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Warum das Betreuungsgeld eine Zumutung ist

Warum das Betreuungsgeld eine Zumutung ist

Seit die Pläne für das sogenannte Betreuungsgeld bekannt sind, will die Kritik daran nicht verstummen. Die zunächst 100, später 150 Euro im Monat sollen vom Jahr 2013 an Eltern bekommen, die ihre Kleinkinder zu Hause betreuen. Das Geld ließe sich besser anlegen, meint im TV-Gastbeitrag der Koblenzer FH-Professor Stefan Sell.

Klingt doch gut - ab dem kommenden Jahr sollen (fast) alle Eltern, die ihre ein- und zweijährigen Kinder nicht in eine Kita schicken, eine finanzielle Kompensation für die Nicht-Inanspruchnahme des Krippenplatzes bekommen. Am Anfang einen Hunderter und ab 2014 dann 150 Euro pro Kind auf die Hand. Wer die materielle Lage vieler Familien mit kleinen Kindern kennt, der muss das erst einmal gut finden. Aber daran ist nichts gut. Das geplante "Betreuungsgeld" ist vielmehr eine mehrfache Zumutung: Für die Eltern, für die Gesellschaft und für die Logik. Warum?
Anfänglich wurde die geplante neue Leistung begründet mit dem hehren Ziel der "Wahlfreiheit" - man wolle den Eltern kein Betreuungsmodell vorschreiben und diejenigen fördern, die ihre Kinder bewusst zu Hause betreuen. Hierzu zwei Einwände: Erstens gibt es hinsichtlich der stundenweisen Betreuung und Bildung der unter dreijährigen Kinder in einer Kita derzeit in vielen Gegenden gar keine "Wahlfreiheit" - das suggeriert, man könne wählen zwischen Kita oder Zuhausebleiben. Die tatsächliche Nachfrage und der Bedarf der Eltern an Plätzen ist fast überall weitaus höher als das gegenwärtige Angebot. Zweitens würde erst dann echte Wahlfreiheit entstehen, wenn nicht nur ausreichend Betreuungsplätze vorhanden wären, sondern zugleich diejenigen, die sich aus materiellen Gründen ein Zuhausebleiben nicht leisten können, durch eine entsprechende Leistung dazu in die Lage versetzt werden. Aber reichen dafür 100 oder 150 Euro? Und warum soll dann auch die Familie das Geld bekommen, die materiell ausreichend ausgestattet ist? An dieser Stelle wird das ganze Gerede über "Wahlfreiheit" außerdem absurd und zynisch: Während gerade die Eltern, denen es materiell am schlechtesten geht, also die Hartz IV-Empfänger, als einzige Gruppe von der neuen Leistung ausgeschlossen werden sollen, denn bei ihnen wird das alles vollständig angerechnet, würde eine Familie, in der beide Elternteile vollzeitig und mit guten Einkommen arbeiten und die sich ein Au-Pair-Mädchen aus Osteuropa holen, in den Genuss der neuen Prämie kommen. So etwas nennt man in Zeiten angeblich überall leerer Kassen schlichtweg Geldverschwendung. Darüber hinaus: In den vergangenen Wochen wurde eine Art "Kulturkampf" zwischen Befürwortern und Gegnern der neuen Leistung aufgeführt, den man nur noch kopfschüttelnd bewerten kann: "Entweder-oder", so die hitzige Argumentationslinie, Kita oder zu Hause. Aber bekanntlich hat der Tag immer noch 24 Stunden. Wenn Eltern ihr zweijähriges Kind für fünf Stunden in eine Kita bringen, dann haben sie es trotzdem noch 19 Stunden lang zu Hause. Insofern geht es in den meisten Fällen um ein "Sowohl-als auch", um eine Kombination verschiedener Betreuungsarrangements. Dass sich Eltern sehr verantwortungsbewusst verhalten, etwa was den Zeitpunkt des Beginns der stundenweise Kita-Betreuung ihrer Kinder angeht, kann man daran ermessen, dass selbst in Ostdeutschland, wo es ausreichend Plätze gibt, 95 Prozent der Kinder im ersten Lebensjahr ausschließlich zu Hause betreut werden.
Vor diesem Hintergrund und angesichts des tatsächlichen Bedarfs für die Kinder ab eineinhalb Jahren müssten derzeit alle Anstrengungen darauf gerichtet werden, das Angebot an Plätzen quantitativ und vor allem qualitativ auszubauen. Denn die Forschungsbefunde der modernen Frühpädagogik zeigen: Die Betreuung in der Krippe schadet im Regelfall nicht, wenn es sich nicht um schlechte Einrichtungen handelt. Und um die wird es sich handeln, wenn etwa der Personalschlüssel so schlecht ist, dass die kleinen Kinder - die ja in diesem Alter zu den verletzlichsten Gliedern gehören - nicht altersgerecht betreut werden. An dieser Stelle muss man auch als Befürworter der Krippenbetreuung angesichts der Realität in einigen Einrichtungen Magenschmerzen bekommen. Aber gerade deshalb muss der Ausbau unbedingt verknüpft werden mit einer guten Personalausstattung bei den Fachkräften. Die bekanntlich Geld kostet. Welches die Kommunen als Hauptkostenträger ebenfalls bekanntlich nicht haben. Hier lohnt jetzt ein Blick auf die Geldsummen, die der Bund ab August des kommenden Jahres nur für die neue Geldleistung unters Volk bringen will:
Schon im kommenden Jahr stehen im Bundeshaushalt 400 Millionen Euro für das Betreuungsgeld zur Verfügung - wenn man dieses Geld verwenden würde, um das dringend erforderliche zusätzliche Personal zu bezahlen, dann könnte man damit mehr als 10 500 Erzieher finanzieren. Ab 2014 stehen 1,2 Milliarden Euro pro Jahr im Haushalt. Damit könnten fast 32 000 Fachkräfte mehr finanziert werden. Und sollte die Prognose zutreffen, dass es tatsächlich 1,9 Milliarden Euro pro Jahr werden, da aufgrund fehlender Kita-Plätze mehr Eltern als angenommen das Betreuungsgeld in Anspruch nehmen (müssen), dann wären sogar 50 000 neue Erzieherstellen finanzierbar. Was für eine Qualitätsverbesserung in den Einrichtungen wäre damit zumindest finanziell möglich!
Immer wieder argumentieren die Befürworter mit anderen Ländern, in denen es so etwas wie ein "Betreuungsgeld" bei Nicht-inanspruchnahme einer Kita schon gibt. Aber hier ist der wissenschaftliche Stand der Debatte eindeutig: Hände weg von einer finanziellen Teil-Kompensation für Eltern, die ihre Kinder nicht ergänzend neben der eigenen Erziehung in eine Kita schicken! Jüngstes Beispiel: Norwegen. Dort bekommt man seit einigen Jahren stolze 450 Euro im Monat. Und es gibt zudem genügend Betreuungsplätze. Aber auch hier zeigen die Studien negative Effekte bei bestimmten Personengruppen, deren Kinder sehr wohl profitieren würden vom Besuch der Kita. Und deshalb diskutiert man dort jetzt auch wieder die Abschaffung dieser Leistung.Extra

Prof. Dr. Stefan Sell (48, Foto: FH) ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Sozialpolitik an der Fachhochschule Koblenz und Direktor des Instituts für Bildungs- und Sozialpolitik.