitsplatz scheitern, wenn sie keine wohlwollende Unterstützung bekommen.
Nächstenliebe und Freundschaft sind die Schlagworte, die nicht in Vergessenheit geraten dürfen, wenn DRK-Präsident Seiters eine Aufwertung des Ehrenamts durch den Gesetzgeber fordert. Mit bundesweit mehr als 15?000 nahezu unverzichtbaren ehrenamtlichen und hauptamtlichen Helfern hat er für seine Forderung ein anderes Druckmittel als zum Beispiel der Dachverband Rheinische Karnevals Korporation (RKK), der mit einer Petition an den Deutschen Bundestag eine generelle Förderung besonders engagierter Ehrenamtler anstrebt.
Die 10?000 Flüchtlingshelfer in Rheinland-Pfalz hätten sicher nichts gegen eine solche Anerkennung. Die meisten von ihnen engagieren sich aber tatsächlich aus dem Bedürfnis, anderen zu helfen. Es dürfen gerne noch viel mehr werden. Denn wer mit den Menschen, die wir Flüchtlinge nennen, in Kontakt kommt, mit ihnen kommuniziert, ihnen hilft, der wird nicht nur Dankbarkeit von ihnen zurückbekommen. Vor allem wird er immun gegen viele Stammtischparolen, die nicht nur in Dresden die Runde machen.
r.neubert@volksfreund.de