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Warten, bis der Arzt kommt: Blick hinter die Kulissen einer Notaufnahme

Warten, bis der Arzt kommt: Blick hinter die Kulissen einer Notaufnahme

Notfälle rund um die Uhr: In der Notaufnahme des Trierer Brüderkrankenhauses werden bis zu 120 Patienten am Tag behandelt. Bei einigen geht es um Leben und Tod. Bei anderen nicht. Diese müssen dann oft stundenlang warten.

Trier. "Wenn Sie hierherkommen, dann bringen Sie sich am besten was zu essen und zu trinken mit", sagt ein älterer Mann. Es ist kurz vor Mittag. 18 Personen sitzen auf den wenig bequemen Stühlen. Eine ältere Frau isst eine Reiswaffel. Ein Handy klingelt. Ein Mann, bleich im Gesicht, offenbar von Schmerzen geplagt, geht ran. Er sitze noch in der Notaufnahme, sagt er dem Gesprächspartner. Seit heute Morgen um 6.30 Uhr sei er schon da.

Stundenlange Wartezeiten in der Notaufnahme. Immer wieder beschweren sich Patienten darüber. Wie Hans Dieter S. aus Mehring (Trier-Saarburg). Elf Stunden habe er im Januar mit seiner Frau gewartet. Ihr Hausarzt hat sie wegen akuter Rückenbeschwerden ins Brüderkrankenhaus geschickt, sagt S. Um 9.30 Uhr seien sie dort gewesen. Mittags um 14.45 Uhr habe sich dann eine Ärztin seine Frau angesehen. Sie habe geraten, einen Orthopäden hinzuzuziehen, der gegen 18.30 Uhr gekommen sei. Dieser habe eine Blockade der Rückenwirbel festgestellt und die Schmerzen durch Gelenklockerung gelindert. Um 21 Uhr seien sie dann zu Hause gewesen. "Alptraum Brüderkrankenhaus", lautet das Fazit von Hans Dieter S.

Dass es immer wieder zu langen Wartezeiten kommt, bestreitet Eckart Wetzel gar nicht. Der Internist ist Leiter der Notaufnahme des Brüderkrankenhauses. Seit zehn Jahren besteht das interdisziplinäre Zentrum für Notaufnahme, wie es offiziell heißt. Mit im vergangenen Jahr rund 32 000 Patienten haben sich deren Zahl seit 2004 um mehr als 10 000 erhöht, sagt Wetzel. 80 bis 90 Patienten pro Tag, an Spitzentagen wie Karneval auch schon mal 120, würden von den fünf ständig anwesenden Ärzten - ein Neurologe, ein Internist und ein Unfallchirurg - behandelt.

Die langen Wartezeiten lägen auch nicht daran, dass das Personal in der Notaufnahme zu faul sei. Kein Patient werde abgewiesen. Unmittelbar nach Anmeldung werde jeder Patient zunächst einmal von einem Pfleger befragt, um eine erste Diagnose zu stellen und herauszufinden, ob eventuell eine lebensbedrohliche Situation vorliege, so der Zentrumsleiter. Werde eine Blutuntersuchung gemacht, dauere es nun mal 90 Minuten, bis das Ergebnis da sei, sagt Claudia Neumes, die Chefpflegerin in der Notaufnahme. So lange müssten die Patienten dann wieder warten.

Nicht jeder Patient in der Notaufnahme sei ein echter Notfall, sagt Oliver Kunitz, medizinischer Geschäftsführer des Trierer Mutterhauses. 30 000 Patienten sind dort im vergangenen Jahr behandelt worden. "Viele Patienten", sagt Kunitz, "suchen die Notaufnahme mit sogenannten Bagatell-Erkrankungen auf, die keine Notfälle sind." Patienten mit weniger bedrohlichen Symptomen müssten zum Teil länger warten als echte Notfallpatienten, sagt auch Holger Brandt, Geschäftsführer des Saarburger Kreiskrankenhauses. Über 4000 Notfälle pro Jahr werden dort behandelt. "Wir stellen uns täglich der Herausforderung", sagt Regina Spartz. Sie ist Stationsleiterin der Notaufnahme im Wittlicher Elisabeth-Krankenhaus. Bis zu 70 Stunden betrage manchmal ihre Arbeitszeit.

Während die Patienten im Brüderkrankenhaus auf ihre Behandlung warten, bekommen sie nicht mit, was hinter der gläsernen Tür zur Notaufnahme passiert. Dass es dort etwa oft auch um Leben und Tod geht, wenn etwa ein Schwerverletzter per Hubschrauber oder Rettungswagen eingeliefert wird. Wie die Frau, die die Sanitäter und die Notärztin an diesem Montagvormittag gerade in den sogenannten Schockraum schieben. Dort werden Schwerstverletzte von mehreren Ärzten untersucht und notfallmäßig behandelt. Kurz vorher hat alle anwesenden Ärzte an diesen Morgen ein sogenannter Ringruf von der Leitstelle der Trierer Berufsfeuerwehr erreicht: Notarzt mit Unfallopfer unterwegs. Was mit der Frau passiert ist, weiß Unfallchirurg Markus Baacke zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Der Mann mit dem gebrochenen Arm, den er kurz zuvor geröntgt hat und nun einen Gipsverband bekommen soll, muss erst einmal warten.

Direkt neben dem Schockraum befindet sich ein Computertomograf, mit dem der gesamte Körper Schicht für Schicht geröntgt werden kann. Bei dem vor zehn Minuten eingelieferten Unfallopfer reicht das normale Röntgengerät. Die Verletzungen sind doch nicht so schwer wie angenommen, die Frau habe sich bei einem Treppensturz den Oberarm gebrochen, sagt Baacke, während er sich auf dem Bildschirm das Röntgenbild anschaut.

Wetzel behandelt zur gleichen Zeit vier Türen weiter eine Frau, die ebenfalls per Rettungswagen eingeliefert worden ist. Sie habe Atemnot, ihre Beine zitterten seit ein paar Tagen, schildert sie ihre Symptome. Vor Jahren habe sie einen Herzinfarkt und einen Schlaganfall gehabt. Wetzel gibt ihr eine Infusion. Vorsichtshalber wird sie wohl zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben. Zwei von drei Notfallpatienten könnten nach der Behandlung wieder nach Hause gehen, sagt Wetzel. Im Raum neben an liegt eine Frau, die wegen Herzbeschwerden gekommen ist. Sie ist an einen Überwachungsmonitor angeschlossen. Auf einem Bildschirm direkt neben dem Eingang zur Notaufnahme ist ihre Herzfrequenz zu sehen. Bei einem Herzstillstand würde ein Signal ertönen. Im Raum dahinter hängen zwei Bildschirme an der Wand. Drauf zu lesen sind die Namen der angemeldeten Patienten. Und wie lange sie schon in einem Behandlungsraum sind und ob ein Arzt bei ihnen war.

Claudia Neumes nimmt an der Aufnahme gerade die Daten einer Frau auf. Sie habe seit Tagen Kopfschmerzen, habe sich mehrmals übergeben müssen. "Sie müssen warten," bis sie aufgerufen werden, sagt Neumes und zeigt auf den Wartebereich.