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Wespenspinne: Vom Horror-Tier zur Spinne des Jahres 2021

Natur : Wespenspinne: Vom Horror-Tier zur Spinne des Jahres

Vor einem halben Jahrhundert sorgte die gefährlich aussehende Wespenspinne in Deutschland für ähnlich große Aufregung wie nun die Nosferatu-Spinne. Zu Recht? Sieht man mal davon ab, wie sich das Tier beim Sex verhält, gibt es eigentlich nichts zu meckern.

Nosferatu-Spinne. Schon der gruselige Name des außergewöhnlich großen, achtbeinigen Krabbeltieres könnte die Aufregung erklären, die die Ausbreitung dieser südeuropäischen Spinnenart in Deutschland aktuell auslöst. Seit das (zwar spinnentypisch giftige, aber nicht wirklich gefährliche) Tier sich mit dem schnell voranschreitenden Klimawandel in wärmeren Gegenden wie dem Rheintal in immer mehr Häusern und Gärten sehen lässt, kommt die Spinne nicht mehr aus den Schlagzeilen heraus.

Bei all dieser Aufregung lohnt ein lehrhafter Blick in die Geschichte. Denn nicht minder groß war vor einem halben Jahrhundert die Aufruhr, als im warmen Rheintal erstmals eine ebenfalls aus Südeuropa eingewanderte Wespenspinne gesichtet wurde. Mit ihrem großen, in grellen Warnfarben gestreiften Hinterleib, ihren üppigen Netzen und ihren langen getigerten Beinen wirkte sie aber auch wirklich gefährlich!

Dabei konnte und kann diese bis zu 2,5 Zentimeter große Spinne Menschen nicht einmal richtig beißen, weil ihre Giftzähne zu kurz sind, um die Haut zu durchdringen. Höchstens am dünnhäutigen Ohrläppchen könnte das klappen. Da müsste man sich also schon ziemlich anstrengen und kopfüber ins Netz abtauchen, das meist recht bodennah in Höhen zwischen 20 und 70 Zentimetern angebracht ist. Dort hat die Spinne nämlich die besten Chancen, dass ihr eine unachtsame Heuschrecke in die Arme hüpft – ihr Lieblingsessen. An Menschen hingegen haben die Tiere trotz all der Aufmerksamkeit, die sie vor Jahrzehnten erhielten, keinerlei Interesse.

 Eine Wespenspinne hat es sich im Sommer 2022 in einer ruhigen Ecke im Garten unserer Autorin gemütlich gemacht. Die auffällig gelb-schwarz-gestreiften Tiere jagen vor allem Heuschrecken.
Eine Wespenspinne hat es sich im Sommer 2022 in einer ruhigen Ecke im Garten unserer Autorin gemütlich gemacht. Die auffällig gelb-schwarz-gestreiften Tiere jagen vor allem Heuschrecken. Foto: TV/Katharina de Mos

Nach der Paarung fressen sie die Männchen

Gefährlich sind die gelb-schwarz-gestreiften Spinnenweibchen hingegen für die deutlich kleineren, unauffällig hellbraunen Männchen. Denn wie so viele Spinnen ist auch diese kannibalistisch veranlagt und versucht, den Partner gleich nach der Paarung zu vertilgen. Laut Naturschutzbund Nabu überleben 80 Prozent der Männchen das Prozedere nicht. Als wäre das nicht schon unangenehm genug: Beim Versuch den riesigen Fangarmen doch noch zu entkommen, bricht vielen Spinnerichen das Organ namens Bulbus ab, mit dem sie ihre Spermien übertragen. Immerhin verstopfen sie so die Geschlechtsöffnung des Weibchens und haben bessere Chancen, Vater zu werden.

Gut. Mag dies in Menschenohren auch wenig beruhigend und sympathisch klingen, heute hat man sich in unseren Breiten längst mit der Wespenspinne angefreundet. Ist sie doch inzwischen überall in Deutschland und sogar fast überall in Europa weit verbreitet. 2001 wurde sie sogar zur Spinne des Jahres gewählt.

Wespenspinne auch in der Region zu Hause

Auch in der Region Trier kann man das auffällige Spinnentier an sonnig-warmen, offenen Standorten bewundern, die nicht gemäht werden. Also zum Beispiel auf Trockenrasen, in wilden Gärten, an Wegrändern oder im Brachland.

Schlagzeilen à la „Wie gefährlich ist die Wespenspinne?“ liest man erst wieder seit die Nosferatu-Spinne durch Deutschland krabbelt.

Kleiner Blick in die Glaskugel: Angesichts ihrer aktuellen Sympathiewerte könnte es wohl noch ein paar Jahrzehnte dauern, ehe auch Nosferatu zur Spinne des Jahres gewählt wird.