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Weniger Langzeitarbeitslose

Weniger Langzeitarbeitslose

"Armut per Gesetz" - kaum eine Reform hat so massive Kritik erzeugt wie Hartz IV - die Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe. Fast fünf Jahre nach dem Inkrafttreten stellt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit dem Werk jedoch ein positives Zeugnis aus.

Berlin. Die zentrale Aussage des Institutes für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung mag manchen verwundert aufhorchen lassen: Das zentrale Ziel, Menschen aus der Langzeitarbeitslosigkeit zu befreien, sei zum Teil erreicht worden.

Hat sich die Zahl der Langzeitarbeitslosen verringert?

Ja. Die Zahl der erwerbsfähigen Hilfebedürftigen sank von 5,44 Millionen im Jahr 2006 auf 4,92 Millionen im Jahr 2009, ein Minus von einer halben Million oder 9,5 Prozent. Bei den Männern gab es einen Rückgang um 12,4 Prozent, bei den Frauen aber nur um 6,6 Prozent. Eine der wesentlichen Ursachen hierfür ist das Fehlen von Betreuungsmöglichkeiten für Kinder.

Gibt es noch andere Problemgruppen?

Bei den unter 25-Jährigen sank die Zahl der Langzeitarbeitslosen besonders stark, von 1,16 Millionen auf 925 000, ein Minus von 20,3 Prozent. Bei den Menschen mittleren Alters lag der Rückgang fast im Durchschnitt und betrug 10,6 Prozent. Bei den Menschen über 55 Jahren aber gab es einen Anstieg um 17,7 Prozent. Allerdings führen die Forscher diesen auf die demografische Entwicklung zurück.

Funktioniert das Prinzip Fordern und Fördern?

Teils, teils. Der angestrebte Schlüssel, ein Betreuer auf 75 Fälle, wurde bei den unter 25-Jährigen erreicht. Bei den Älteren beträgt das Verhältnis 1 zu 150, was ebenfalls im Plan liegt. Allerdings müsse, meinen die Forscher, die Betreuung noch stärker auf die Bedürfnisse, Fähigkeiten, aber auch Handicaps der Einzelnen eingehen. Generell wirkt das Prinzip des Forderns und Förderns vor allem indirekt: Wer arbeitslos wird, strengt sich seit der Reform erheblich mehr an, um schnell wieder vermittelt zu werden - und nicht auf Hartz-Niveau zu fallen.

Was machen die Leute nach Hartz IV?

Die Abgänger aus dem Hartz-IV-System haben laut der jüngsten IAB-Studie nur zu 45 Prozent einen Job gefunden; die anderen gingen entweder in Rente, nahmen ein Studium auf oder wurden Hausfrau/Hausmann. Von denen, die wieder arbeiteten, fanden lediglich 32 Prozent ein Normalarbeitsverhältnis. Bei den anderen war der Vertrag befristet oder es handelte sich um Zeitarbeit. Im Durchschnitt wurden 7,76 Euro pro Stunde verdient. 1,3 Millionen Menschen blieben im Hartz-IV-System, obwohl sie arbeiten. Sie verdienen so wenig, dass sie ihr Einkommen mit der staatlichen Unterstützung aufstocken müssen.

Ist die Lage überall gleich?

Nein. Im gesamten Osten und im Ruhrgebiet liegt der Anteil der Bedarfsgemeinschaften, die länger als zwölf Monate Hartz IV beziehen, zwischen 73,9 und 84 Prozent. Süd-Niedersachsen, Teile des Saarlandes und die Nordseeküste haben ähnlich hohe Werte. Erheblich günstiger sieht es in der Pfalz, Baden-Württemberg und Bayern aus, wo der Anteil der Langzeitbezieher zwischen 60 und 73 Prozent beträgt.

Wird die Krise die Lage verschlechtern?

Wahrscheinlich. Die Forscher beobachten ein Sinken der Zahl der offenen Stellen. Die Langzeitarbeitslosen haben dann noch weniger Vermittlungschancen. Allerdings glaubt das IAB nicht, dass das alte Niveau der Langzeitarbeitslosigkeit wieder erreicht wird. Durch Hartz IV sei der Mechanismus, dass mit jeder Krise die Sockel-Arbeitslosigkeit steige, erstmals unterbrochen worden.

Meinung

Besser als sein Ruf

Es ist fast unmöglich, über Hartz IV auch nur einen Satz zu sagen, ohne vehementen Widerspruch zu ernten. Trotzdem! Erstens: Das alte System, Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe nebeneinander, war schlechter, weil die Betroffenen nur durchgefüttert wurden, ohne Arbeitsanreize und -angebote. Der Staat entledigte sich seiner Pflichten durch Zwangsabschiebung der Arbeitslosen in eine soziale Hängematte, in die viele gar nicht wollten. Zweitens: Die Verringerung der Langzeitarbeitslosigkeit und die schnellere Vermittlung zeigen, dass die Gesetze wirken. Viel mehr Menschen als früher werden aktiviert. Drittens: Armut per Gesetz wäre Hartz IV dann, wenn die Gesamtausgaben für den bisherigen Bezieherkreis gesunken wären. Sind sie aber nicht, sondern gestiegen. Trotzdem gibt es Härten für Teilgruppen, die korrigiert werden müssen. Viertens: Wer fordert, muss auch fördern - die Möglichkeit, eine Arbeit aufzunehmen. Es fehlt an Kinderbetreuungseinrichtungen für Alleinerziehende und an Qualifizierungsanstrengungen insbesondere für Migrantenkinder. Hier muss der Staat liefern, nicht der Arbeitslose. Unter dem Strich ist die Reform ein wichtiger Einstieg gewesen. Aber auch das beste Sozialsystem kann keine Arbeitsplätze schaffen, sondern nur die Verteilung der Jobs verbessern. In manchen Regionen, vor allem im Osten, ist da aber nichts zu verteilen. Deshalb darf man bei den Hartz-Reformen nicht stehen bleiben. nachrichten.red@volksfreund.de