Wenn Menschen ihr Erbe ablehnen, müssen Finanzbeamte sich um alles kümmern. Um alte Häuser voller Geschichte, steile Weinberge, alte Schulden und die schwierige Suche nach Käufern.

Soziales : Aus dem Alltag professioneller Erben

Wenn Menschen ihr Erbe ablehnen, müssen Finanzbeamte sich um alles kümmern. Um alte Häuser voller Geschichte, steile Weinberge, alte Schulden und die schwierige Suche nach Käufern.

Geht es um ein richtig großes Erbe, mit viel Geld, schickem Haus, dickem Sparbuch und Autos, dann findet sich meist jemand, der es gerne übernimmt. Denn die meisten Menschen haben laut rheinland-pfälzischem Finanzministerium Erben. Und sollten sich auf Anhieb keine finden, dann schalten sich oft freiberufliche Erbenermittler ein, die dann doch noch irgendwo einen fernen Verwandten auftreiben und ihr Vermittlungshonorar kassieren.

Was der Staat erbt, sieht meist ganz anders aus. Und er muss annehmen, was andere aus verschiedenen Gründen nicht wollen. Vielleicht, weil sie wissen, dass mit dem Erbe hohe Schulden verbunden sind. Oder weil sie es nicht ausschließen können. Vielleicht, weil sie sich für die paar Tausend Euro, die nach Abzug der Schulden unterm Strich rauskämen nicht all die Arbeit aufhalsen wollen. All die Gespräche mit Banken, die Wohnungsauflösung, Hausverkauf oder Abriss. Wieder andere wissen, dass der Boden des zu erbenden Grundstücks mit Schadstoffen getränkt ist und für Zigtausende Euro saniert werden müsste.

Warum auch immer – am Ende landet das Erbe beim Staat. Präziser: bei den zuständigen Beamten der Finanzämter, die sich dann um alles kümmern müssen. Allerdings muss der Staat nicht für alle Schulden haften: Wenn der Nachlass aufgebraucht ist, ist Schluss.

Die Bandbreite der Grundstücke und Immobilien ist groß. Industriebrachen sind ebenso dabei wie halbschattige Steillagenweinberge. „Vor 30 Jahren war jeder Weinstock genutzt. Damals haben die Leute bis zu 60 DM pro Quadratmeter Weinberg gezahlt. Heute sind sie fast wertlos“, sagt ein Trierer Finanzbeamter, der als Vertreter des Staats zahlreiche mit Schulden belastete Weinbergsflächen geerbt hat und nicht los wird. Mal hat er das Glück, dass eine Kommune die Lagen als Ausgleichsflächen braucht. Oder dass sie im Rahmen der Flurbereinigung aufgekauft werden. Meist jedoch  bleiben sie in Staatsbesitz.

Was der Fiskus sehr oft erbt, sind alte Häuser irgendwo auf dem Land, die schon länger leer stehen. Eher selten gibt es mal eine Wohnung in der Stadt – und die ist dann auch gleich verkauft.

Über Einzelfälle oder Details ist aus Datenschutzgründen nichts zu erfahren. Doch wer Dörfchen in Eifel und Hunsrück kennt, der ahnt, was der Erbschaft vorausgegangen sein könnte. Der sieht vor seinem inneren Auge ältere Frauen, die sich nach dem Tod ihres Mannes mit 400, 500 Euro Rente über Wasser halten, die zu stolz sind, staatliche Hilfe zu beantragen, die alles dafür tun, so lange wie möglich in ihrem geliebten Bauernhaus bleiben zu können. In ihrem Dorf. Bis dann die Heizung kaputt geht. Oder die Hüfte. Und bis nichts anderes bleibt, als der Weg ins Heim.

Aber ist es nicht schwer, in diesen Häusern mit dem Leben und vielleicht auch dem Leiden der Menschen konfrontiert zu werden? Mit all den Geschichten, die Mauern und Möbel erzählen?

Es sei traurig. Menschen hätten sich das geschaffen, sagt der Finanzbeamte mit Respekt für die Toten. „Aber das müssen sie total ausblenden.“ Sonst nehme man es mit nach Hause und bekomme es auch unter der Dusche nicht mehr weggespült. „Damit haben sie nichts zu tun. Sie wickeln nur ab“, sagt er.

Eine seiner besonders wichtigen Aufgaben ist die Verkehrssicherungspflicht. Bei maroden Häusern müssen Bauzäune aufgestellt oder Dächer so hergerichtet werden, dass keine Ziegel herunterstürzen können. „Das ist eine enorme Verpflichtung“, sagt der Beamte. Auch für den Winterdienst ist er verantwortlich. Und dafür, das Haus zu verwerten. Solange es keine Lösung gibt, bleibt auch aller Hausrat stehen. Wertvolles habe er darunter noch nie gefunden. Im Idealfall kümmert sich der Käufer darum. Doch ist der bei maroden, leerstehenden Häusern mit kleinem Grundstück im Ortskern schwer zu finden.

Bei einem großen, vielversprechenden Objekt hat der Beamte nun einen Architekten beauftragt, das Gebäude marktreif zu machen. Manchmal hat der Staat auch einfach Glück. Dann streiten sich die Nachbarn um das Grundstück und plötzlich zähle nicht mehr der Sachwert, sondern „wer das dickste Portemonnaie hat“.

70 laufende Erbschaftsfälle bearbeitet der Trierer Finanzbeamte neben den anderen Aufgaben, die er hat. „Diese Arbeit hat ihren Reiz“, sagt er. Schließlich gehe es um Aufträge, die bisher niemand abwickeln konnte. Eine Herausforderung, die oft Kreativität erfordere, sagt er. „Wenn man es schafft, das ist schon toll.“

Alte Häuser, die schon vor Jahren dringend eine Renovierung benötigt hätten, erbt das Land Rheinland-Pfalz häufig. Aber auch steile Weinberge, die einst viel Geld kosteten und die noch immer mit Schulden belastet sind. Foto: picture alliance / Jan Woitas/dp/Jan Woitas
dpatopbilder - Winzig klein erscheinen die arbeitenden Menschen in der Steillage des Escherndorfer Lumps am 23.08.2016 bei Escherndorf (Bayern). Bis zu 70 Grad erreicht die Steigung des Weinberges der als einer der besten Weinlagen Frankens gilt. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ |. Foto: picture alliance / dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Eine Arbeit, von der am Ende auch der Steuerzahler profitiert. Selbst wenn es nicht wie 2017 immer zwei Millionen Euro sind, die Rheinland-Pfalz dank der Erbschaften einnimmt. Sehr selten – seit 2016 gab es zwei solcher Fälle – passiert es auch, dass jemand das Land direkt als testamentarischen Erben einsetzt. Und dass dann vielleicht doch viel Geld, ein schickes  Haus und Autos im Staatssäckel landen.

Mehr von Volksfreund