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Wenig Chancen, kaum Perspektiven

Wenig Chancen, kaum Perspektiven

Höheres Sozialgeld, kostenloses Mittagessen an Ganztagsschulen und mehr individuelle Hilfen fordern die Wohlfahrtsverbände zum Abbau von Kinderarmut. Mehr als 72 500 Kinder unter 15 Jahren lebten Ende 2007 landesweit von Geld aus den öffentlichen Sozialkassen.

Mainz. Bildung ist ein entscheidender Schlüssel, um aus einem Kreislauf von Armut, schwierigen Familienverhältnissen und Perspektivlosigkeit herauszukommen. Doch die Realität sieht auch in Rheinland-Pfalz vielfach anders aus, wie Georg Bruckmeir vom Caritas-Projekt Lern- und Spielstube Nordend in Worms aus Erfahrung weiß: In diesem sozialen Brennpunkt, der heutzutage in der Behördensprache als "Stadtteil mit sozialem Entwicklungsbedarf" bezeichnet wird, wechseln vier von fünf Kindern nach der Grundschule zur Hauptschule. Jedes vierte Kind bleibt danach ohne Abschluss, nur in Einzelfällen schaffen es Jugendliche nach der regulären Schulzeit in eine Ausbildung.Gegen Monatsende kommen manche Kinder schlichtweg hungrig in die Lernstube, berichtet Bruckmeir. Auch Walter Münzenberger von der Fördergemeinschaft Ludwigshafen kennt die Lage zahlreicher Familien und Kinder zwischen chancenlos und wenig Perspektive. Kinder waren bei Hartz-Reform die Verlierer

Mit sozialem Training, Schuldnerberatung und Familienhilfen versucht die Fördergemeinschaft, ihnen unter die Arme zu greifen. "Wer die Kinder- und Jugendarmut nicht entschieden bekämpft, verspielt die Zukunft einer ganzen Generation", mahnte Domkapitular Hans-Jürgen Eberhardt, Vorsitzender der Liga der Wohlfahrtsverbände am Mittwoch in Mainz. Liga-Geschäftsführer Günther Salz wurde deutlicher. Nach seiner Rechnung haben Schulkinder in der Gesamtschau bei den Sozialreformen der letzten Jahre 15 Prozent an Unterstützungsleistung verloren. "Das ist staatlich regulierte Gefährdung des Kindeswohls", kritisierte Salz. Er fordert Regelsätze beim Sozialgeld von 250 bis 300 Euro für Kinder statt bislang 208 Euro. An Ganztagsschulen sollte das Mittagessen kostenlos sein und eine generelle Lernmittelfreiheit eingeführt werden. Der Ausbau sozialer Hilfen müsse zudem zu einer besseren individuellen Unterstützung führen. Armen Kindern fehle es nicht nur an Geld, sondern auch an sozialem Kapital, betonte Christiane Giersen von der Liga-Kommission Kinderhilfe. Ein wichtiger Baustein, aus dem Dilemma herauszukommen, sei der kostenlose Zugang auch zu Bildungseinrichtungen außerhalb der Schule.