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"Wie Chris Roberts gegen Robbie Williams"

"Wie Chris Roberts gegen Robbie Williams"

TRIER/MAINZ. 75 Tage vor dem Urnengang geht der rheinland-pfälzische Landtagswahlkampf in die heiße Phase. Schafft Titelverteidiger Beck den Punktsieg? Mit welcher Kampfstrategie könnte ihm Herausforderer Böhr den Landesvater-Thron streitig machen? Trierer Polit-Experten und Werbe-Profis analysieren die Situation und die Chancen unterschiedlich.

Schützend legt der freundliche Herr mit den grauen Haaren die schicke braune Freizeitjacke um die nette Frau, die bei ihm Unterschlupf sucht. Gemeinsam begrüßen sie strahlend das Jahr 2006. Christoph Böhr samt Ehefrau Margret auf Hunderten von Plakatwänden: Mit diesem Coup zum Jahreswechsel hat die Union unübersehbar den Landtagswahlkampf eingeläutet.Spitzenkandidat in der Familienpackung

Der Spitzenkandidat in der Familienpackung: Das ist die Attacke auf das Image des bürgerfernen Intellektuellen, das Böhr so hartnäckig anhaftet wie der Kaugummi einer Schuhsohle. Er tue sich "schwer mit der rheinland-pfälzischen Seele", hat kürzlich ausgerechnet die konservative "Welt" geschrieben. Böhr komme in den Medien "einfach viel schlechter 'rüber als privat", sagt der Trierer Image-Profi Ronald Frank, Chef der "Medienfabrik". Dagegen gelte es im Wahlkampf mit allen Kräften anzugehen. Aber das sei nicht einfach "in nur acht Wochen Crunchtime". Zumal bei einem Gegner, der "als Integrationsfigur ideal positioniert" sei. Da helfe es nur, wenn Böhr "so deutlich und verbindlich wie möglich als Person agiert". Frank Jöricke von der Föhrener Agentur "zweipunktnull" analysiert die Lage ähnlich, zieht aber entgegengesetzte Schlüsse. Angesichts der unangefochtenen Position von Kurt Beck rät er Böhr von einem Personenwahlkampf gänzlich ab: "Das ist so, als würde Chris Roberts gegen Robbie Williams antreten." Die CDU habe nur eine Chance, "wenn sie einen konsequenten Themenwahlkampf führt". Die "wachsende Akzeptanz für Angela Merkels nüchternen Politikstil" zeige, dass Sachlichkeit bei den Bürger gut ankomme. Ein themenorientierter Wahlkampf setzt freilich kontroverse Inhalte voraus. Die liefert meistens die Bundespolitik. Angesichts des Umstands, dass eine große Koalition regiert, sitzen aber die beiden Mainzer Kontrahenten als stellvertretende Parteivorsitzende am gemeinsamen Koalitionstisch. "Tragisch für Böhr" seien die Bundestags-Neuwahlen und ihre Konsequenzen, findet Politik-Professor Axel Misch von der Uni Trier. Der erhoffte "Denkzettel-Effekt" gegen die unpopuläre Schröder-Regierung ist perdü, einen nennenswerten "Merkel-Bonus" vermag Misch noch nicht zu erkennen. Im Gegenteil: Weil Merkels Koalitionspartner SPD bei einer möglichen Beck-Abwahl in Turbulenzen und die Bundesregierung damit ins Wackeln geraten könnte, prognostiziert der Politologe ein "nicht gerade überbordendes Engagement" der Kanzlerin für ihren langjährigen Gefolgsmann. Ganz so radikal will Misch-Kollege Wolfgang Lorig den Kanzlerinnen-Bonus nicht ausschließen. Dennoch überlagere angesichts des Berliner Patts "die Landespolitik diesmal die Bundespolitik", sagt der Privatdozent. Wolle die CDU gewinnen, müsse sie "den Bürgern die Defizite der Regierung aufzeigen". Weil den Spitzen-Christdemokraten weniger Medien-Präsenz zur Verfügung stehe als der SPD-Ministerriege, sei es entscheidend, "möglichst viele Bürger-Kontakte in den Wahlkreisen zu suchen". Die Wahl, glaubt Lorig, sei "noch keinesfalls entschieden". Er hält auch eine große Koalition in Mainz für möglich. Kollege Misch sieht dagegen bei Kurt Beck "das bessere Ende der Wurst". Eine Böhr-Profilierung über Landesthemen sei "kaum zu machen", schließlich gebe es auf Landesebene "keine großen Differenzen", sondern eher "eine ziemliche Themen-Not". Vielleicht gehen deshalb alle Experten davon aus, dass die SPD in den nächsten Wochen eine konsequent personalisierte Beck-Kampagne starten wird. Der Ministerpräsident macht offiziell noch gar keinen Wahlkampf, ist aber omnipräsent, vom Feuerwehrfest in Idar-Oberstein über den Karneval in Waldfischbach und die evangelische Synode in Bad Neuenahr bis zu "Heute" und Tagesschau. Da fällt es schwer, gegenzuhalten, wenn man wie Christoph Böhr froh sein muss, wenigstens ein paar Minuten als Sitznachbar von Angela Merkel von den Kameras der Großen erhascht zu werden.