Wenn der Bachelor ans Bett kommt

Trier · So viel Einigkeit ist selten: Die Universität, die Kliniken, die Politik, die Kassen - alle halten einen universitären Pflegestudiengang in Trier für sinnvoll. Das neue Studium soll möglichst eng mit der Praxis verzahnt werden.

Trier. Das ist neu für die Uni Trier: Um einen Platz im künftigen Pflegestudiengang kann man sich nicht an der Hochschule bewerben. In Frage kommt nur, wer einen Ausbildungsvertrag mit einem Krankenhaus hat - etwa mit den Uni-Kooperationspartnern Brüderkrankenhaus, Mutterhaus und ökumenisches Verbundkrankenhaus. Eventuell kommt später noch das Kreiskrankenhaus Saarburg hinzu.
Bislang bilden die Krankenhäuser ihr Pflegepersonal über einen Zeitraum von drei Jahren eigenständig aus. Künftig bieten sie auch die Option eines "dualen Studiums", will heißen: Parallel zur Ausbildung laufen an festgelegten Tagen Vorlesungen und Seminare an der Uni. Nach vier Jahren haben die Absolventen nicht nur ein Pflegeexamen, sondern auch einen Studienabschluss.
Die Praktiker in den Kliniken haben solche neuen Formen selbst vorgeschlagen. Stephan Lutz von der Pflegedirektion des Mutterhauses verspricht sich davon "die Chance eines besseren Theorie-Praxis-Transfers". Das "aktuelle wissenschaftliche Wissen" soll so in die "Pflege am Bett einfließen".
Das sieht Markus Mai, stellvertretender Pflegedirektor am Brüderkrankenhaus, ganz ähnlich. Angesichts immer komplexer werdender pflegerischer Leistungen erkennt er "ständig wachsende Herausforderungen im Berufsfeld", die es notwendig machten, in die Pflege verstärkt akademisch ausgebildete Mitarbeiter zu integrieren. "Den Pfleger gibt es längst nicht mehr", sagt Mai.
Vor allem der demografische Wandel, da sind sich die Experten Lutz und Mai einig, sorgt für Aufgabenstellungen, die über die "normale" Pflege-Ausbildung hinausgehen. Ältere Patienten mit hochkomplexen Erkrankungen, wachsende Schwierigkeiten im Bereich der Übergänge zwischen stationärer und ambulanter Pflege, steigender psychosozialer Betreuungsbedarf: Da braucht man, sagt Mai, "wesentlich mehr Hintergrundwissen". Ein Studium kann da nützlich sein.
Und noch einen anderen Aspekt betonen die Praktiker: Angesichts der zunehmenden Konkurrenz um qualifizierte Arbeitskräfte könnte die Möglichkeit eines akademischen Abschlusses manchen Abiturienten in die Pflege locken, der sonst anderswo in der Wirtschaft landet.
Gesucht sind freilich keine Theoretiker für den Schreibtischsessel. Die künftigen Bachelor- oder Masterpfleger sollen den Job von der Pike auf lernen. Dieser Anspruch ist auch eingeflossen in die Studienpläne, die eng mit dem Klinik-Alltag verzahnt sind. Die Uni ist den Praxis-Anforderungen weit entgegengekommen.
Für den theoretischen Hintergrund sorgen zwei Professorenstellen, die im Fachbereich eins bei Psychologie, Pädagogik und Philosophie angesiedelt sind. Die erste Ausschreibung ist laut Uni-Präsident Michael Jäckel vom Ministerium genehmigt, die zweite kurz davor. Es muss auch zügig gehen, denn spätestens bis zum Frühsommer sollten die Lehrstuhlinhaber feststehen - und selbst dann ist alles mit heißer Nadel gestrickt.
Mancher an der Uni hätte gerne mehr Zeit in die schwierige Konzeptions- und Aufbauphase investiert. Aber es lockt auch der gut gefüllte Topf des Hochschulpakts, der pro neu geschaffenem Studienplatz um die 25 000 Euro auswirft. Bei geplanten 30 Studenten pro Jahrgang alles andere als ein Almosen.
Deshalb hat der Uni-Präsident ordentlich Zeitdruck gemacht. Für die Feinjustierung sieht er auch in den nächsten Jahren noch genügend Gelegenheiten, schließlich wird es 2017 werden, bis die vorläufig anvisierte Studentenzahl erreicht ist und die erste Abgängergeneration sich ihren Weg in die Klinik-Arbeitswelt bahnen muss. Damit, wie es die Zeit kürzlich formulierte, der Bachelor ans Bett kommt.
Er dürfte dann gerüstet sein mit Kenntnissen von der Gesundheitspsychologie bis zur klinischen Pflege - so lauten die Ausrichtungen der beiden Professuren. Einen Uni-Professor für Pflegewissenschaft und klinische Pflege zu finden, dürfte dabei besonders schwierig werden, ist dieses Fach in Deutschland doch bislang fast ausschließlich auf Fachhochschul-Ebene vertreten. Dennoch ist Präsident Jäckel optimistisch, dass das "ambitionierte Ziel" eines Studiengangs mit Kick-Start im kommenden Herbst realisiert ist. Schon sehr bald will man mit der Anwerbung potenzieller Studenten beginnen - gemeinsam mit den Krankenhäusern. "Wir werden das allen Interessierten anbieten", sagt Markus Mai vom Brüderkrankenhaus. Er hofft, dass auch die Arbeitsagentur das neue Angebot zügig bekannt macht.
Sein Kollege Stephan Lutz denkt schon einen Schritt weiter: Der akademische Pfleger müsse sich seinen Standort in den Kliniken erst suchen. Sicher werde es manche Kinderkrankheiten geben und auch einen gewissen Argwohn der traditionell ausgebildeten Mitarbeiter. Aber dennoch ist er sicher: "Das ist der richtige Weg."Extra

Mit der Cusanus-Hochschule in Bernkastel-Kues gibt es einen weiteren Ansatz zur akademischen Pflege-Ausbildung in der Region. Man sieht sich aber nicht als Konkurrenz zu Trier. In Kues beschränkt man sich zunächst auf einen Abschluss in Therapiewissenschaften wie Physiotherapie und Logopädie und kooperiert mit den Berufsbildenden Schulen im Bereich Altenpflege. Der Studiengang richte sich an andere Menschen als in Trier, sei strukturell anders aufgebaut und habe andere inhaltliche Schwerpunkte, sagen die Macher. DiL