Was wird aus unseren Dörfern? Eine Reise durch die Eifel

Was wird aus unseren Dörfern? Eine Reise durch die Eifel

E inst lebten in dem Dörfchen Staudenhof 128 Menschen. Kinder spielten auf der Straße, während die Väter im nahe gelegenen Eisenwerk arbeiteten.

Doch mit dem Niedergang der Industrie wurde es immer stiller in dem Dorf, das weit abseits der nächsten Straße an einem vergessenen Ort im Prümtal liegt. Die wenigen, die übrig blieben, rangen dem kargen Boden ihren Lebensunterhalt ab und als auch das nicht mehr reichte, gaben sie ihr Dorf auf. Die letzten beiden Einwohner packten 1990 ihre Habseligkeiten und gingen für immer. Nun rankt Efeu durch zerbrochene Fensterscheiben und statt Kinderstimmen füllt das Rauschen des Waldes die Leere zwischen Ruinen. Die Natur nimmt sich Staudenhof zurück.
Ist das die Zukunft? Die Zukunft der vielen kleinen Dörfer in den entlegenen Winkeln von Hunsrück und Eifel? Die Zukunft jener Dörfer, die immer weiter schrumpfen, während längs der luxemburgischen Grenze und rings um Trier, Bitburg oder Wittlich Neubaugebiete aus dem Boden schießen? Der TV hat sich auf Spurensuche begeben. Sie beginnt unweit des Pulvermaars in einem kleinen Dorf namens Winkel.
Auf der Autobahn Richtung Norden. Die ersten Hügel der Vulkaneifel verwandeln den grauen Niesel in Schnee. Am Straßenrand steigt eine Krähe auf und während ein Leichenwagen überholt, singt Meat Loaf "Objects in the rear view mirror may appear closer than they are" - im Rückspiegel betrachtet können Dinge näher scheinen als sie sind.
Was wohl ist von der ländlichen Vergangenheit in Winkel übrig? Einem Dörfchen in der Vulkaneifel, das - rund 50 Fahrminuten von Trier entfernt - seit 1995 fast ein Viertel seiner Einwohner verloren hat. Werden hier eines Tages von Steuergeld finanzierte Umzugswagen rollen, um die letzten Bewohner umzusiedeln? So, wie es eine neue Demografie-Studie für sterbende Dörfer vorschlägt?
Oder ist das alles Schwarzmalerei? Schließlich gibt es in der Eifel Hunderte Karnevals-, Musik- oder Theatervereine. Feuerwehren. Lebendiges Brauchtum. Erneuerbare Energien und regen Tourismus. Tausende Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, die sich gegenseitig helfen und zusammenhalten. Es gibt den Wettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft", Dorfmoderationen, Fördertöpfe und lokale Initiativen, die kein anderes Ziel haben, als die Dörfer heil durch den demografischen Wandel zu bringen. Wie sieht es wohl in Winkel aus? Je näher man dem Dorf kommt, desto kleiner und rumpeliger werden die Straßen. Oberwinkel steht schließlich auf einem Ortsschild. Mist dampft vor einem der verstreut liegenden Höfe. Das grüne Altartuch in der kleinen Kapelle hat die gleiche Farbe wie der Schimmel, der die Wände hochwächst. Das Dorf wirkt verlassen und doch hat es einen Spielplatz. "Den brauchen wir hier eigentlich nicht", sagt einer der vier letzten Landwirte Winkels. "Es kommen keine jungen Familien mehr." Die Feuerwehr gebe es noch. Sonst nichts. Zu wenige Arbeitsplätze in der Umgebung.
Dass Winkel ausstirbt, glaubt er nicht. Ein kleiner Teil werde übrig bleiben, sagt der 62-Jährige und dann wird er nachdenklich. "Wenn man alt ist und nicht mehr fahren kann, dann steht man da..."
An Wald und Weiden vorbei führt eine kleine Straße bergab nach Niederwinkel. Liebevoll restaurierte Bauernhäuser flankieren dort ein schmuckes Kirchlein. Es gibt einen Trike-Verleih und in einem Fenster steht "Zimmer frei". Das sieht doch gut aus!
Doch der Schein scheint zu trügen. Seit 30 Jahren lebt Gabi Wolf in Winkel. Und es habe sich viel verändert. Die Jungen gehen weg, die Alten sterben weg, die Kirmes wurde abgeschafft und das Sternsingen fällt aus, weil sich nicht genügend Kinder finden. Onlinebanking kann man vergessen. Die Seite schließt sich aus Sicherheitsgründen, ehe sie sich fertig aufgebaut hat. Tja, und die hübschen Häuser, die sind Feriendomizile von Kölnern oder Niederländern. "Die Dörfer verkommen zum Wochenenddomizil", sagt Wolfs Mann, während draußen das vertraute Klingeln des Schrottwagens ertönt. Er kommt, wie der rollende Supermarkt und ein Bäckerwagen, regelmäßig vorbei. Sonst passiert nicht viel in Winkel. Aber es muss doch auch was Positives geben? "Ja", sagt Wolf. Schöne Natur. Und: "Es gibt keinen Handy-Empfang". Nichts könnte die Ruhe stören.
Wenige Kilometer von Winkel entfernt liegt das Straßendorf Steineberg. Es hat 40 Prozent seiner Bewohner verloren - und das verheißt nichts Gutes. Doch gleich am Ortseingang wartet eine Überraschung. "Jugendzentrum Steineberg" steht in roter Schrift auf einem großen Gebäude, das eine Kegelbahn und sogar ein Schwimmbad beherbergt. Im Gelände dahinter finden sich außer einem bei Touristen beliebten Aussichtsturm ein Fitness-Parcours, ein Spielplatz und ein Fußballfeld. Nanu? Gibt es in Steineberg so viele Jugendliche, dass sich das alles lohnt?
Kurt Trösch, der Leiter des Hauses, kennt die Antwort. Etwa 1000 Jugendliche kommen jährlich zu ihm. Nicht aus Steineberg, wo derzeit zwar recht viele Kleinkinder leben, jedoch nur sehr wenige Teenager. Sie kommen von überall her. Sein Haus ist eine Herberge. Auch Asylbewerber, für die der Vulkaneifelkreis noch keine Wohnung gefunden hat, kommen dort unter. Und das ist, glaubt Trösch, auch ein Grund dafür, dass die Statistik Steinebergs so düster aussieht. Vielleicht waren ja 1995 gerade besonders viele Asylbewerber im Ort gemeldet. Und 2010 eben nicht. "Steineberg ist ein Ort wie jeder andere", sagt der Herbergsvater.
Es gibt Feste, die Feuerwehr, einen regen Karnevals- und einen Brauchtumsverein, ein Neubaugebiet und eine Hauptstraße, entlang derer viele alte Häuser dringend eine Generalüberholung nötig hätten. Auf eines davon blickt verächtlich ein Mann, der im blauen Arbeitskittel vor seinem Haus steht. "Es ist klar, dass die Dörfer aussterben", sagt er. "Das liegt aber nicht am demografischen Wandel, sondern daran, wie die Menschen miteinander umgehen!" Und dann schimpft er, dass die Leute nicht mehr wissen, was Nachbarschaftshilfe ist. Dass der Gemeinschaftssinn fehlt. Dass das alles so Cliquen sind hier. Er habe leider kein Geld gehabt, um sich vom Acker zu machen.
Die Ankunft des Schulbusses unterbricht seine Schimpftirade. Nur zwei Jugendliche steigen aus. Und wie geht es ihnen in Steineberg? Einsam sei es, sagt ein Mädchen.
Weiter geht es Richtung Eisenschmitt (Kreis Bernkastel-Wittlich). Nach einem Stück Autobahn führt der Weg an den imposanten Burgen vorbei durch das touristische Manderscheid, windet sich an steilen Schieferfelsen hinab ins Wanderparadies Liesertal und wieder hinauf. Minutenlang mäandert die Straße durch rostbraunen Wald, ehe eine Barriere den Weg nach Eisenschmitt versperrt. Die Straße war doch im Sommer auch schon zu! Nicht nur das. Sie ist wegen Schlaglöchern bereits seit einem Jahr gesperrt. Und erst kürzlich haben die Bauarbeiten begonnen, die bis Mai dauern sollen. Tss. Kein Wunder, dass keiner mehr nach Eisenschmitt kommt.
Während im Autoradio eine traurige Männerstimme Tränen besingt, die zu einem Ozean anschwellen, führt der (Um)Weg über Kloster Himmerod. Ein Kloster, das mit der gleichen Entwicklung kämpft wie die Dörfer: Die alten Mönche werden immer weniger und junge sind keine in Sicht. Wenige Straßenbiegungen weiter ist das Ziel erreicht. Eng ist es dort am Ufer der Salm. Doch ein Tal der Tränen ist Eisen schmitt nicht. Gleich hinter dem Ortschild stehen in schönster Lage moderne Häuser. Eine junge Frau verabschiedet gerade lächelnd eine Freundin. Sie lebt schon immer in Eisenschmitt und war glücklich, als endlich das Bauland ausgewiesen wurde. Ihre Eltern und ihre Freunde aus Schulzeiten sind auch noch da. Man kennt sich, man hilft sich. Dass der Kindergarten vor wenigen Jahren geschlossen werden musste, bedauert sie sehr. Doch haben ihre Kinder genügend Spielkameraden im Ort, es gibt einen Dorfladen, das Vereinsleben ist rege und in der wiedereröffneten Kneipe sei meist was los.
Auch das Clara-Viebig-Zentrum lockt Leute in den Ort, dem die Schriftstellerin mit ihrem Roman "Weiberdorf" Bekanntheit schenkte: Als die Eisenerzvorkommen der Umgebung zur Neige gingen, suchten die Männer in den Stahlwerken des Ruhrgebiets Arbeit. Und die Frauen blieben mit der harten Arbeit auf Hof und Feld alleine zurück. Zur Blütezeit - vor dem von Viebig beschriebenen Niedergang der Eisenindustrie - lebten im Dorf laut Ortsbürgermeister Georg Fritzsche etwa 1500 Menschen. Es war damit die größte Gemeinde im Altkreis Wittlich. Heute sind es nur noch 275. "Hier gab es zwei Bäcker, zwei Metzger, zwei Lebensmittelgeschäfte, drei Kneipen, eine Post… So ist das nicht mehr", sagt der Ortschef, dessen Kokosweberei (die unter anderem die klassischen roten Teppiche herstellt), heute nur noch 15 statt 150 Mitarbeiter hat. Und doch lächelt er. "Das war über viele Jahre ein krasser Prozess, aber wir leben jetzt damit", sagt er. "Sterben wird Eisenschmitt nicht."
Weiter windet sich die Straße durch den trüben Wintertag, hinauf, hinab, Richtung Kyllburg. Die CD ist durchgelaufen und wieder singt Meat Loaf seine lange Hymne über die Vergangenheit. Doch was bringt der Blick zurück? Außer Schmerz und Melancholie. Nirgends in der Region könnte der Vergleich dessen, was einst war und was nun ist, quälender sein als in Kyllburg. Dem einst so stolzen Städtchen. Der Perle im Kylltal. Der Sommerfrische, durch deren Gassen einst Damen mit eleganten Hütchen wandelten, Souvenirs kauften und abends in Restaurants dinierten, ehe sie in ihr Prachthotel Eifeler Hof zurückkehrten. Selbst der Kaiser war da! Vorbei. Vergangenheit. Riesig und tot liegt der Eifeler Hof im Herzen Kyllburgs. Frost, Staub und Schimmel haben den Platz der eleganten Damen eingenommen. Und ganz als wäre dieses Leiden ansteckend, starb auch die Stadt ringsum und blickt Besucher nun aus toten Schaufenstern an. Selbst Schlecker hat kürzlich dichtgemacht. Ein Zahnarzt ist weggegangen. Und wie lange es die Verbandsgemeindeverwaltung noch gibt, steht in den Sternen. Das alte Kyllburg ist zur Geisterstadt geworden.
Jenseits der Kyll hingegen, da gibt es Neubaugebiete, ein Haus der Bildung und einen neuen Lidl. Die Hoffnung, dass alles wieder besser wird. Und natürlich gibt es die Menschen. In Kyllburg wie in den anderen schrumpfenden Orten. Sie können den demografischen Wandel nicht stoppen. Doch sie können ihm ihren Mut, ihre Kreativität, und ihr Engagement entgegensetzen. Und während in der Ferne die Umrisse von Schloss Malberg aus dem Grau auftauchen, verklingen im Autoradio die letzten melancholischen Töne.
Katharina Hammermann

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