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Warum ein Pfarrer sein Kind verleugnet hat

Warum ein Pfarrer sein Kind verleugnet hat

Pfarrer Stefan Hartmann aus dem Erzbistum Bamberg hat sich in einer Talkshow zu seiner Tochter, die vor 24 Jahren im Bistum Trier zur Welt gekommen ist, bekannt. Als er den Zölibat kritisiert, erhält er von der Diözese einen Maulkorb. Nun redet er wieder.

Trier/Oberhaid (Franken). "Rebellion" schreibt der Oberhaider Pfarrer Stefan Hartmann (59) auf seiner Facebook-Seite. Darunter steht ein Gedicht mit dem Titel "Ich bin nicht zu bändigen." Wer in den vergangenen Wochen seine Auftritte in der Öffentlichkeit verfolgt hat, weiß, was gemeint ist: In der SWR-Fernsehsendung Nachtcafé hatte Hartmann sich vor Millionen Zuschauern zu seiner Tochter Katharina (24), die es laut Kirchenregeln eigentlich nicht geben dürfte, bekannt.

Vor neun Jahren hatte der Pfarrer einen Brief von seiner damals 15-jährigen Tochter erhalten - der erste Kontakt zum eigenen Kind. Drei Jahre später trafen sich Vater und Kind erstmals.
Seiner Gemeinde Oberhaid (Landkreis Bamberg) hat der Pfarrer bereits vor fünf Jahren sein Kind gestanden und "viel Zustimmung erhalten", wie er sagt. Die Bistumsleitung wusste von Anfang an Bescheid. Warum jetzt die Fernsehbeichte? "Damit möchte ich die Zölibatsdebatte ankurbeln", sagt Hartmann gegenüber unserer Zeitung.

Der Zölibat sei nicht mehr zeitgemäß - und im Hinblick auf den Priestermangel selbstzerstörend, sagt Hartmann. Der Kirchenmann plädiert für eine freiwillige Enthaltsamkeit.

Der Fernsehauftritt missfiel dem für ihn zuständigen Erzbistum Bamberg. Hartmann erhielt ein Sprechverbot. Das Brisante: Ausgerechnet Bambergs Erzbischof Ludwig Schick pfiff seinen Priester zurück. Dabei hatte Schick selbst vor vier Jahren, zu Beginn der Missbrauchsskandale, eine Diskussion um den Zölibat angestoßen.
Nach einem Gespräch zwischen Hartmann und dem Erzbistum wurde nun vereinbart, dass der Pfarrer in der Zölibatsfrage nicht mehr das "mediale Rampenlicht" sucht.Zeugnis für eine offene Kirche


"Es gibt kein Sprechverbot mehr zum Thema, aber ich werde in der Tat von mir aus nicht in Medien und schon gar nicht in Talkshows drängen, sondern gewissenhaft das Format aussuchen, auf dem ich gerne weiter in der Öffentlichkeit sachlich und fair für eine offene Kirche Zeugnis ablege", schreibt Hartmann auf seiner Facebook-Seite.

Aktuell hat er eigene Thesen zu Pflichtzölibat und Kirchenreform veröffentlicht: Unter anderem heißt es darin, dass es auch innerhalb des gläubigen Volkes Gottes nicht mehr Konsens sei, das Priestertum an den Pflichtzölibat zu binden.

Dass Hartmann die angefachte Debatte am Laufen halten möchte, ist aufgrund seiner eigenen Biografie, der seiner damaligen Geliebten und der seiner Tochter verständlich: 1982 war Hartmann im Trierer Dom zum Priester geweiht worden. Sechs Jahre später hatte er die "lebenslustige Gemeindereferentin" kennengelernt. Als die junge Frau merkte, dass sie ein Kind von dem Geistlichen erwartete, waren die beiden schon kein Paar mehr.
Der katholische Pfarrer musste sich zwischen Priesteramt und Ehe entscheiden. Eine Ehe sei nicht möglich gewesen, sagt er, und er habe sich damals als auserwählt gefühlt - als zu Höherem berufen. "Die größere Sache war wichtiger als das kleine Kind", sagt Hartmann.

Er wurde versetzt, aber die Mutter des Kindes musste ihren Beruf aufgeben. Die damalige Bistumsleitung habe ihr eine Stelle in einem Landratsamt besorgt, sagt der Pfarrer, der außerdem bekennt, früher sehr konservativ gewesen zu sein. Um keine emotionale Beziehung zu dem Kind aufzubauen, habe er Katharina verleugnet. Sie wuchs vaterlos auf, 15 Jahre lang waren die Unterhaltszahlungen die einzige Verbindung. Mit Katharinas Mutter hat Hartmann "leider nie" von Elternteil zu Elternteil gesprochen. "Es kam kurz vor ihrem Tod 2009 noch zu einem Telefonat, für einen Besuch war es zu spät", sagt der Geistliche. Er kämpft weiter für ein freiwilliges Zölibat - und damit auch für vom Zölibat betroffene Frauen und Kinder.Extra

"Ich habe der Mutter nach der Düsseldorfer Tabelle (sie enthält Leitlinien für den Unterhaltsbedarf von Unterhaltsberechtigten, Anm. d. Red.) regelmäßig Geld überwiesen", erklärt Stefan Hartmann gegenüber dem Trierischen Volksfreund. Mütter, die den Eindruck hätten, dass die "Priesterväter" unregelmäßig zahlten, könnten sich an die Bistümer wenden. In diesen Fällen werde das Geld vom Gehalt abgezogen und den Müttern zugeführt, behauptet der Oberhaider Pfarrer. "Diese Vorgehensweise ist uns nicht bekannt und wird im Bistum Trier auch nicht praktiziert", sagte Bistumssprecher André Uzulis auf Anfrage. Bei Unterhaltsverpflichtungen handele es sich um den einklagbaren Anspruch des Kindes oder der Mutter gegen den Vater, unabhängig davon, ob dieser Priester sei, oder nicht. Die Geliebte eines katholischen Pfarrers, die anonym bleiben möchte und auch Kontakt zu anderen Priesterfrauen hat, sagte gegenüber dem TV: "Jede Diözese regelt das anders." Aufgrund des Persönlichkeitsschutzes wollte André Uzulis keine Angaben zur Anzahl der Kinder von Priestern im Bistum Trier machen. kat