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Wenn plötzlich überall Toskana ist - In vielen Neubaugebieten der Region Trier darf jeder bauen, wie er will

Wenn plötzlich überall Toskana ist - In vielen Neubaugebieten der Region Trier darf jeder bauen, wie er will

„Clownerie“ nennen Architekten das, was in Baugebieten der Region passiert. Es fehle der rote Faden – und das Landschaftsbild leide. Sie fordern eine bessere Steuerung. Bauherren jedoch lieben ihre Freiheit. Und die Gemeinden wollen sich ihren potenziellen Neubürgern nur ungerne in den Weg stellen.

Ein Neubaugebiet wie viele: "Zu verkaufen" steht auf dem Schild vor einem alten Bauernhaus. Dahinter sitzt im Garten eine Katze und blickt in die Richtung, aus der das laute Hämmern und Bohren herüberschallt. Wo einst ein grüner Hügel war, ragen nun Baukräne zwischen bunten Häusern in den Himmel. In vielen Auffahrten stehen Autos mit luxemburgischen Kennzeichen. Der Ort hat seine Größe in wenigen Jahren verdoppelt.
Während im unterhalb gelegenen Dorfzentrum der Putz von leerstehenden Bauernhäusern bröckelt, wächst auf dem Berg ein neuer Ortsteil, dessen hochpreisige Grundstücke unter dem Motto "The new way of living" vermarktet werden. "Großzügige Bebauungsregeln erlauben Ihnen, Ihr Traumhaus nach Ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten. Mögen Sie moderne Architektur oder die traditionelle Bauweise? Bauhaus oder Landhausstil?" Alles sei möglich, heißt es auf der Internetseite - und das sieht man. Ein einheitliches, harmonisches Bild entsteht nicht. Zu unterschiedlich sind die Bauten. Ein modernes Fachwerkhaus wird gleich neben einer toskanischen Landvilla hochgezogen. Ein paar Meter weiter stehen weiße Bauhauswürfel, Schwedenhäuser, Stein gewordene Lebensträume mit Aussicht und Erker. Sie sind orange, gelb, pink, blau oder minimalistisch weiß, eingeschossig, zweigeschossig, mehrgeschossig. Für eine oder fünf Familien. Mit Sattel-, Pult-, Walm- oder Flachdach. Verputzt, verklinkert - und verdammt teuer. Alles ist möglich. Und das offensichtlich schon länger. In älteren "Neubaugebieten" des Ortes stehen alpenländische Blockhäuser und Möchtegern-Paläste mit Burgtürmchen.
Es ist eines der vielen boomenden Dörfer an der Grenze zu Luxemburg. Eindrückliches Beispiel für eine Entwicklung, die Architekten, Landschaftsplaner und Experten für Baukultur kritisieren. Es ist allerdings kein Einzelfall. Ähnliche Neubaugebiete gibt es fast überall in der Region. Auch da, wo Luxemburg fern ist. Auch auf dem platten Land, wo die Gemeinden um jede neue Familie kämpfen.

Eine Frage der Ästhetik? Bauherren pochten auf ihre Freiheit, sagt der Trierer Landschaftsarchitekt Christoph Heckel. "Aber erstaunlicherweise finden alle die Orte schön, die einheitlich sind". Die weißen Dörfer Andalusiens, die bunten, den Felsen emporkletternden Dörfer der Cinque Terre, die intakte Fachwerk-Szenerie in Bernkastel-Kues oder das von Bausünden verschonte Bamberg. "Touristen erwarten ein stimmiges Landschaftsbild", sagt Heckel. Die Landschaft sei das große Potenzial der Region. Doch sie leide unter dem unkontrollierten Wachstum der Dörfer. Sie leide unter dem Schnickschnack aus den Katalogen des Baumarkts. Unter dem Sammelsurium individueller Vorstellungen.
Ziel von Baukultur sei eine schöne, menschengerechte Umwelt, sagt Hans-Jürgen Stein aus Kasel, Vorstandsmitglied der Architektenkammer Rheinland-Pfalz und Mitbegründer des Vereins Baukultur Trier e.V.. Eine gute Architektur folge schon seit der Antike den von Vitruv beschriebenen Prinzipien: Nützlichkeit (utilitas), Stabilität (firmitas), Wirtschaftlichkeit (oeconomie) und Schönheit (venustas). "Die Schönheit wird beim Bauen heute leider oft vergessen", findet Stein. "Und wovon leben wir in Trier denn heute? Von den früheren Generationen, die in Schönheit investiert haben!"
Dem Architekten fehlt in den meisten Baugebieten der rote Faden. Das sei wie beim Ankleiden. Da mache man sich doch auch Gedanken darüber, was man miteinander kombiniere. Wenn man verschiedene Menschen ihre Lieblingsstücke auswählen lasse, dann möge jedes einzelne für sich schön sein. "Aber zusammen ist es nur noch Clownerie."

Ein Stück Selbstverwirklichung: Wer baut, baut die Umwelt seiner Mitmenschen, sagen Architekten - deshalb sollten dafür gewisse Maßstäbe gelten. Wer baut, verschuldet sich auf Jahrzehnte, um einen Lebenstraum zu verwirklichen - und das verlangt nach Freiheit, finden hingegen viele Bauherren. "Die Leute bauen doch, weil sie ihre eigenen Ideen haben. Wenn sie die nicht einbringen können, brauchen sie nicht zu bauen", sagt Liliane G., die mit ihrem Mann in einem kleinen Bauerndorf unweit der luxemburgischen Grenze in einem ungewöhnlichen Neubau mit dreieckigen Dachflächen wohnt. In dieses hatten sie sich sofort verliebt, nachdem sie es im Katalog eines Massivhausanbieters gesehen hatten. Von innen sei es individuell für sie gestaltet worden. Dass in ihrem kleinen Baugebiet ein wilder Stilmix herrscht - ein Säulenportal gegenüber, ein tonnenförmiges Dach nebenan - stört sie nicht. "Jeder soll so bauen, wie er will", findet Liliane G. Ein paar Dörfchen weiter vertritt Roby Karier die gleiche Meinung. "Wenn alle Häuser gleich aussehen, wäre das doch langweilig."

Eine Baukultur, die ausstirbt? "Schönheit in Stein" ist der Titel eines neuen Buches über die Architektur der Südeifel, das Barbara Mikuda-Hüttel am 18. November auf Schloss Weilerbach präsentiert. Als "schlichte Noblesse" bezeichnet die Kunsthistorikerin das, was die alten Gebäude unverwechselbar macht und der Region ihren Charme verleiht.
Erbaut sind sie aus regionalem Bruchstein. Wohnräume, Stall und Scheune liegen beim Trierer Quereinhaus unter einem klassischen, mit Schiefer gedeckten Satteldach, das nicht übersteht, damit es dem Wind keine Angriffsfläche bietet.

Die verputzte Fassade des meist zweigeschossigen Baukörpers ist klar gegliedert. Fenster und die für Bauernhäuser oft ungewöhnlich reich verzierten Türen sind von Sandsteingewänden umrahmt. Anbauten, Erker, Schnickschnack: Fehlanzeige. Einzig kleine Schmuckelemente wie Muschelnischen oder verzierte Portale durchbrechen die Schlichtheit. "Understatement", sagt Mikuda-Hüttel. Innen offenbarten schöne Holzfußböden und -türen die Qualität der Häuser.
In der Vulkaneifel kommt laut Herbert Mayer, Beauftragter für Baukultur im Eifelkreis, vereinzelt Fachwerk hinzu, im Hunsrück werden die Wände mit Schiefer verkleidet. An der Schlichtheit ändert dies jedoch nichts.
Während Jahrzehnte der Bemühungen von Denkmalschützern dazu geführt haben, dass Hunderte alte Bauernhäuser liebevoll restauriert wurden und die Menschen dieses Kulturerbe inzwischen schätzen, wird die regionale Tradition bei Neubauten nur vereinzelt fortgeführt. Das wollen die Baukultur-Initiativen der Region ändern. Sie werben dafür, dass neue Häuser sich von der regionalen Bautradition inspirieren lassen (einige gelungene Beispiele: siehe Fotos links). Dass sie die Formen übernehmen und sich einfügen, auch wenn sie ganz modern sind. Damit sie eine ähnlich schlichte Noblesse ausstrahlen.

Ein Versäumnis der Gemeinden? Die wenigsten Dörfer und Städte der Region Trier schreiben Bauherren im Detail vor, wie ein Haus auszusehen hat (siehe Extra). Doch genau das fordert Marie-Luise Niewodniczanska, Brauerei-Erbin, Architektin und engagierte Denkmalschützerin. Zumindest Eckpunkte wie Dachform-, -farbe und -neigung, Geschosszahl, zulässige Anbauten, Aussehen von Fenstern und Türen müsse man in Satzungen vorgeben, damit neue Häuser sich harmonischer einfügen. "Aber da traut sich leider niemand dran, das ist das Problem", sagt sie. Zudem findet sie, dass Neubaugebiete erst angelegt werden sollten, wenn im Ortskern alle Grundstücke belegt sind - und zwar so, dass sie nahtlos an die bestehende Siedlung anschließen. Dabei sei die Einpassung in das vorhandene Gelände notwendig. "Villenviertel auf dem Hügel haben auf dem Lande nichts zu suchen", findet Niewodniczanska. Sie schwärmt davon, wie gut Alt und Neu in Meckel (Eifelkreis Bitburg-Prüm) harmonieren und wie einheitlich Dörfer aussehen, die wie das belgische Attert eine Gestaltungssatzung haben.
Aloysius Söhngen, Vorsitzender des rheinland-pfälzischen Gemeinde- und Städtebunds, hält es für schwer umsetzbar, Bauherren Vorschriften zu machen. Man müsse auch deren Gestaltungswillen berücksichtigen. Klar ist auch: Wer sein Traumhaus in A-Dorf nicht bauen darf, zieht wahrscheinlich nach B-Dorf. Ein Risiko, das schrumpfende Gemeinden lieber nicht eingehen. Klar ist zudem: Wer Vorschriften macht, muss ihre Einhaltung kontrollieren. Viel Arbeit für ehrenamtliche Gremien. "Wir wollen jungen Familien die Chance geben, sich bei uns zu entfalten", sagt Otmar Wacht, Ortsbürgermeister von Fisch in der Verbandsgemeinde Saarburg. Ihnen vorzuschreiben, "ein altes Bauernhaus nachzubauen", kann er sich nicht vorstellen. Es sei auch eine finanzielle Frage: Nicht jeder habe Geld für ein schiefergedecktes Dach. Zudem bauten viele mit Fertigbaufirmen. Auch dabei gehe es um die Kosten.

Eine bessere Beratung: Herbert Mayer, Beauftragter für Baukultur im Eifelkreis Bitburg-Prüm, würde es schon reichen, wenn Gemeinden den Bauherren deutliche Empfehlungen mit auf den Weg gäben. Statt neuer Vorschriften hält auch der Kaseler Architekt Stein es für sinnvoller, über gezielte Beratung einen Kanon von Geboten weiterzugeben - und auch zu erklären, warum diese sinnvoll sind. So wehe auch heute in Eifel und Hunsrück noch regelmäßig ein Wind, der Dächer mit großen Überständen abdecken könne. Stein fordert Beratung und "moderierte Verfahren", so wie es sie am Trierer Petrisberg gegeben habe, wo Baugebiete aus einem Guss entstanden sind. Ein Problem, interessierte Bauherren zu finden, gab es dort übrigens nicht. Beratung hält auch Söhngen für sinnvoll, um ein Bewusstsein für regionale Bautradition zu schaffen.

Ein bisschen mehr Bescheidenheit: Christoph Heckel, der auch Vorsitzender des Architektenbeirats im Landkreis Trier-Saarburg ist, rät Gemeinden und Bauherren angesichts der wuchernden Neubaugebiete voll protziger Häuser zu Bescheidenheit. Was gebaut wird, sollte sich an bestehenden Strukturen orientieren. "Die Leute haben hier einfach und werthaltig gebaut. Da müssen wir wieder hinkommen", sagt er. "Das hat unsere Region starkgemacht."Extra

In Bebauungsplänen können Gemeinden verbindlich vorgeben, wie Flächen genutzt werden - zum Beispiel als reines Wohn- oder als Gewerbegebiet und wie viel der Grundstücksfläche überbaut werden darf, wie hoch die Gebäude werden dürfen oder welche Dachform sie haben. Manche Orte schreiben darüber hinaus vor, welche Dachneigung, Dachfarbe, welche Baumaterialien oder welche Bepflanzung gewünscht wird. In vielen Gemeinden existieren solche Pläne allerdings nur für Neubaugebiete. Wenn Baulücken eines bestehenden Wohngebiets geschlossen werden, so soll sich die Architektur laut Paragraf 34 des Baugesetzbuches "nach Art und Maß der baulichen Nutzung, der Bauweise und der Grundstücksfläche, die überbaut werden soll, in die Eigenart der näheren Umgebung" einfügen. "Das Ortsbild darf nicht beeinträchtigt werden", heißt es weiter.
Die Landesbauordnungen ermächtigen die Gemeinden, Gestaltungssatzungen zu erlassen, die auch detaillierte gestalterische Vorgaben machen.

In der Region Trier haben dies nur sehr wenige Gemeinden getan, darunter Trier und Bernkastel-Kues. So schützt eine Satzung die einheitliche Dachlandschaft rund um die Trierer Saarstraße: Nur schieferfarbene Sattel-, Mansard- oder Walmdächer sind zulässig. Dachbalkone sind verboten, eine Dachneigung von mindestens 30 Grad Pflicht. Bernkastel-Kues geht mit seiner Gestaltungssatzung noch viel weiter, um seinen architektonischen Reichtum zu schützen und seine Identität zu erhalten: Die Satzung legt detailliert fest, welche Dach-, Trauf-, Gauben-, Fenster- oder Markisenformen zulässig sind, wie die Fassaden auszusehen haben und welche Materialien Bauherren verwenden dürfen. Pro
Katharina
de Mos

Stoppt die Verschandelung
der Landschaft!
Toskanavillen sind schön - wenn sie in der Toskana stehen. In der Eifel, dem Hunsrück oder an der Mosel haben sie nichts verloren. Genauso wenig wie Blockhütten oder Schwedenhäuser. Die Region hat ihre eigene Baukultur. Ihre eigene Identität. Aber wie lange noch? Es ist ein Graus, wie viele Neubaugebiete aussehen. Wo jeder machen darf, was er will. Wo niemand gestaltend eingreift. Und niemand sich darum kümmert, dass das Ergebnis von Blockhaus neben Bauhaus neben Toskanavilla in seiner chaotischen Beliebigkeit die Landschaft verschandelt. Warum sollen Touristen in die Region kommen, wenn die Orte hier genauso aussehen wie überall?
Dabei wäre es doch gar nicht so schwer! Auch in den Fertighauskatalogen finden sich Häuser, die die alten Ortskerne in ihrer modernen Schlichtheit gut ergänzen würden. Und wenn schon nicht so gebaut wird, dass es zur regionalen Baukultur passt, dann doch bitte zumindest so, dass ein roter Faden erkennbar ist und ein harmonisches Gesamtbild entsteht. Wenn es Bauhaus, Alpenfeeling oder Toskana sein muss, dann bitte wenigstens richtig.
Gemeinden sollten dringend steuern, wie sie sich entwickeln wollen. Über klare Vorgaben oder intensive Beratung. Denn die Bausünden bleiben jahrzehntelang stehen.
k.demos@volksfreund.de

Kontra
Marcus Hormes

Gebt den Bauherren ihre Freiheit zurück!

Der Bau eines privaten Eigenheims ist für die meisten Menschen die mit Abstand größte Investition ihres Lebens. Um das finanziell stemmen zu können, müssen sich viele auf Jahrzehnte hin verschulden. Sie stecken Eigenleistung und Herzblut in ihr Projekt, suchen mit Architekten nach guten und bezahlbaren Lösungen etwa für schwierige Grundstückslagen.
Doch statt zumindest bei der Planung möglichst frei agieren zu können, müssen sich Bauherren an zahllose Regeln halten. Nicht genug mit den schon sehr anspruchsvollen gesetzlichen Vorgaben zu Baurecht und Umweltschutz: Jede einzelne Gemeinde kann per Bebauungsplan ein mehr oder weniger enges Korsett an Richtlinien schnüren, das mitunter kaum Luft zum Atmen lässt und das Lebenswerk von Familien völlig unnötig verkompliziert. Und das alles soll jetzt noch verschärft werden durch Gestaltungssatzungen?
Nichts gegen Beratungen und Empfehlungen zu regionaltypischen Bauweisen. Aber bitte kein Zwang, hart verdientes Geld für ästhetisch zweifelhafte und langweilige Einheitsoptik ausgeben zu müssen. Die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Menschen kleiden sich individuell und fahren Autos und Fahrräder in Farben und Formen, die ihnen gefallen. Bauherren gebührt die Freiheit, ihre Träume zu verwirklichen.
m.hormes@volksfreund.de