Wenn zu viel Staub 30 Millionen kostet

Wenn zu viel Staub 30 Millionen kostet

TRIER. Können falsche Pflanzen, zu viel Staub, zu viele Computer und ein Linoleumboden krank machen? Ja, sagt ein Umweltmediziner der Uni Aachen. Weil sich die Probleme im alten Polizeipräsidium an der Südallee angeblich nicht so beheben lassen, dass Krankheiten ausgeschlossen werden können, dürfen sich die Beamten auf eine 30 Millionen Euro teure neue Arbeitsstätte freuen.

In der Uni Trier findet man ihn, in der Fachhochschule, im Katasteramt und in Kasernen in Daun, Spangdahlem, Gerolstein und Baumholder: Linoleumboden. Das Material dort stammt nach TV-Informationen vom gleichen Hersteller wie das im Polizeipräsidium Südallee und wurde im Auftrag des Landesbetriebs Liegenschafts- und Baubetreuung (LBB) verlegt. Gesundheitliche Probleme gab es in der Vergangenheit nirgendwo.Umso mehr erstaunt, dass dieser Bodenbelag einer der Verursacher für die Krankheitswelle unter Trierer Polizisten sein soll, die im Präsidium an der Südallee arbeiteten. So teilte es die LBB in einer Pressemitteilung vom 20. Oktober 2005 mit.

"Baustoff-Atlas" empfiehlt Linoleumboden

"In Abhängigkeit von physikalischen Einwirkungen und Temperatureinflüssen" setze der Boden Reizstoffe frei, die "unter Umständen zu Irritationen der Schleimhäute der Augen, Nase und oberen Atemwegen sowie der Haut führen". Ferner seien Reinigungsmittel verwandt worden, "welche möglicherweise ebenfalls entsprechende Reizstoffe freisetzen können".

Architekten und Bauingenieure wundern sich über diese Feststellungen und verweisen auf einschlägige Literatur wie das Standardwerk "Baustoff-Atlas" vom Experten Manfred Hegger. Darin heißt es über Linoleum, ein künstlich aus nachwachsenden Rohstoffen hergestelltes Material: "Kann in allen Innenräumen verlegt werden und eignet sich wegen seiner antibakteriellen Eigenschaften auch für stark strapazierte Bereiche wie Krankenhäuser, Schulen und Turnhallen. Der Belag kann problemlos staubfrei gehalten werden und ist daher aus medizinischer Sicht günstig für das Umfeld von Asthmatikern." Wieso der Linoleumboden im Polizeipräsidium und nur da Krankheiten ausgelöst haben soll, bleibt ein Rätsel.

Schon eher eine Erklärung wäre, dass es nach dem Verlegen des Bodens im Präsidium anscheinend Probleme beim Reinigen gab. So wurde nach TV-Informationen nach einer ersten Grundreinigung 2004 ein weißes Pulver entdeckt. Die ausführende Firma soll daraufhin mit einer zweiten Grundreinigung auf ihre Kosten beauftragt worden sein. Doch der Boden wurde noch ein drittes Mal gesäubert, diesmal unter Anleitung eines Gutachters namens Anton Boschet, offenbar wieder nicht mit dem gewünschten Erfolg.

Unzureichend gereinigt

Eine TV-Anfrage, welche gesundheitsgefährdenden Substanzen im Gebäude bei der monatelangen Suche diverser Gutachter gefunden wurden, beantwortete LBB-Geschäftsführer Hubert Heimann so: "Ganz gleich, wie die Beantwortung unsererseits vorgenommen wird, es würde sich immer nur um Fragmente dessen handeln können, was tatsächlich bei den Messungen und Gutachten eine Rolle gespielt hat. Die Ergebnisse sind nur sehr aufwändig und auf wissenschaftlicher Basis exakt wiederzugeben. Der Anspruch an die Veröffentlichung der Untersuchungsergebnisse, wie er von uns vertreten wird, verantwortet daher keine gekürzte oder pauschalierte Wiedergabe."

Der TV fand heraus, dass mindestens sechs Gutachten im Auftrag der LBB erstellt wurden:

Diplom-Ingenieur Ralf Marth legte am 1. April 2005 eine "Überprüfung einer Linoleum-Bodenbelagsprobe hinsichtlich Abpudern" vor.

Der Sachverständige Anton Boschet erstellte im April 2005 ein Gutachten zur "Feststellung der Ursache von Abpuderungserscheinungen".

Die Ingenieurgesellschaft für Luft-, Abgas-, Bodenanalytik und Umweltfragen legte am 20. April 2005 nach Material- und Raumluftuntersuchungen im Polizeipräsidium einen technischen Bericht vor.

Die BAD Gesundheitsvorsorge und Sicherheitstechnik GmbH äußerte sich in einem Schreiben vom 3. Mai 2005.

Vom 14. Juli 2005 datiert ein Gutachten "Eurofins" zur Raumluftbelastung.

Am 22. August 2005 präsentierte Gutachter Norbert Strehle seinen Bericht inklusive eines Prüfberichtes vom 22. Juli 2005 von Prof. Dr. Markus J. Bichler zur "Untersuchung der Inhaltsstoffe und Emittenten von Ausbauproben in Trier".

Keiner der genannten Gutachter fand einen plausiblen Zusammenhang zwischen den Krankheitsfällen der Polizisten und dem Gebäude. Auch die Erkenntnisse des Umweltmediziners Dr. Gerhard Wiesmüller von der Uni Aachen, der die gesammelten Ergebnisse bewertete, deuten nicht auf einen mysteriösen Virus hin. Festgestellt wurden unzureichende Reinigungsmaßnahmen und deshalb Staubbelastungen, zu hohe Temperaturen im Sommer und zu niedrige Luftfeuchtigkeit im Winter, unergonomische Arbeitsplätze, zu viele Computer, Drucker und Kopierer in den Büros sowie Pflanzen, die "allergisierende Stoffe" freisetzten, außerdem Lärmbelastungen.

Die Kosten für das Beheben dieser Probleme dürften wesentlich geringer ausfallen als vom Landesbetrieb LBB angegeben, der eine Summe von 15 Millionen Euro ins Spiel brachte. Würden zum Beispiel alle in den Büros verlegten Linoleumböden ersetzt, fielen bei rund 2000 Quadratmeter Fläche und einem geschätzten Preis von 100 Euro pro Quadratmeter lediglich 200 000 Euro an.