Warten auf "den Gregor"

TRIER. Zum Wahlkampf-Auftakt der WASG/Die Linke lockte Gregor Gysi fast 200 Besucher ins Ramada-Hotel. Der glänzend aufgelegte Fraktionschef rief zu einem Kreuzzug gegen den Neoliberalismus auf.

Vorbei die Zeiten, da links hier zu Lande mit antiautoritär gleichgesetzt wurde. "Der Gregor" wird von der Trierer WASG-Basis erwartet wie der leibhaftige Messias. Zwei Rentner aus dem Hochwald halten ein Transparent hoch, "Züsch grüßt Gregor Gysi", steht darauf. Die Landtagskandidatin aus der Eifel bricht ihre Rede nach eineinhalb Sätzen ab, als der Star vor der Tür steht: "Ja, mein Anliegen wäre eigentlich diese Hartz-Geschichte da, aber wo Gregor jetzt schon da ist..." Vielleicht ist es besser so. "Wir sind nicht die abgezockten Profis", hat eine Vertreterin der Landesliste eben gesagt, und das ist an allen Ecken und Enden deutlich spürbar.Unangefochtener Rhetorik-Künstler

Aber dafür ist ja "der Gregor" da. Der räumt mit entwaffnender Ehrlichkeit ein, von Rheinland-Pfalz keine Ahnung zu haben, aber ansonsten erweist er sich einmal mehr als unangefochtener Rhetorik-König der deutschen Politik. Und für die Niederungen der Landespolitik ist Norbert Kepp zuständig, grundsolider Gewerkschaftsfunktionär und Spitzenkandidat. Er darf sich ein paar Minuten der Landesregierung widmen, und seine Attacken auf Kurt Becks optimistische Lagebeschreibung ("Nein, Herr Beck, wir sind kein Aufsteigerland!") könnten über weite Strecken nahtlos aus der Wahlkampfrede von Christoph Böhr stammen. Erst beim stürmisch applaudierten Ausruf "Wir wollen den Besserverdienenden ans Geld" würde ein CDU-Wähler wohl irritiert reagieren. Aber da ist Kepp auch schon fertig, schließlich, so sagt er, seien die Leute gekommen, "um den Gregor zu hören", und da wolle er nicht im Weg stehen. Klar. Der so innig Erwartete braucht keine zwei Minuten, um den Saal im Griff zu haben. Dabei ist es gar nicht so sehr sein Publikum. Als er vor Jahren in der Tufa seine Trier-Premiere feierte, da saß die geballte altlinke Schickeria im Raum und ergötzte sich an der intellektuellen Brillanz des einstigen Paradiesvogels. Diesmal sieht man wenig Szene-Gesichter, das Publikum ist stellenweise erstaunlich jung - und keineswegs automatisch überzeugt.Schwierige Kurve zur Landtagswahl

Und trotzdem leistet sich Gysi - anders als etwa Lafontaine - den Luxus, auf populistisches Draufhauen weitgehend zu verzichten. Stattdessen zeichnet er Visionen auf, beschwört den "Traum von einer sozialen, gerechten Gesellschaft", den man nicht aufgeben dürfe, "nur weil es in der DDR ein schlechtes Beispiel gab". Ausführlich ergeht er sich in Weltpolitik, agitiert gegen jede Art von Krieg, diese "Höchstform von Terrorismus", die "leider wieder Normalität geworden" sei. Die Globalisierung sieht er erstaunlich differenziert, die habe "nicht nur negative Seiten, verstehen Sie". "Verstehen Sie" sagt er in eineinhalb Stunden gut 40-mal. Und das Publikum versteht, vor allem seine Attacken auf die Neoliberalen, die inzwischen "in allen Parteien dominieren - außer bei uns". Vor allem Gerhard Schröder ist Ziel seiner beißenden, präzise angelegten Analysen, jener SPD-Kanzler, "gegen den Helmut Kohl ein Super-Sozialdemokrat war". Durchaus zwiespältig Gysis Staatsverständnis: Er wolle "den Staat nicht idealisieren", manche Aufgaben könne man durchaus privatisieren. Aber wo es auf demokratische Entscheidungen ankomme, bei Grundversorgung, öffentlichem Verkehr und Gesundheitswesen, da dürfe man das Spiel "nicht dem Markt überlassen und damit die Demokratie der Wirtschaft unterordnen". Da wird gejubelt im Saal, und Gysis selbstironischer Stil entlockt selbst den "Neutralen" Beifall, die nur gekommen sind, um sich zu informieren - und die mit den üblichen Wahlkampf-Sprechblasen gerechnet haben. Nur die Kurve von der großen Politik zurück zum eigentlichen Thema des Abends, der Landtagswahl, fällt dem Berliner Politprofi nicht ganz leicht. Kurt Beck habe "alles, was der Schröder angerichtet hat, mitgetragen", sagt Gysi. Und im Übrigen könne Rheinland-Pfalz berühmt werden, wenn dort die erste linke Fraktion im Westen Deutschlands ins Parlament einziehe. Das sei doch "viel interessanter als ein langweiliges Ergebnis mit ein paar Prozent rauf und runter für die anderen". Und bringe weltweites Interesse, Journalisten aus ganz Europa und damit unmittelbaren Wirtschaftsaufschwung ins Land. Das Publikum amüsiert sich über das augenzwinkernde Argument. Ob es reicht, um Wahlentscheidungen zu beeinflussen, steht auf einem anderen Blatt.