Wer die Spritze will, muss warten

Wer die Spritze will, muss warten

Immer mehr Leute wollen sich anscheinend gegen die neue Grippe impfen lassen. Doch die Patienten können nicht einfach so zu ihrem Arzt gehen und sich die Spritze geben lassen. Nicht alle Ärzte impfen, außerdem braucht man einen Termin dafür.

Trier. Frank Wiß hat sich, wie er sagt, vom Saulus zum Paulus gewandelt. Vor einigen Wochen sei er noch gegen die Schweinegrippe-Impfung gewesen: "Ich dachte, das sei alles Panikmache", sagt der Allgemeinmediziner aus Wasserliesch (Kreis Trier-Saarburg). Kritisch ist er zwar immer noch im Hinblick auf die Impfung, aber nicht mehr gegen sie: "Wenn ich dadurch Leuten zehn Tage Krankheit ersparen kann, dann ist das doch eine gute Sache", sagt der Arzt. Auch bei seinen Patienten bemerkt er ein Umdenken. Die Nachfrage nach der Impfung sei seit ein paar Tagen gestiegen. Am Wochenende waren neue Todesfälle durch die Schweinegrippe in Deutschland bekanntgeworden.

Doch Frank Wiß muss wie die anderen 66 niedergelassenen Ärzte in der Region, die die Impfung gegen die neue Grippe anbieten, seine Patienten vertrösten. Die Apotheke, die für ihn den Impfstoff Pandemrix bereithält - jeder der zugelassenen Ärzte im Land ist genau einer Apotheke zugeordnet, bei der er die benötigten Impfdosen beziehen kann - hat keinen Impfstoff. Wiß hofft, dass er am Donnerstag die ersten 20 Patienten impfen kann.

Doch selbst wenn es genügend Impfstoff gibt, kann nicht jeder, der sich impfen lassen will, einfach zu einem der Ärzte gehen. Er muss sich auf eine Warteliste setzen lassen. Erst wenn der Arzt zehn Impfwillige zusammenhat, wird er einen Termin mit ihnen vereinbaren. Grund dafür: Ein Fläschchen Pandemrix reicht für zehn Impfungen. Hat ein Arzt die Flasche erst einmal geöffnet und daraus den Stoff gemischt, muss er ihn innerhalb von 24 Stunden aufbrauchen.

Bezahlt werden die Ärzte übrigens nicht wie für die anderen Leistungen aus dem Honorartopf der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Rheinland-Pfalz, sondern von der Krankenkasse AOK. Sechs Euro pro Impfung zahlt die im pfälzischen Eisenberg sitzende Kasse den Ärzten. Die AOK hatte zunächst alle Ärzte im Land angeschrieben, mit denen sie bislang bereits Einzelverträge über bestimmte Leistungen hatte, um sie für die Schweinegrippe-Impfung zu gewinnen. Mittlerweile können sich auch die Ärzte direkt bei der AOK melden. In anderen Bundesländern organisieren die dortigen Kassenärztlichen Vereinigungen und die Gesundheitsministerien die Massen-Impfungen. In Rheinland-Pfalz ist die KV aus der Organisation ausgestiegen, nachdem sich die AOK geweigert hatte, die Impfung gegen die normale Grippe für alle ihre Versicherten zu bezahlen. Die Krankenkasse hält sich strikt an die Impfempfehlungen des für die Gesundheitsüberwachung zuständigen Robert-Koch-Instituts, die die normale Grippe-Impfung (genau wie die gegen Schweinegrippe) nur für Patienten mit bestimmten Vorerkrankungen wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Problemen empfehlen. Darüber war ein Streit zwischen KV und AOK entbrannt; daraufhin hat die Kasse die Organisation der Impfung übernommen, was dazu geführt hat, dass es derzeit noch in einigen Städten, wie etwa Bitburg, keinen Arzt gibt, der gegen die Schweinegrippe impft. Weder beim rheinland-pfälzischen Gesundheitsministerium, das immerhin die Liste der Impfärzte auf seiner Internetseite veröffentlicht, noch bei der KV fühlt man sich allerdings zuständig für die Auswahl der Ärzte. Beide verweisen an die AOK.

Doch wie nun die rund 700 landesweit rekrutierten Impfärzte es schaffen sollen, im Laufe des kommenden Jahres wie geplant 2,4 Millionen Rheinland-Pfälzer zu impfen, weiß derzeit noch keiner. Jeder Arzt müsste dann rund 3400 Patienten impfen. hintergrund Ausbreitung: "In den nächsten Tagen wird es auch bei uns deutlich mehr Fälle von Schweinegrippe geben", sagt Harald Michels, Leiter des Trierer Gesundheitsamtes. Er geht ohnehin davon aus, dass es auch in der Region weitaus mehr Fälle gibt als die bisher rund 300 registrierten Erkrankungen. Grund: Nicht jeder, der mit Verdacht auf Schweinegrippe zum Arzt kommt, wird auf das neue Virus getestet. Nur wenn die Gefahr besteht, dass er schwer daran erkranken könnte, wird getestet. 22,12 Euro kostet nämlich ein Schnelltest. (wie)hintergrund Normale Grippe: Neben Schweinegrippe-Fällen gibt es auch erste Fälle der normalen Grippe (saisonale Influenza) in der Region. Seit dem Monat Mai wurden in der Region 24 Influenza-Erkrankungen registriert, in ganz Rheinland-Pfalz sind bislang 79 Personen an der Grippe erkrankt. Von Januar bis Ende April gab es in der Region 311 Influenza-Fälle. Fast exakt so viele Menschen sind in den vergangenen sechs Monaten an der neuen Grippe erkrankt. Die normale Grippe tritt verstärkt zu Jahresbeginn auf. (wie)

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