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Warum Kosmetik nicht hilft

Warum Kosmetik nicht hilft

Kein Zentimeter Dachfläche, kein Klo und kein Fenster könnten bleiben, wie sie sind. Denn das 1964 errichtete Trierer Theater ist völlig veraltet. Allein die Sanierung würde die Stadt 31 Millionen Euro kosten. Dabei wäre auch dringend ein Anbau nötig. Wie all das finanziert werden soll, ist offen.

Die Schlosserei des Theaters ist kleiner als viele Hobbykeller, die Garderobe lagert in einem Container, und dort, wo die Zuschauer nicht hinkommen, windet sich ein dunkles Labyrinth aus nach Abfluss riechenden Gängen durch das marode Haus. Die Basis für die Probleme, vor denen das stark sanierungsbedürftige Trierer Theater nun steht, wurde vor Jahrzehnten gelegt: Ein ursprünglich geplanter zweiter Bauabschnitt, der das Haus Richtung Viehmarkt vergrößern sollte, wurde nie umgesetzt.Nur eine gute Nachricht

Die einzig gute Nachricht ist: Die Baukonstruktion ist stabil und lässt sich sanieren. Das gilt auch für die Bühne. Das war's dann aber auch schon. Ein auf Theatersanierungen spezialisiertes Münchner Architekturbüro bescheinigt dem Gebäude in einer Machbarkeitsstudie einen "erheblichen Sanierungsstau" sowie "akute Probleme im Bereich Brandschutz, Barrierefreiheit und der Haus- und Bühnentechnik". Mindestens 31 Millionen Euro würde eine Sanierung (ohne Anbau) kosten.

Eine Zahl, die nicht verwundert, wenn man sich anschaut, was zu tun ist: Audio- und Videotechnik müssen komplett erneuert werden. Das gilt auch für fast jedes WC, Wasserrohr und Fenster. Fußböden und Decken sind auszutauschen. Energetisch entspricht das Haus seinem Baujahr 1964 - kein Zentimeter Dach, Fassade oder Glasfront würde bleiben, wie er ist. Die beste Lösung für die miserabel isolierte (und wenig einladende) Eingangshalle heißt: abreißen. Heizungspumpen und Ventilatoren sind auszutauschen, der Bühnenboden zu erneuern, die Regenrinnen auch und so weiter.

Selbst wenn die Stadt all dies in die Wege leiten würde, bliebe das größte Problem: Am Theater ist zu wenig Platz. Deshalb sind zahlreiche, über Trier verteilte Extra-Räume angemietet. Ohne Anbau oder gar Neubau - so sah es die politische Mehrheit bisher - ist wenig gewonnen. Das jedoch wird richtig teuer. Zu teuer für Trier, wie Kulturdezernent Thomas Egger bereits betonte.

Die Architekten präsentieren eine verwirrende Vielzahl von Anbau-Möglichkeiten: Anbau an zwei Seiten des Theaters, Anbau an nur einer Seite, aber doppelstöckig, mit Kammerspielen, ohne Kammerspiele, in Basis- oder Luxusausführung, mit oder ohne zweiten Standort. Die Kosten (inklusive Sanierung) liegen zwischen 41 und 63 Millionen Euro. Die vom Stadtrat bevorzugte Variante mit Anbau und Zweitstandort kostet 55 Millionen Euro. Auch für einen Neubau gibt es unterschiedlich luxuriöse Varianten. Unter 75,7 Millionen Euro ist er allerdings nicht zu haben. Maximal werden in hochwertiger Bauweise und Technikausstattung 111 Millionen Euro veranschlagt (mit Kammerspielen).Varianten für Spielstätten

Diese Kammerspiele - eine kleinere Spielstätte, in der 300 Zuschauer Platz finden, deren Bühne aber auch für Proben genutzt werden kann - fallen finanziell weit weniger ins Gewicht als zu vermuten wäre. So würde ein Theaterneubau mit integrierten Kammerspielen "nur" 1,9 Millionen Euro mehr kosten. Wenn der Altbau saniert würde, böte der kleine Neubau, der auf einem Kirchengrundstück neben dem Theater errichtet würde, gleich mehrere wirtschaftliche Vorteile: Zwei ausgelagerte Probebühnen und eine Studiobühne wären verzichtbar.

Zudem könnte das kleine Haus während der Sanierung als Spielstätte dienen. Dies würde im Vergleich zu anderen Interimslösungen 1,8 Millionen Euro sparen.

All das ist jedoch in weiter Ferne. Erstens, weil niemand weiß, wie die Stadt auch nur kleine Teile des riesigen Programms finanzieren soll. Zweitens, weil die Baumaßnahmen - selbst wenn das Geld irgendwoher geflossen käme - zeitaufwendig sind. Wenn die Arbeiten im Januar 2017 ausgeschrieben würden (was wenig wahrscheinlich ist), wäre die Sanierung den Architekten zufolge frühestens im Herbst 2023 oder im Frühjahr 2024 beendet. Noch viel Wasser wird die Mosel hinabfließen, ehe die mehr als zwei Jahrtausende alte Trierer Theatertradition wieder ein würdiges Domizil hat. Genauso gut könnte es angesichts der Finanzdebatte jedoch passieren, dass das Spielhaus eines Tages ebenso spurlos aus dem Stadtbild verschwindet wie sein römischer Vorgänger.Mehr zum Thema

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