Wenn Männer zu Opfern werden

Wenn Männer zu Opfern werden

Geht es um häusliche Gewalt, kassieren nicht nur Frauen Beleidigungen und Schläge. Ein Bundesland setzt nun auf Männerhäuser.

Ob er schon von Fällen hörte, in denen Männer die Opfer häuslicher Gewalt wurden? Nikolaus Wurm zögert mit der Antwort keine Sekunde. "Natürlich", sagt er. Dann erzählt der Mitarbeiter des Weißen Rings in Bitburg vom Fall eines Eifelers, den die Ehefrau mit einem Schürhaken geschlagen habe. "Er hatte Blutergüsse und offene Wunden", sagt Wurm und schiebt nach: "Der Mann muss nicht immer der Täter sein."

Die rheinland-pfälzische Kriminalitätsstatistik aus dem Jahr 2016 gibt ihm recht. Zwar sind die Opfer von Gewalt in engen, sozialen Beziehungen ganz deutlich die Frauen, 8128 waren es im vergangenen Jahr an der Zahl, 79,7 Prozent. Doch auch 2066 Männer gehörten zu den Opfern. Während Täterberater in Trier sich in den Fällen auch Konter-Anzeigen vorstellen können, wenn die eigene Frau eine Anzeige geschaltet habe, geht Wurm sogar von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus. "Viele Männer schämen sich und schweigen."

Doch was passiert mit ihnen? Geht es nach Wolfgang Rosenthal, brauchen die männlichen Opfer genauso Rat und Rückendeckung wie die Frauen. "Kein Mensch muss es sich gefallen lassen, geschlagen zu werden", sagt Rosenthal, der zu den Gründern eines der ersten Männerhäuser in Deutschland gehört, das im niedersächsischen Oldenburg steht. Männer wenden sich dort an die Betreiber, wenn sie eine Trennung in den Knochen haben, eine Lebenskrise durchleben oder Opfer von Gewalt wurden. "Wir hatten schon Fälle, bei denen Männer verprügelt wurden und vor dem Schlafengehen alle Messer weggeschlossen hatten, weil sie Angst vor einer Attacke hatten", sagt Rosenthal. Doch die Einrichtung in Oldenburg gehöre bundesweit nur zu einer Handvoll Angeboten, die speziell auf Männer zugeschnitten sei. Selbst in Oldenburg gebe es keinen Cent von der Stadt. Oft heiße es, das brauchen wir nicht. "Mitgefühl ist etwas, was Männern leider nicht zugestanden wird", schimpft der Niedersachse.

Anders sieht die Lage in Sachsen aus, wo das Bundesland in diesem Jahr vorprescht und zwei Männerschutzwohnungen mit je drei Plätzen in Leipzig und Dresden fördert. Bis Ende 2018 sollen jährlich rund 65 000 Euro aus öffentlichen Mitteln fließen, teilt das sächsische Sozialministerium mit und sagt: "Moderne Gleichstellungspolitik richtet sich an beide Geschlechter." Die Erfahrung zeige, dass immer mehr Männer die Beratungsstellen für häusliche Gewalt in Anspruch nehmen.

Rheinland-Pfalz plant hingegen kein Männerhaus. Ein Bedarf sei bisher nicht bekannt, sagt eine Sprecherin des Familienministerium auf TV-Anfrage. Betroffene Männer könnten sich genauso wie Frauen an die Opferschutzberatungsstellen wenden. Eine zentrale Beratungsstelle nur für Männer gibt es in Rheinland-Pfalz dagegen nicht, sagt Täterberaterin Julia Reinhardt. "Häusliche Gewalt gegen Männer ist ein Tabu-Thema und kaum erforscht", sagt sie. CDU-Innenexperte Matthias Lammert kann sich für das Land zumindest eine Beratungsstelle vorstellen, auch Pia Schellhammer (Grüne) sagt: "Wir werden die Augen vor dem Problem nicht verschließen, wenn es einen Bedarf gibt."

Eine Opferberaterin in Trier sieht aber auch die Männer in der Pflicht, denn auch Beratungsstellen für Frauen seien nicht ohne weiteres auf die Beine gestellt worden. "Viele Frauen haben Jahre hart dafür gekämpft, dass etwas in Bewegung gekommen ist."Extra

Verletzungen, Depressionen, Krankheiten, Arbeitsunfähigkeit: Die Folgen von häuslicher Gewalt kosten Rheinland-Pfalz jährlich bis zu 720 Millionen Euro, schätzt Täterberaterin Julia Reinhardt vom Verein Contra Häusliche Gewalt. Eine Mitarbeiterin der Interventionsstelle Trier, die Opfer berät und betreut, sagt, dass statistisch jede vierte Frau in ihrem Leben ein Opfer häuslicher Gewalt werde. Sie warnt vor den Folgen für Kinder - und einem Schubladendenken: Gewalt erlebten reiche, arme, gebildete und weniger gebildete Frauen.

Eine Auswahl von regionalen Beratungsstellen: Opfer können sich unter anderem an die Interventionsstellen Trier (0651/9948774) sowie Eifel-Mosel in Bitburg (06561/96710), Daun (06592/95730) und Prüm (06551/971090) wenden, ebenso an das Frauenhaus Trier (0651/74444), den Frauennotruf (0651/2006588), den Weißen Ring (116006) oder Polizei. Der Verein Contra Häusliche Gewalt ist die Tätereinrichtung in der Region, die in Trier sitzt (0651/46302140) und im Gruppentraining mit Tätern arbeitet.