Wenn Blutzucker mit Blutdruck verwechselt wird

Wenn Blutzucker mit Blutdruck verwechselt wird

Stuhlgang? Blutzucker? Bluthochdruck? Offenbar haben viele ausländische Ärzte Probleme mit medizinischen Fachbegriffen. Damit steige das Risiko von Falschdiagnosen und Behandlungsfehlern, warnt die Landesärztekammer.

Trier. Als Ivona Rusek vor zwei Jahren nach Bitburg kam, konnte sie kein Wort Deutsch. In die Eifel gekommen ist die junge Ärztin aus dem tschechischen Olomouc gemeinsam mit ihrem damaligen Freund und heutigen Ehemann, weil sie "das Abenteuer suchten". Zuvor hatte sich das Paar in Portugal, Schweden und Indonesien über Arbeitsmöglichkeiten für junge Ärzte informiert.
Gelandet ist sie schließlich in Bitburg. Bereut habe sie diesen Schritt noch nie, sagt sie. Ihr Mann arbeitet mittlerweile als Chirurg im Gerolsteiner Krankenhaus.Sechsmonatiges Training


Rusek ist eine von insgesamt 27 ausländischen Ärztinnen und Ärzten, die im Bitburger Krankenhaus arbeiten. Insgesamt sind dort 89 Ärzte angestellt. In Gerolstein stammen von 27 Ärzten 10 aus dem Ausland, im Hermeskeiler Krankenhaus fünf von 24.
Bevor Ivona Rusek als Ärztin in Bitburg arbeiten konnte, musste sie ein sechsmonatiges Trainingsprogramm durchlaufen. Die Teilnehmer erhalten ein individuelles, professionelles Sprachtraining, in dem sie auf die Deutsch-Prüfung vorbereitet werden. Gleichzeitig zu dieser Prüfung müssen sie ihre Approbation (Berufserlaubnis) in Deutschland erlangen. Nach dem erfolgreichen Abschluss des Trainingsprogramms erhalten die ausländischen Mediziner dann einen Assistenz- oder Facharztvertrag. Wie Ivona Rusek.
Auch im Trierer Brüderkrankenhaus setzt man auf einen solchen sechsmonatigen Intensivsprachkurs für ausländische Ärzte während eines gleichlangen Praktikums. Morgens büffeln sie Deutsch, mittags schauen sie den Klinikärzten über die Schulter. Haben sie die Prüfung bestanden, erhalten die ausländischen Mediziner die Approbation und einen Anstellungsvertrag, sagt Christel Hemmes, Leiterin der Personalentwicklung im Trierer Brüderkrankenhaus.
Ohne die Zuwanderung ausländischer Ärzte könne die medizinische Versorgung nicht mehr sichergestellt werden, sagt Günther Matheis, Vorsitzender der Bezirksärztekammer Trier. Doch neben den fachlichen Qualifikationen sei eine sprachliche unumgänglich, sagt Matheis. Die ausländischen Ärzte müssten mindestens in der Lage sein, praxistaugliche Arztbriefe und Behandlungsempfehlungen für Patienten zu verfassen.
Doch daran hapert es bei vielen ausländischen Medizinern, wie die Landesärztekammer festgestellt hat. Sie hat im August vergangenen Jahres eine erweiterte Sprachprüfung für diese Ärzte eingeführt. In einem nachgestellten Arzt-Patienten-Gespräch müssen die Mediziner ihre Sprachkenntnisse unter Beweis stellen. Die bisherigen Ergebnisse sind ernüchternd. Häufig kommt es zu Verwechslungen von Begriffen wie etwa Blutzucker und Bluthochdruck - was im Ernstfall zu einem Risiko werden kann, falls die falschen Medikamente verordnet werden. Auch das Wort Stuhlgang bereitete vielen der von der Landesärztekammer getesteten Medizinern Probleme. Von 142 Ärzten, die seit August an der Prüfung teilgenommen haben, sind laut Kammer-Sprecherin Ines Engelmohr 39 durchgefallen. Daher hält es Kammer-Präsident Frieder Hessenauer für unumgänglich, dass der in Rheinland-Pfalz verpflichtende Sprachtest für ausländische Ärzte auch in den anderen Bundesländern eingeführt wird. Bislang reicht für die Berufserlaubnis als Arzt der Nachweis über die "erforderlichen Kenntnisse der deutschen Sprache". Wie dieser Nachweis erbracht wird, liegt aber im Ermessen der Bundesländer. Dass diese Anforderung nicht ausreicht, haben die Tests der Landesärztekammer gezeigt. "Wenn Ärzte ihre Patienten nicht verstehen können, steigt das Risiko für Missverständnisse und Fehldiagnosen", sagt Hessenauer.Extra

Bundesweit arbeiteten zum 31. Dezember 2012 insgesamt 32 548 ausländische Ärzte in Kliniken, als niedergelassene Ärzte oder in einem sonstigen Bereich. Zum gleichen Zeitpunkt waren es in Rheinland-Pfalz 1409 ausländische Mediziner. Davon kommen 659 aus den Mitgliedsstaaten der EU, 279 aus anderen europäischen Staaten, 95 aus Afrika, 313 aus Asien, 44 aus Amerika und einer aus Australien. An einer Deutschprüfung für ausländische Ärzte haben in Rheinland-Pfalz seit August 2012 insgesamt 142 Ärzte teilgenommen, bestanden wurde sie von 85 Teilnehmern, 39 haben die Prüfung nicht bestanden. Die übrigen 18 Ärzte haben entweder ihre Teilnahme an der Prüfung abgesagt oder sind gar nicht erst erschienen. red

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