Wie der Klimawandel die Region verändern könnte

Wie der Klimawandel die Region verändern könnte

Wächst an der Mosel bald Rotwein statt Riesling? Und in der Eifel Hirse statt Weizen? Fest steht: Der Klimawandel verändert die Kulturlandschaft der Region und die Arbeitsweise von Bauern und Winzern.

So mancher Landwirt kann sich gar nicht an das letzte "normale" Jahr erinnern. "Den jährlichen Turnus, den wir früher gewohnt waren, gibt es so nicht mehr", sagt Manfred Zelder vom Bauern- und Winzerverband Bernkastel-Wittlich. Das Wetter macht, wie im April, nun immer öfter, was es will.

Experten drücken das anders aus. "Die Klimavariabilität hat zugenommen", sagt Ulrich Matthes, Leiter des rheinland-pfälzischen Kompetenzzentrums für Klimawandelfolgen. Heiße und kalte, nasse und trockene Phasen wechseln sich schneller ab. Weil es insgesamt immer wärmer wird, treten Fröste zwar seltener auf. Doch können sie härter zuschlagen, weil die Pflanzen immer früher austreiben und blühen. Extremwetter wie Starkregen, Hagel oder Gewitter werden laut Matthes - zumindest gefühlt - häufiger. Um das statistisch nachweisen zu können, müsse man Zeiträume von 30 oder gar 100 Jahren abwarten.

Doch dazu fehlt die Zeit. Bauern und Winzer müssen sich jetzt anpassen, wenn sie weiterhin gute Ernten einfahren wollen. Und das tun sie auch.

Weinbau: Für Winzer bringt der Klimawandel zahlreiche Herausforderungen - aber auch einige Chancen mit sich. Lange warmfeuchte Perioden, wie es sie 2016 gab, führen dazu, dass sich Pilzkrankheiten ausbreiten. Starkregen und Hagel lassen die Früchte aufplatzen und tragen den Boden ab. Sonne lässt die Beeren verbrennen. Die aus Südostasien eingewanderte Kirschessigfliege ritzt rote Trauben an, um ihre Eier abzulegen. Und Zikaden übertragen krankheitsauslösende Viren oder Bakterien auf Rebstöcke.

Ein großes Problem ist laut Weinbauexperte Matthias Porten vom Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Mosel zudem, dass sich Reife- und Austriebszeit verschoben haben. Manche frühen Rebsorten werden inzwischen so früh im Jahr reif, dass Fäulnis und Pilze bei sommerlichen Temperaturen ordentlich zuschlagen können. Daher beginnt die Ernte nun öfter mal früher. So hat Landwirtschaftsminister Volker Wissing als Reaktion auf heftige Unwetter und die feuchtwarme Witterung bereits Ende August den Startschuss für die Dornfelder-Lese gegeben. "2017 ist ein schwieriges Jahr für Landwirtschaft und Weinbau", sagt Wissing, der es Winzern zudem gestattet, ihren Wein zu säuern. Enthalten die Trauben der Sorten Müller-Thurgau, Portugieser und Dornfelder doch viel zu wenig Säure, weil es 2017 so warm und bis Juni auch sehr trocken war.

"Ein ganz großes Problem stellt bei häufigeren Starkregen die Erosion dar", sagt Porten. Sie führe zu sehr hohen Bodenverlusten. Um dem Paroli zu bieten, setzen viele Winzer laut Mosel-Weinbaupräsident Rolf Haxel auf Dauerbegrünung. Zudem denke sein Weinbauverband darüber nach, eine Kombi-Versicherung gegen Starkregen, Hagel und Fröste einzuführen.

Mit dem Klimawandel kommt auch der Technik eine größere Bedeutung zu: Entlauber, Pflanzenschutzgeräte und Ernter helfen Winzern, schnell auf neue Wetterlagen zu reagieren. Zudem wird es laut Porten wichtiger, faule oder verbrannte Trauben auszusortieren. Die große Frage ist, ob der Riesling an der Mosel dauerhaft die Leitsorte bleibt, wenn es wärmer wird - oder ob hier künftig typisch spanische und französische Reben wachsen. Laut Porten könnte der rote Riesling eine gute Alternative zum klassischen Riesling darstellen, da seine roten Beeren nicht so schnell verbrennen. Apropos Rotwein: Dessen Anbaufläche hat sich seit 1999 verdoppelt. Rotwein wächst an der Mosel inzwischen auf knapp zehn Prozent der Flächen. Spätburgunder ist besonders stark im Kommen. Wegen des Klimawandels - laut Landwirtschaftskammer aber auch, weil Verbraucher Wert auf Qualität legen. "Am Anfang haben wir roten Wein produziert. Inzwischen machen wir Rotwein", sagt Haxel. Auch in flachen Lagen ließen sich inzwischen hochwertige Weine produzieren.

Landwirtschaft: Hitze, Dürre, Spätfrost, Starkregen, Hagel oder Sturm bereiten Landwirten ebenso große Probleme wie den Winzern. Die Erträge sinken, die Qualität leidet. So haben laut Christa Thiex vom DLR Eifel dieses Jahr Wintergetreide, Winterraps, Weizen, Triticale und das Grünland, aber auch Sommergerste, Hafer oder Erbsen unter der extremen Trockenheit des Frühjahrs und zum Teil auch unter den Spätfrösten gelitten.

Der Mais hingegen - wenn ihn nicht der Hagel traf - gedeiht prächtig. Das liegt laut Klimaforscher Matthes daran, dass sogenannte C4-Pflanzen wie Mais einen anderen Stoffwechselweg nutzen, um Kohlendioxid zu binden. Sie kommen deutlich besser mit Hitze und Trockenheit zurecht als C3-Pflanzen, zu denen das heimische Getreide zählt. Auch Hirse oder Soja gehören zu den Pflanzen, die der Klimawandel begünstigen könnte. Aktuell spielen sie aber noch keine große Rolle.

Genau wie im Weinbau machen den Bauern neue Schädlinge zu schaffen. Kartoffelkäfer, Blattläuse, Maiszünsler und Zikaden fallen über Pflanzen her. Mücken übertragen die Blauzungenkrankheit oder den Schmallenberg-Virus auf Rinder, Ziegen oder Schafe. Wärmeliebendes Unkraut breitet sich aus. So kämpft Zelder auf seinen Wiesen mit Mäusegerste, die als Viehfutter vollkommen ungeeignet und schwer zu bekämpfen sei. Tiefwurzelnde Arten wie Ampfer oder Ackerdistel machen es den Kulturarten laut Thiex schwer, weil sie bei Trockenheit im Vorteil sind. Ist es warm und feucht - wie so oft zuletzt - breitet sich der Mehltau aus. Langfristig wird die Nutzung von Digitaltechnik und GPS laut DLR eine wichtige Rolle spielen, um den Pflanzenschutz oder die Düngung exakt auf die jeweiligen Flächen und Kulturen abzustimmen. Aber auch die Forschung sei gefordert, sagt Thiex. Die Dienstleistungszentren testen daher neue Pflanzensorten oder -mischungen, die resistent sind oder besser mit Trockenstress, Frösten oder den höheren Temperaturen zurechtkommen.