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Wer im Zug mal muss, riskiert ein Malheur

Wer im Zug mal muss, riskiert ein Malheur

Verstopfte oder komplett defekte Zugtoiletten können schnell zum ernsten Problem werden, wenn ein Fahrgast dringend muss, aber eben nicht kann. Eine Passagierin verklagte deshalb die DB Regio AG auf Schmerzensgeld. Das Amtsgericht Trier gab ihr recht. Es sprach der Frau 200 Euro zu.

Trier. Im trockenen und oft verschwurbelten Juristenjargon war es eine "unerlaubte Handlung in Form eines Organisationsverschuldens". Für eine Frau aus Trier muss es ein unsagbar unangenehmer und peinlicher Moment gewesen sein, der sie sicher mit großem Zorn erfüllt hat. Während einer zweistündigen Fahrt der Regionalbahn von Koblenz nach Trier musste sie feststellen, dass die einzige Toilette defekt war. Die vielen Stopps waren zu kurz, um auszusteigen und draußen aufs Klo zu gehen. Schließlich wurde der Harndrang so stark, dass sie es nach der Ankunft in Trier nicht mehr bis zur nächsten Toilette schaffte.
Dieses Malheur wollte sie nicht einfach hinnehmen und ging vor Gericht. Sie forderte Schmerzensgeld von der DB Regio AG, denn es sei natürlich die Schuld dieser Betreibergesellschaft, dass der Zug kein einziges funktionierendes Klo hatte. Man könne von den Fahrgästen ja wohl kaum erwarten, einfach zwei Stunden lang nicht zu müssen.
Die Trierer Richter sahen sich den Fall genau an, drehten und wendeten ihn, betrachteten alle Seiten - und gaben der Klägerin in großen Teilen recht. Die DB Regio AG soll ihr 200 Euro Schmerzensgeld zahlen.
Anschlusszug verpasst


Das Malheur kündigte sich bereits früh an. Die Klägerin war an jenem Tag von Düsseldorf nach Trier unterwegs. Ihr IC fuhr in Düsseldorf jedoch mit Verspätung los, so dass sie ihren geplanten Anschlusszug in Koblenz nicht mehr erreichte.
Stattdessen musste sie sich in Koblenz neu orientieren und nahm eine zehn Minuten später fahrende Regionalbahn in Richtung Trier.
Hätte sie nicht bei dieser Gelegenheit aufs Klo gehen können oder sogar müssen? Oh nein, sagten die Trierer Richter. Bei der Suche nach einem neuen Anschlusszug kommt es manchmal auf Sekunden an. Wer mit vollem Gepäck von einem Gleis zum nächsten sprinten muss, kann nicht in die Pflicht genommen werden, schon mal vorsorglich die Toilette zu besuchen, falls der nächste Zug gerade keine im Angebot haben sollte.
Die Regionalbahn kam, die Frau stieg ein. Und merkte nach kurzer Zeit, dass sie mal muss. Sie merkte ebenfalls, dass die Bahn, in der sie saß, nur eine einzige Toilette hatte. Und die war defekt, verschlossen, unbenutzbar. Der Zugbegleiter, früher hieß er Schaffner, konnte ihr auch nicht helfen, sondern bestätigte lediglich, dass die Regionalbahn bereits mit einem kaputten Klo in den Bahnhof Koblenz eingefahren sei. Zeit für eine Reparatur gab es natürlich nicht. Was also tun? Die Regionalbahn von Koblenz nach Trier hält zwar an jeder Milchkanne, doch immer nur so kurz, dass jedes Aussteigen zum Stranden im Nirgendwo geführt hätte. Die Klägerin hatte keine Chance. Die Zugfahrt wollte und wollte nicht enden, die Frau litt in jeder Minute mehr. Als die Bahn nach zwei qualvollen Stunden endlich in Trier ankam, war es schließlich zu spät.
Rechtzeitiger Hinweis


Die Klage ist völlig berechtigt, urteilte das Amtsgericht Trier. Die Bahn habe sich einer Pflichtverletzung schuldig gemacht, indem sie weder eine funktionierende Toilette noch eine "zumutbare Möglichkeit zur Inanspruchnahme anderer Toiletten" angeboten habe. Das Mindeste, so die Trie-rer Richter, sei ein rechtzeitiger Hinweis in Koblenz gewesen. Achtung, liebe Fahrgäste! Bevor Sie in diesen Zug steigen, weisen wir Sie darauf hin, dass er keine Toiletten hat. Vielleicht überlegen Sie es sich ja nochmal und warten lieber auf den nächsten. Immer vorausgesetzt, dessen Toilette funktioniert.Meinung

Ein wichtiges Signal
Züge haben Verspätung - das ist Alltag. Fahrgäste verpassen Anschlusszüge, Termine, Verabredungen - geschieht immer wieder. Klimaanlagen fallen aus, Züge sind total überfüllt, für ältere Menschen und Eltern mit kleinen Kindern wird die Fahrt schnell zur Qual - ein gewohntes Bild. Gewohnt, aber dennoch inakzeptabel. Die Bahn lädt ihre internen, personellen und technischen Probleme jeden Tag bei ihren Kunden ab. Aber jetzt ist das Maß endgültig voll. Da rollt ein Zug ohne ein einziges funktionierendes Klo durch die Landschaft, und die Bahn nimmt es in Kauf. Die Kunden sind schließlich Leid gewohnt. Das Urteil des Amtsgerichts Trier ist deshalb ein wichtiges Signal. Wem so viel Unheil widerfährt, nur weil er Reisen mit der Bahn für eine gute Idee hält, der soll klagen und hat gute Chancen zu gewinnen. Denn von der lapidaren Bitte um Verständnis, die man in den Lautsprechern der Züge so oft hört, hat der Passagier nichts. j.pistorius@volksfreund.deExtra

Eine Stellungnahme zum aktuellen Urteil des Trierer Amtsgerichts sei zurzeit noch nicht möglich, sagt Sylvia Wagner vom Kommunikationsbüro der Bahn für Rheinland-Pfalz, Hessen und das Saarland am Dienstag. Solange das Urteil und die Begründung nicht schriftlich zugestellt worden seien, werde sich die Bahn nicht äußern. Direkt an Bahnchef Rüdiger Grube hatte sich bereits 2013 ein Fahrgast aus Konz schriftlich gewandt. Auch sein Thema war ein Zug ohne funktionierende Toilette (der TV berichtete). Die Bahn entschuldigte sich. "Mitunter müssen defekte Zugtoiletten länger als gewünscht im Zugverband verbleiben und werden dann geschlossen." jp