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Warum es vollkommen in Ordnung ist, alleine zu leben

Warum es vollkommen in Ordnung ist, alleine zu leben

Immer mehr Menschen leben allein. Klassische Singles sind sie deshalb aber noch lange nicht. Partnerschaften sind gefragt wie eh und je. Allerdings werden heute auch andere Lebensformen als die Ehe akzeptiert. Es gibt mehr Witwen, mehr Studenten, mehr Geschiedene und mehr Frauen, die einfach leben, wie sie wollen.

Trier. Sie haben einen tollen Job, tragen trendige Turnschuhe, fahren schicke Flitzer, schlürfen Austern zu handgerütteltem Winzersekt, feiern ebenso hart wie sie arbeiten, schlafen, mit wem sie wollen und leben alleine in viel zu großen Altstadt-Wohnungen mit Parkettboden, Designerküche und stuckverzierten Decken. Das wäre dann so das Klischee vom Single. Ein Wort, das verwirrenderweise ebenso jene bezeichnet, die partnerlos sind, als auch jene, die allein leben. Und Statistiken zeigen: Es leben immer mehr Menschen allein (siehe Extra-Texte). Aber werden all diese Singlehaushalte tatsächlich bewohnt von sektschlürfenden Yuppies? "Ein Großteil dieser Singles ist nicht das, was wir uns vorstellen", sagt der Trierer Soziologieprofessor Johannes Kopp.

Es seien zu einem großen Teil ältere, verwitwete Frauen. Und natürlich auch viele Studenten - habe es doch einen deutlichen Anstieg der Studierendenzahlen gegeben. 2002 gab es in Deutschland 1,9 Millionen Studenten, im Wintersemester 2015/2016 waren es mehr als 2,7 Millionen. Eine dritte größere Gruppe Alleinlebender sind die Geschiedenen. Laut Kopp geht etwa jede dritte Ehe in die Brüche. Statistiken zeigen, dass die Zahl der Scheidungen gestiegen ist: 1990 wurden rund 155 000 Ehen geschieden, 2014 waren es 166 000. Wenn Kinder da sind, sei der eine danach alleinerziehend und der andere eben Single.

Auch ein weiteres Klischee demontiert der Forscher: Beziehungen sind nämlich gar nicht out. Oder wie der Soziologe es formuliert: "Die Verpartnerungstendenzen, also dass Leute in Partnerschaften leben wollen, das hat sich nicht geändert. Das wollen alle", sagt Kopp. Auch die Jugend. Studien zeigen deutlich, dass Partnerschaft und Familie für junge Menschen einen hohen Wert besäßen. Allerdings sei es heute für viele vollkommen in Ordnung, alleine zu leben.Demontierte Vorurteile

Und wenn man zusammenzieht, dann deutlich später als früher. Auch Kinder bekommt man deutlich später: Im Schnitt sind deutsche Frauen beim ersten Baby knapp 30 Jahre alt. 1991 lag der Schnitt noch bei 27 Jahren. Die Akzeptanz für andere, nicht traditionelle Lebensformen sei gestiegen, sagt Kopp. "Man kann nicht nur in der Ehe glücklich sein - nein, man kann auch ganz anders glücklich sein."

Eine deutliche Tendenz sei es, dass Frauen heute selbstständiger seien - vom Einkommen des Mannes nicht mehr so abhängig. "Sie haben Alternativen, Gott sei Dank", sagt Kopp. Frauen seien die großen Gewinner der Bildungsexpansion der 1960er und 1970er Jahre. Sie hätten heute eine bessere Schulbildung als Männer, bessere Noten, sie studierten mindestens genauso häufig. "Sie haben ein eigenes Leben und können sich auch mehr verwirklichen", sagt Kopp. Und wenn sie wollen, dann leben sie eben alleine, genau wie die Witwen, die Geschiedenen, die Studierenden oder die soziologisch offenbar nicht besonders relevanten notorischen Singles, die lieber mit wechselnden Bettgenossen Sekt schlürfen, als eine Familie zu gründen.Extra

Der Trend zu kleineren Haushalten in Rheinland-Pfalz hält an: Statistisch leben 2,1 Menschen in einem Haushalt. 2005 lag dieser Wert noch bei 2,2, wie das Statistische Landesamt mitteilte. Die Zahl der Singlehaushalte stieg weiter auf 36,7 Prozent, das sind 1,2 Prozentpunkte mehr als noch im Jahr 2005. Auch Zweipersonenhaushalte sind im gleichen Zeitraum häufiger geworden. Sie machen nun 35,8 Prozent der Haushalte aus, 2,3 Punkte mehr als 2005. Der Anteil der Haushalte mit mehr als drei Bewohnern ging um 3,5 Punkte auf 27,6 Prozent zurück. 2005 lebten noch 2,2 Millionen Menschen mit mehr als zwei anderen zusammen, 2014 betraf das nur noch 1,9 Millionen. dpaExtra

Familien wohnen häufig auf dem Land, Alleinlebende eher in der Stadt. Das ist das Ergebnis einer Studie des Marktforschungsunternehmens GfK. Demnach bestehen 37 Prozent aller Haushalte in Deutschland aus einer einzelnen Person. Ein Drittel machen Familien mit Kindern aus, die übrigen 30 Prozent sind Mehrpersonenhaushalte ohne Kinder. Die meisten Einpersonenhaushalte gab es der Studie zufolge im bayerischen Regensburg - mit einem Anteil von fast 54 Prozent (siehe Grafik). Es folgen Würzburg und Leipzig, dann kommt die Hauptstadt Berlin. Trier landet in der Studie mit 49,9 Prozent auf Platz zehn. Die GfK-Daten stammen von 2014 - unter anderem aus dem Mikrozensus. Tatsächlich liegt der Prozentsatz der Trierer Singlehaushalte jedoch deutlich höher. Ende 2015 hatten laut Melderegister 34 985 der 64 430 Trierer Haushalte nur einen Bewohner. Das sind 54,3 Prozent. Generell gelte, dass der Anteil der Haushalte mit Kindern in ländlichen Regionen besonders hoch sei, erläutert die GfK. Singlehaushalte fänden sich hingegen am häufigsten in den großen Städten oder Universitätsstandorten. Mos/dpa